Innere Sicherheit Wie ein radikalisierter Afghane den Behörden durchs Netz schlüpfte

Immer wieder radikalisieren sich Muslime in Deutschland.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Ein junger Afghane hat sich offenbar in Bayern radikalisiert und wollte nach Syrien reisen, um sich dort einem Ableger von al-Qaida anzuschließen.
  • Der junge Mann war als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen und schien zunächst gut integriert.
  • Die Behörden waren über den Afghanen informiert, ermittelten aber erst mit deutlicher Verzögerung.
Von Christian Rost, Augsburg/München

Drei Männer aus Augsburg sitzen seit Juni 2017 in der Türkei wegen Terrorverdachts in Untersuchungshaft. Sie hatten sich in Deutschland radikalisiert und wollten über die Türkei nach Syrien reisen, um sich dort einem Ableger von al-Qaida anzuschließen, der gegen die Regierungstruppen des Machthabers Baschar al-Assad kämpft.

Obwohl die bayerischen Behörden zumindest über einen der Männer, den 22-jährigen Wais A., frühzeitig informiert worden waren, begannen Ermittlungen gegen ihn und die anderen Beschuldigten sowie deren Helfer aus dem Freundes- und Verwandtenkreis erst viele Monate später. Zu diesem Zeitpunkt war das Trio bereits untergetaucht und auf dem Weg an die türkisch-syrische Grenze, wo sie festgenommen wurden.

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Im Fall Wais A. haben die bayerischen Sicherheitsbehörden entweder Informationen nicht rechtzeitig an die jeweils andere Stelle weitergegeben - oder den Mann zunächst falsch eingeschätzt. Jedenfalls bekam das Landesamt für Verfassungsschutz schon im Sommer 2016, unmittelbar nach dem Terroranschlag in Nizza, Hinweise auf eine Radikalisierung des Afghanen, der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen und hier scheinbar gut integriert war.

Die Polizei begann aber erst ein knappes Jahr später zu ermitteln. Wais A. hatte im Januar 2013 ein Praktikum bei einer Münchner Softwarefirma bekommen und im Anschluss daran einen Ausbildungsplatz als Fachinformatiker. "Er war geschniegelt, mit Gel im Haar, rasiert, trug weiße Hemden und Krawatte", erinnert sich die Personalleiterin der Firma. Die Arbeitsagentur hatte A. vermittelt.

Nach etwa der Hälfte seiner dreijährigen Ausbildungszeit veränderte sich A. Er rasierte sich den Kopf und ließ sich in Salafistenmanier einen langen Bart wachsen. Sein Alltag war seither vom Islam geprägt, er betete täglich fünf Mal, wofür ihm das Unternehmen einen eigenen Raum zur Verfügung stellte. Die Firma legt großen Wert auf Toleranz. "Wir waren stolz, dass wir es weglachen, wenn sich jemand optisch verändert", sagt die Personalchefin. Heute fragt sie sich allerdings: "Waren wir dumm und naiv?"

Die Personalchefin blieb misstrauisch

Von den Leistungen des Azubis waren seine Vorgesetzten nicht begeistert, was ihm aufgetragen wurde, erledigte er aber. Mehr Engagement zeigte er in religiösen Dingen. Einem Arbeitskollegen, der ihn an einer U-Bahn-Station in Schwabing früh morgens zufällig traf, erzählte er, er stehe jeden Tag um fünf Uhr auf, um die Moschee zu besuchen.

Dort, so erzählte er es auch freimütig in der Firma, sei ihm eine junge Frau aus Augsburg vermittelt worden. Nach nur einem Treffen zum Tee mit dem Vater des Mädchens, das immerhin Abitur hat, sei die Heirat nach islamischen Recht vereinbart worden. Wais A. zog nach Augsburg, seine Frau wurde schwanger. Bei seinem Arbeitgeber fragte er an, ob seine Frau in der Firma putzen könne. Dass sie studieren oder eine Ausbildung machen könnte, kam für ihn nicht infrage. All das beunruhigte die Personalleiterin, weshalb sie beim Landesamt für Verfassungsschutz anrief. Sie bekam die Auskunft, dass man sich den Fall ansehen werde. Er sei "schwerwiegend", so die erste Einschätzung.

Doch dann meldete sich bei der Personalleiterin ein Mann, der seinen Namen nicht preisgeben wollte: "Nennen Sie mich Herr Schmitt", soll der Verfassungsschützer gesagt und versucht haben, den Fall Wais A. kleinzureden. Die Moschee, die er besuche, werde nicht vom Verfassungsschutz beobachtet, so der Anrufer. Die Personalleiterin machte das nur noch misstrauischer - und sie behielt recht.

War der Schwiegervater Statthalter eines islamistischen Netzwerks?

A. schaffte die Abschlussprüfung zum Fachinformatiker erst im zweiten Anlauf und verließ die Firma Anfang 2017. Im März tauchte er dann mit zwei zuletzt in Augsburg lebenden Männern unter: einem 22-jährigen Türken, der in Schwaben aufwuchs, und einem 31-jährigen Deutschen, der zum Islam konvertierte. Als die Augsburger Kripo im Mai begann, gegen die Männer und ihr Umfeld zu ermitteln und dabei auch bei der Münchner Softwarefirma nachfragte, waren nicht nur die drei Männer verschwunden, sondern auch die Familie von A.s Frau. Ihr Vater hatte eine große Reinigungsfirma in Augsburg betrieben, er galt als vermögend. Wie aus Ermittlungskreisen verlautete, bestehe der Verdacht, dass der Mann Statthalter eines Netzwerks radikaler Islamisten in Augsburg war. Die Polizei vermutet ihn und seine Familie ebenfalls in der Türkei.

Erst im November rückten Beamte zu einer Razzia aus, bei der 13 Wohnungen im Raum Augsburg durchsucht wurden. Verdächtige ließen sich da nicht mehr aufspüren. Vom Verfassungsschutz heißt es dazu, es gebe einen laufenden Austausch der Sicherheitsbehörden, wer als Gefährder eingestuft werde. Die korrekte Einschätzung bei Wais A. allerdings kam zu spät.

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