Integration 327 Bildchen zum Deutschlernen

Von wegen nur weiß-blau: Aus Sicht des Integrationsberaters Martin Neumeyer sind Bayerns Rauten vielfarbig. Recht bunt mutet auch der von ihm dargebotene Wortschatz an.

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  • Martin Neumeyer, der Integrationsbeauftragte der Staatsregierung, hat eine Liste mit 327 Piktogrammen herausgegeben, die Flüchtlingen beim Deutschlernen helfen soll.
  • Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat hinterfragt die Notwendigkeit neben Deutsch-Lehrbüchern.
Von Dietrich Mittler und Stephanie Probst

Mark Twain hat einst vorgeschlagen, die deutsche Sprache solle "sanft und ehrerbietig zu den toten Sprachen gestellt werden, denn nur die Toten haben genügend Zeit, sie zu lernen". So gesehen hat der amerikanische Schriftsteller inzwischen alle Zeit der Welt zum Lernen. Doch was ist mit den vielen Flüchtlingen, die jetzt zügig diese Sprache erfassen sollen, um sich hier einfinden zu können?

Martin Neumeyer, der Integrationsbeauftragte der Staatsregierung, hat auf diese entscheidende Frage seine Antwort gefunden. "Lerne Deutsch!" steht leuchtend grün über einem DIN-A2-Poster auf festem Papier, das künftig für individuelle Sprechübungen in Flüchtlingsunterkünften, Schulen und notfalls auch für unterwegs bereitstehen soll - und zwar mit Hilfe von Piktogrammen, also situationserklärenden Bildchen, wie sie jeder Bayer spätestens seit den Olympischen Spielen von 1972 in München kennt.

Die ersten 10 000 Exemplare, sagt Neumeyer, seien bereits vergriffen. 20 000 weitere sollen nun gedruckt werden, von denen kommende Woche schon wieder gut 7000 versandt werden. "Wir merken, die Resonanz ist riesig", freut sich der CSU-Politiker, den bisweilen auch eher links orientierte Flüchtlingshelfer für sein Engagement loben.

Worum es in den Bildchen geht

Für alle Asylbewerber, in deren Kulturkreis Druckerzeugnisse von links nach rechts sowie von oben nach unten gelesen werden, beginnt Neumeyers Crashkurs in die deutsche Sprache mit "das Frühstück" und endet mit "der Unfall". Das bayerische Staatswappen direkt unter dem Block "Notfall" braucht keines erklärenden Wortes - das spricht für sich. Mehr als 320 Begriffe werden auf dem DIN-A2-Blatt durch die kleinen Bildchen dargestellt, was sehr einfach ist, wenn es um die Wolke, die Sonne und den Mond geht. Und ganz schön haarig, sobald Wörter wie "Beamter", die typisch deutsche "Mülltrennung" oder Aussagen wie "ich wohne in", oder "pünktlich" darzustellen sind.

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Bei letzterem Begriff könnte ein Flüchtling das Piktogramm durchaus auch so lesen, dass es sich hier um eine Einkaufshilfe handelt, um eine grüne Uhr zu erwerben. Das Bildchen für "Können Sie mir helfen" wiederum könnte auch auf eine Begrüßung hinweisen - nach dem Motto "Hallo, wie geht's, lange nicht gesehen. Setzt dich doch zu mir auf die Wiese". Und was die Darstellung der einzelnen Monate betrifft - die erinnert zumindest Deutsche eher an eine TÜV-Plakette.

Martin Neumeyer weiß um solche kleinen Schwachstellen. "Alles kann man nicht so einfach mit einem Zeichen darstellen", sagt er, "aber wir sind für alle Verbesserungsvorschläge offen." Einige der nun verwendeten Piktogramme stammten als frei verfügbare Grafiken aus dem Internet, andere wiederum hätten Praktikanten aus der Staatskanzlei bearbeitet - "zwei sensationelle Praktikanten", schwärmt er.

Die Idee für eine solche Aktion habe er aus Sachsen importiert. "Übernommen und perfektioniert", wie Neumeyer es ausdrückt. Ein Malheur sei aber in der ersten Auflage passiert. Da hieß es noch Brötchen statt Semmel - und prompt beschwerten sich ein paar Bayern auf Facebook. "Nun steht beides da", sagt Neumeyer. Für die Internet-Ausgabe des Plakates soll ein weiterer Vorschlag aufgegriffen werden: "Dann findet sich neben den deutschen Begriffen jeweils eine Übersetzung ins Arabische."

Wie die Piktogramme bei Flüchtlingen ankommen

Neumeyer glaubt indes, dass die Flüchtlinge kleinere Anfangsschwierigkeiten - etwa schwer verständliche Piktogramme - durchaus locker sehen. "Wahrscheinlich lockerer als wir", sagt er. Eine kleine Zufallsumfrage der SZ bestätigt diese These. Der 19-jährige Taye aus Eritrea, der seit einem Jahr in Deutschland lebt, sagt: "Die Bilder sind ziemlich eindeutig. Und ich weiß, was die meisten ausdrücken wollen." Generell sei das eine gute Idee. Er selbst habe sich schon vorher über Bilder deutsche Wörter beigebracht.

Der 23-jährige Mohammed aus Syrien, seit sechs Monaten in Deutschland, erklärt: "Die Sprachtafel werde ich mir aufheben. Die ist echt super. Ich habe keine Probleme, sie zu verstehen." Der gleichaltrige Ilias aus Syrien wiederum will Neumeyers Sprachblatt mit in den Supermarkt nehmen - um die richtigen Worte zu finden, beim Fischkauf.

Der Integrationsbeauftragte sieht sich durch das allgemein positive Echo bestätigt. Das Blatt - durchaus auch als Werbeplakat zum Deutschlernen zu verstehen - habe seinen Nutzwert. Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat fragt sich indes, ob es das tatsächlich neben all den vorhandenen Deutsch-Lehrbüchern für Flüchtlinge auch noch braucht. Schulterzuckend sagt er schließlich: "Nun ja, die Druckkosen sind ja niedrig - aber die Sinnfrage stellt sich durchaus."

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