Integration durch Arbeit Wenn Hoffnung und Realität kollidieren

In den Berufsintegrationsklassen in Bayern sollen die jungen Flüchtlingen auf ein neues Leben vorbereitet werden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • 18 000 Flüchtlinge lernen derzeit an 240 Berufsschulen in Bayern.
  • Das Programm "Integration durch Arbeit" läuft seit zwei Jahren, 117 880 Flüchtlinge kamen dadurch in Praktika, Ausbildung und Arbeit.
  • Trotzdem schaffen immer noch viele den Sprung in den Arbeitsmarkt nicht.
Von Anna Günther, Neusäß

Selina liest langsam vor, spricht jedes Wort mit Bedacht aus. Daheim sollte sie lesen üben und Fragen zum Text beantworten. Was hat der schludrige Schüler falsch gemacht und wieso muss er das Jahr wiederholen? Im Gegensatz zum fiktiven Schüler hat Selina, 19, ihre Hausaufgaben erledigt. Lehrerin Jennifer Schluck muss die junge Frau aus Eritrea trotzdem korrigieren: "Wir sagen nicht "su", wir sagen "zu, tsssssuuu wie eine Schlange." Selina schaut ernst, nickt und sagt "zzzu."

"Müssen wir noch ein Sprachtraining machen?", fragt Schluck. "Nääääh", stöhnen einige Männer und kippeln auf den Stühlen, Ahmed wuschelt Abdallah durch die Haare. Schluck geht dazwischen, die ehrgeizigen Schüler vorne seufzen genervt. Selina hebt ihre Hand: "Ja, bitte, für mich ist das schwierig mit den Umlauten." Sie sticht mit dem Finger zwei Punkte in die Luft.

Die Klasse im Beruflichen Schulzentrum Neusäß hat eines gemeinsam mit jeder anderen in Bayern: Zwischen ehrgeizigen Schülern und Quatschköpfen sitzen stille und Mitläufer. Aber Schluck soll junge Flüchtlinge mit Sprach- und Matheunterricht sowie Sozialkunde auf ein neues Leben in Bayern vorbereiten. Im zweiten Jahr kommen Praktika dazu. Nach dieser Zeit sollen die Asylbewerber im Idealfall einen Ausbildungsvertrag, mindestens aber ein Praktikum haben.

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Dieses Konzept der Berufsintegrationsklassen (BIK) setzen die Berufsschulen seit zwei Jahren um. 2015 kamen Zehntausende nach Bayern, die Regierung investierte 160,7 Millionen in Unterrichtsangebote. 18 000 Flüchtlinge lernen derzeit an 240 Berufsschulen. Vor einer Woche zog die Staatsregierung ein zufriedenes Fazit des Programms "Integration durch Arbeit". 117 880 Flüchtlinge in Praktika, Ausbildung und Arbeit, 14 000 Praktika über die BIK, 48 000 Asylbewerber im Arbeitsmarkt.

Doch Euphorie ist nicht angebracht. Denn schaut man genauer hin, haben viele Helferjobs und Praktika führen nicht automatisch zur Lehre. Hört man sich an den Schulen um, ist die Lage auch dort nicht rosig: Wenn 15 Prozent der Flüchtlinge eine Lehrstelle finden, sei das schon gut, sagt Jürgen Wunderlich, der Chef des Berufsschullehrerverbands. Wirtschaft und Politik hatten auf ein Drittel gehofft. Wie Hoffnung und Realität kollidieren, erlebt Wunderlich als Schulleiter in Neusäß bei Augsburg jeden Tag. In 19 seiner 110 Klassen lernen derzeit 260 Flüchtlinge.

Zwar reisen weniger Migranten ein und diejenigen ohne Bleibeperspektive kommen nicht mehr in die Berufsschulen. Trotzdem warnt Wunderlich davor, Stellen und Budget zu kürzen. Die Integration ins duale System werde Jahre dauern. Er fordert mehr Geld für Schulleitungen, Verwaltung und besonders für Begleiter in der Lehre. "Die Ausbildungen sollen ein Erfolg werden, aber dazu brauchen Firmen und Lehrer in den Fachklassen Hilfe", sagt Wunderlich. Die Kollegen seien schon mit drei Asylbewerbern in der Klasse überfordert, alleine sei es nicht zu bewältigen, zumal an den Beruflichen Schulen nach wie vor Lehrer fehlen.

Die meisten ihrer Schüler seien nach zwei Jahren BIK ohnehin nicht bereit für eine Lehre, sagt auch Jennifer Schluck, das schafften nur ein bis zwei pro Klasse. Und selbst wenn Schüler vor den BIK noch eine Sprachintensivklasse besuchen, bräuchten sie mehr Zeit. Deutsch zu sprechen sei einfacher als Schrift- oder Fachsprache zu beherrschen, das unterschätzten viele - genauso wie Mathematik. Ins zweite, praktischere Jahr könnten nur bis zu drei Viertel der Schüler vorrücken. Die übrigen müssten eigentlich wiederholen, bis sie mithalten können. Das aber ist im System nicht vorgesehen.

Viele der Migranten wollen rasch Geld verdienen

"Nach einem Jahr ist die Berufsschulpflicht abgegolten, wenn ein Schüler volljährig ist und keine Lust mehr hat, was sollen wir dann tun?", fragt Barbara Dilberowic, die in Neusäß die Integrationsklassen koordiniert. Sie versuche, die Schüler durch Hausaufgabenbetreuung oder Zusatzkurse wie Trommeln oder Schwimmen so lange wie möglich in der Schule zu halten. Aber viele der Migranten wollten rasch Geld verdienen. Wenn Schlepperschulden, die Forderungen der Familie und Frust dazukommen, bleiben Schüler einfach weg. Pro Klasse sind drei bis vier Abbrecher die Regel, gerade im zweiten Jahr, wenn die Betreuung weniger und der Arbeitsalltag mehr wird. "Was dann mit ihnen passiert, wissen wir nicht", sagt Dilberowic. Die Sozialarbeiter seien mit zehn bis 15 Stunden in der Woche für die Klasse zuständig, die könnten nicht auch noch in die Unterkünfte gehen.

Eine große Herausforderung sind die schweren Verhaltensauffälligkeiten. In jeder BIK gebe es Schüler, die traumatisiert sind oder mit Depressionen, Suchtproblemen und Aggressionen auf das Warten oder das abgelehnte Asylverfahren reagieren. Diese bräuchten spezielle Hilfe, sagt Dilberowic. Und Flüchtlinge, die Lernschwächen haben und kein Deutsch können, kämen nie im System an. Eigentlich wären diese an einer der 47 Berufsschulen zur sonderpädagogischen Förderung besser aufgehoben. Dort aber wurden keine Integrationsklassen geschaffen. Ein Fehler, findet Wunderlich. "Was wird aus denen?", fragt er. Laut Arbeitsministerin Emilia Müller beziehen 69 000 Flüchtlinge Hartz IV, weil sie keinen Job finden. Zugleich kritisieren die Arbeitgebervertreter scharf, dass viele Afghanen, die bereit wären für Ausbildung oder Job, keine Arbeitserlaubnis bekommen.

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