Interview mit Theo Waigel "Die CSU hat sich nie unterkriegen lassen"

Ein bisschen Streit mit der großen Schwesterpartei gehört für ihn dazu: Nach dem CSU-Parteitag in Nürnberg lobt Ex-Parteichef Theo Waigel das Führungstandem - und prophezeit Positives für die Landtagswahl.

Interview: Annette Ramelsberger und Kassian Stroh

Theo Waigel, 69, wurde nach dem Tod von Franz Josef Strauß 1988 CSU-Vorsitzender - er blieb es bis 1998. In dieser Zeit saß er auch als Finanzminister unter Helmut Kohl (CDU) im Bundeskabinett. Waigel besuchte den CSU-Parteitag.

"Ich kenne dieses Ritual seit 40 Jahren": Ex-CSU-Chef Theo Waigel lässt sich von unionsinternem Gezänk nicht aus der Ruhe bringen

(Foto: Foto: Getty Images)

SZ: Waren die Angriffe der CSU gegen Kanzlerin Merkel nur sportliche Rauferei oder ist die CSU zu weit gegangen?

Waigel: Frau Merkel hat jedenfalls die Debatte, ob sie die Herzen der Menschen erreicht, auf dem Parteitag erfolgreich beendet.

SZ: Das hatte die CSU ja bezweifelt.

Waigel: Ich kenne dieses Ritual, CSU gegen CDU, nun seit 40 Jahren. Am ersten Tag finden das viele Leute in Bayern und in der CSU gut. Prima, dass ihr das mal gesagt habt, heißt es da. Am zweiten Tag wird die Zustimmungsfront schwächer. Am dritten Tag sagen die meisten, jetzt wär's gut, wenn wieder Ruhe wäre. So ist es auch diesmal.

SZ: Diesmal waren es aber nicht drei, sondern 14 Tage, mindestens.

Waigel: Frau Merkel hat einen glänzenden Auftritt hingelegt, kämpferisch, wie ich sie selten erlebt habe. Willensstark und siegeswillig. Die CSU muss sich den Zuspruch, den Frau Merkel bekommen hat, auf die eigenen Fahnen heften. Und sich nicht ärgern - so wie sich früher Franz Josef Strauß geärgert hat, wenn Helmut Kohl zu viel Beifall bekam.

SZ: Günther Beckstein hat gesagt, die CSU brauche keinen Wahlsieg von Merkels Gnaden. Macht sich die CSU durch solche Worte nicht selbst klein?

Waigel: Der Streit ist zu Ende und ich rate der CSU auch, ihn nicht neu aufflammen zu lassen.

SZ: Wie haben Sie als CSU-Chef in Bonn reagiert, wenn wieder Querschüsse aus München kamen?

Waigel: Ich habe die Leute an den gleichen Tisch geholt. Edmund Stoiber hat in dem Moment nicht mehr kritisiert, in dem er mitreden durfte. So war es auch schon bei Strauß. Wenn die Herrschaften der CSU mit am Tisch saßen, verliefen die Diskussionen meist sehr friedlich.

SZ: Daheim in München haben sie das dann wieder vergessen.

Waigel: Das gehört zum Repertoire. Das hat ja auch etwas Ermunterndes. Die CSU muss ihre Eigenständigkeit hin und wieder unter Beweis stellen. Sie darf das auch gegenüber starken CDU-Vorsitzenden tun. In der Steuerpolitik stehe ich an der Seite von Erwin Huber - aus sachlichen Gründen. Merkel hat auf dem Parteitag ja auch einen Schwenk vollzogen. Sie hat nicht gesagt, erst den Haushalt konsolidieren und dann Steuern senken wie bisher. Sie hat gesagt: beides miteinander.

SZ: Läuft sich denn das Ritual "CSU haut CDU" nicht irgendwann einmal tot?

Waigel: Nein, das bekommt immer wieder Aufmerksamkeit. So wie die Journalisten nach Kreuth gehen und nach Passau, so werden sie sich immer an kleinen Auseinandersetzungen zwischen CDU und CSU erfreuen. Wenn man keinen Unterschied mehr sieht zwischen den beiden Parteien, könnte die CSU auch gleich zum Landesverband der CDU werden.

SZ: Raufen ist aber nur spannend, wenn sich zwei ebenbürtige Gegner angreifen.

Waigel: Die CSU war auch in der Vergangenheit nicht immer ganz toll aufgestellt. Sie hat sich deswegen nie unterkriegen lassen. Und Sie können davon ausgehen, dass die Union ohne die Selbstständigkeit der CSU nie und nimmer 40 Prozent im Bund holt.

SZ: Die Stimmung hier war so, als hätten die CSU-Delegierten Frau Merkel am liebsten sofort zur Ehrenvorsitzenden gewählt.

Waigel: Auch das ist nicht neu. Ich habe erlebt, wie Konrad Adenauer, Kohl oder auch Rainer Barzel umjubelt wurden - nicht immer zur Freude von Strauß und mir.

SZ: Die CDU wird nicht in Bayern einmarschieren?

Waigel: Ganz sicher nicht. Merkel hat erkannt, dass sie nur mit einer starken und ganz selbständigen CSU die Chance hat, Kanzlerin zu bleiben. Wäre die CSU ein Landesverband der CDU, käme sie in Bayern niemals auf mehr als 40, 45 Prozent. Denn nur die CSU verkörpert die Tradition einer bayerischen Volkspartei und die historische Auseinandersetzung um ein eigenständiges Bayern.

SZ: Glauben Sie, dass bei der Landtagswahl die 50 Prozent zu erreichen sind?

Waigel: Ja, ich habe da ein ganz gutes Gefühl: Die kommen auf 51 Prozent, vielleicht sogar ein bisschen mehr. Die Lage hat sich beruhigt, die zwei machen ihre Sache gut, die Erfolge sind sichtbar. Fehler der letzten fünf Jahre wurden korrigiert. Und der neue Schwerpunkt Bildungspolitik ist wichtig.

SZ: Das Grundproblem ist doch, dass die CSU seit 2003 überheblich wurde - ein Erbe der Zweidrittelmehrheit.

Waigel: Zweidrittelmehrheiten sind nie zu halten. Und man muss sie mit noch größerer Demut nehmen, als wenn man 51 Prozent bekommt.

SZ: Sehen Sie das, was Stoiber hinterlassen hat, eher als Gewinn oder als Hypothek für die CSU?

Waigel: Überwiegend als Gewinn - das sage ich als einer, der mit ihm durchaus kritisch umgeht. Aber jede Ära geht mal zu Ende. Stoibers größter Fehler war, dass er nicht Bundesfinanzminister wurde, weil ihm ein Teil seiner Berater gesagt hat: Mach das ja nicht, sonst wirst du so unpopulär wie der Theo Waigel. Das scheint ein starkes Argument gewesen zu sein. (Lacht.) Das muss man sich einmal vorstellen: Wäre er damals nach Berlin gegangen, stünde er heute als der Sanierer der Finanzen Deutschlands da. Er wäre nach Merkel der zweitpopulärste Politiker - davon bin ich überzeugt. Und er könnte jetzt für die CSU eine Steuerreform eigenständig durchsetzen.

SZ: Stoiber hätte sich Waigel als Vorbild nehmen sollen?

Waigel: Nicht als Vorbild. Aber ich hätte ihm den Mut empfohlen, den auch Fritz Schäffer und Strauß hatten.