Insektizid-Einsatz am Chiemsee Tödliche Bazille

Um vor Mückenplagen zu schützen, wird am Chiemsee seit 1997 das Insektizid BTI versprüht. Doch der Einsatz des hochwirksamen Mückenkillers ist umstritten.

Von Katja Riedel und Marlene Weiss

Große Entdeckungen verbergen sich manchmal dort, wo man sie leicht übersieht. So ist es letztlich einer Pfütze zu verdanken, dass Touristen und Einheimische rund um den Chiemsee in diesem Jahr viel weniger über Mückenstiche klagen als an anderen bayerischen Seen.

Wegen hoher Larven-Konzentration im Wasser wurden am Chiemsee in der ersten Juniwoche 6,6 Tonnen BTI über 440 Hektar Wasseroberfläche versprüht. Dadurch wurden 95 Prozent der Larven getötet.

(Foto: dpa)

Denn in einer simplen Pfütze hat der israelische Forscher Joel Margalith Ende der siebziger Jahre nicht nur viele tote Mückenlarven, sondern auch den ersten hochwirksamen Mückenkiller entdeckt: Bacillus thuringiensis israelensis heißt er, kurz BTI. Ein Bakterium, das ein Eiweiß bildet, das den Darm der Mückenlarven zerstört und sie sterben lässt, bevor sie sich zum stechenden Blutsauger entwickeln können.

Mit diesem Gift geht es seit 1997 den Tieren auch am Chiemsee an den Kragen. Und das hat vor allem ökonomische Gründe. Noch im vergangenen Jahr klagten die Menschen am Chiemsee über eine wahre Mückenplage. Davon wollten Fachleute zwar nichts wissen: Ein Jahr mit mehr Mücken sei normal, sagten sie. Urlauber aber stornierten oder reisten früher ab.

In diesem Jahr hat der Abwasser- und Umweltverband Chiemsee (AZV) vorgesorgt: In der ersten Juniwoche versprühten Hubschrauber 6,6 Tonnen BTI über 440 Hektar Wasseroberfläche - auch in den Naturschutzgebieten bei Grabenstätt und Übersee, wo dies in diesem Jahr nur per Ausnahmegenehmigung erlaubt wurde.

Zuvor hatten Wasserproben eine hohe Larven-Konzentration im Wasser ergeben. Wenn mehr als 50 Larven pro Liter Wasser gezählt werden, darf BTI am Chiemsee eingesetzt werden. Nach Angaben des Abwasseramtes waren in den Proben jeweils zwischen 100 und 500 Larven enthalten. Nachher, so berichtet AZV-Geschäftsleiter Thomas Weinmann, seien 95 Prozent der Larven tot gewesen. Nun stellt eine Biologin noch zehn Fallen auf. So wollen die Mückenbekämpfer beweisen, dass rund um den Chiemsee keine Überflutungsmücken mehr stören.

Die Spritzaktion erledigte die Firma Icybac. Deren Trägerverein hat einige Erfahrung in der systematischen Larvenbekämpfung: Seit 1976 tritt die "Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage" (Kabs) am Oberrhein gegen die Plagegeister an. Heute gehören dem Verein 97 Kommunen und Landkreise aus Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg an. Die Kabs verwendet ausschließlich BTI. Für den wissenschaftlichen Direktor der Kabs, Norbert Becker, hat sich das Mittel eindeutig bewährt: "Auch am Rhein wäre dieses Jahr wieder ein Mückenjahr gewesen", sagt Becker. "Aber eine Mückenplage haben wir verhindert."

Noch bis vor wenigen Tagen waren 250 Studenten und Mitarbeiter der Kabs-Kommunen mit Rückenspritzen und zwei Hubschraubern im Einsatz, um das Mittel am Oberrhein zu versprühen. In Oberbayern sind die Gesetze restriktiver: Einsatz von BTI ist nur einmal im Jahr erlaubt, Naturschutzgebiete sind bisher ausgenommen. Becker hält das Verbot nicht für sinnvoll: "Wenn es im April Hochwasser gibt und im Mai wieder, ist der erste Einsatz völlig umsonst", sagt er. Der AZV hat eine Lockerung beantragt und dafür bei der Regierung von Oberbayern ein Gutachten eingereicht, eine Entscheidung erwartet der Verband Anfang Juli.

Doch die Einsätze sind nicht unumstritten. Befürworter bezeichnen BTI als ungefährlich, wirke das Mittel doch allein gegen Mücken. Kritiker merken aber an, dass die Langzeitfolgen nicht absehbar seien. Bedenken äußert auch der Bund Naturschutz: Studien hätten gezeigt, dass BTI nicht nur für Stechmücken tödlich sei, sondern auch für andere Zweiflügler. Zudem dienten Mücken vielen Tieren als Futter, am Chiemsee zum Beispiel der gefährdeten Kleinen Hufeisennase, einer Fledermaus-Art. Auch für Wasservögel und Fische sind Mücken und ihre Larven wichtige Nahrungsbestandteile.