Interview mit DJ Hell Arbeiter der Nacht

Seit 35 Jahren steht DJ Hell schon an den Plattentellern weltweit angesagter Clubs. Kaum einer kennt sich im Nachtleben besser aus als er. Ein Gespräch über Techno in München, Intoleranz in Berlin und das musikalische Erbe von Giorgio Moroder.

Von Beate Wild und Michael Bremmer

Zum Interview in der Goldenen Bar kommt DJ Hell mit dem Fahrrad. Dass er bereits 50 Jahre alt ist, sieht man Helmut Josef Geier, so sein bürgerlicher Name, nicht an. Der Haaransatz ist lichter geworden, aber da er das blonde Haar schulterlang trägt, fällt das nicht so auf. Die Kleidung ist sportlich, der Körper sonnengebräunt und durchtrainiert. Mitgebracht hat er nur ein Handtuch - wenn es dunkel ist, möchte er noch schnell in den Eisbach springen.

SZ: Seit Jahren wohnen Sie in Berlin, aber jetzt verbringen Sie wieder mehr Zeit in München. Warum?

Helmut Josef Geier: Seit 17 Jahren habe ich eine kleine Wohnung, in der Nähe der Theresienwiese. In den vergangenen zehn Jahren war ich meistens in Berlin, dort ist unter anderem auch das Büro meines Plattenlabels. Aber ganz weg von München war ich nie. In konnte mich einfach nicht zwischen den zwei Städten entscheiden und habe in beiden gelebt. Aber in letzter Zeit genieße ich München wieder sehr. Nur wenn das Oktoberfest stattfindet, versuche ich meine Auftritte und Aufenthalte außerhalb Münchens zu forcieren.

Sie sind also kein großer Fan der Wiesn?

Eher nicht. Ich war nie ein großer Oktoberfestgänger, geschweige denn Biertrinker. Ich trinke ja überhaupt keinen Alkohol. Im Grunde bin ich ein totaler Wiesn-Muffel, aber ich kenne total viele Geschichten über die Wiesn, weil ich so lange schon in der Gegend wohne. Etwa die vom vergangenen Jahr, als Campino am letzten Wiesntag seine Hymne "Tage wie diese" live auf der Bühne schmetterte und ich aufgewacht bin, weil es so laut war. Ich dachte ich träume, dann wachte ich auf, und Campino sang wirklich.

Ein Techno-DJ, der sich über zu laute Musik beschwert?

(lacht) Ja, das fand ich echt unangemessen. Man weiß ja auch gar nicht, ob Campino freiwillig auf die Bühne ist oder ob er genötigt wurde. Ich glaube kaum, dass die Toten Hosen schon beim Schreiben daran dachten, dass dieser Song ein Wiesn-Hit werden könnte. Aber was sie sicher wollten: einen großen Hit landen. Ich kenne die Hosen ja noch von früher, als sie als "Opel-Gang" 1990 nach Italien fuhren, um die Deutsche Fußballnationalmannschaft zu unterstützen. Sehr ehrenwert!

Wobei Campino ein anderes Team unterstützt als Sie und schon gesungen hat: "Ich würde nie zum FC Bayern gehen."

Richtig, ich bin Bayern-Fan, Campino ist Düsseldorf- und Liverpool-Fan.

Woher kommt die Liebe zum FC Bayern?

Mit so etwas wächst man auf, das wird einem in die Wiege gelegt. Ich war großer Verehrer von Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier. Damals schon wie heute höre ich gerne am Samstagnachmittag Fußball im Radio. Was ich grenzwertig finde, ist, dass man heute fast täglich die Möglichkeit hat, irgendein Spiel zu verfolgen. Ich merke, dass ich zum ersten Mal ein wenig den Drive am Fußballgeschehen verliere. Man sieht auch die Spieler nicht mehr so oft beim Ausgehen. Früher, zu Zeiten von Mario Basler und Luca Toni, wurden die Spieler ja öfter im P1 gesichtet. Aber auch das ist professioneller geworden. Beziehungsweise gehen sie heute in andere Clubs, etwa ins Heart oder ins Pacha.

Kommendes Jahr planen Sie während der WM eine Tour durch Brasilien?

So etwas erlebt man nur einmal im Leben, da will ich auf jeden Fall dabei sein. Ich hoffe, dass mir die Clubbetreiber vor Ort Tickets besorgen können, oder es springen die internationalen Sponsoren ein. Sonst gibt es ja immer Kartenkontingente auf dem Schwarzmarkt.