Hungerstreik von Flüchtlingen "Wenn acht Leute auf 15 Quadratmetern leben, kann man von Hygiene nicht mehr reden"

Flüchtlinge und Unterstützer demonstrierten am Mittwoch vor einer Einrichtung für abgelehnte Asylbewerber in Deggendorf. Die Menschen fordern eine bessere Unterkunft und einen Stopp der Abschiebungen.

(Foto: Armin Weigel/dpa)
  • 150 Flüchtlinge aus Sierra Leone halten nach eigenen Aussagen seit vergangenem Freitag Hungerstreik im Deggendorfer Transitzentrum.
  • Viele klagen über enge Zimmer, mangelnde Hygiene und schlechtes Essen.
  • Die Regierung von Niederbayern sieht den Streik als nicht gerechtfertigt an.
Von Andreas Glas, Deggendorf

Es gibt Putengeschnetzeltes, Reis und Salat. "Schmeckt gut", sagt ein Mann aus Aserbaidschan und hebt den Daumen. Alles gut also im Deggendorfer Transitzentrum? Es ist Mittwoch, kurz nach halb zwölf, die Kantine ist fast leer.

Rund 150 Flüchtlinge aus Sierra Leone halten nach eigenen Aussagen Hungerstreik, seit vergangenem Freitag schon. Sie wollen nichts mehr essen und schlafen aus Protest auf der Straße. Sie wollen nicht mehr warten, dass sich etwas ändert. An diesem Mittwoch tragen sie ihren Protest auf die Deggendorfer Straßen. Mit Plakaten und Megafonen. Sie wollen raus aus der Tristesse im Transitzentrum.

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Seit der Hungerstreik bekannt ist, wabern Fragen durch die Öffentlichkeit: Wie schlimm sind die Zustände im Transitzentrum wirklich? Wie ernst meinen es die Flüchtlinge mit dem Hungerstreik? Was wollen sie damit bezwecken?

Dieser Mittwoch in Deggendorf hat viele Antworten zu bieten, aber wenig Gewissheit. Der Protest beginnt um 10.35 Uhr, da ziehen die 150 Männer, Frauen und Kinder los. "Wer uns nach Italien abschiebt, wirft uns auf die Straße", sagt einer der jungen Flüchtlinge aus Sierra Leone. Seinen Namen will er nicht sagen, keiner will das. Sie fürchten um ihren Rest an Bleibeperspektive, wenn sie offen die deutsche Asylpolitik beklagen.

Und sie fürchten Italien. Dort sind sie die meisten von ihnen hergekommen - und dorthin müssten sie als "Dublin-Fälle" zurück, weil sie in Italien erstmals europäischen Boden betreten haben. "In Italien mussten wir in Bahnhöfen schlafen oder auf der Straße", sagt der junge Mann, in Italien würden Frauen und Kinder in die Prostitution getrieben.

Solche Aussagen sind es, die manchen Einheimischen stutzig machen: Wenn es in Italien so schlimm ist, wieso schimpfen die Flüchtlinge über das Land, das sie nun besser behandelt? Weil besser nicht gleich gut ist, sagen die Flüchtlinge. Viele klagen über die engen Zimmer, mangelnde Hygiene und schlechtes Essen im Deggendorfer Transitzentrum.

Die Regierung von Niederbayern, die Betreiberin des Zentrums, hält dagegen: Für die Hygiene seien die Bewohner auch selbst verantwortlich. Hans-Jürgen Weißenborn, Caritas-Chef in Deggendorf, wiederum sagt: "Wenn acht Leute auf 15 Quadratmetern leben, kann man von Hygiene nicht mehr reden."