Horst Seehofer Zur Sache, Schätzchen

Parteifreunde, Kommentatoren und andere selbst ernannte Moralapostel tun sich derzeit leicht, Horst Seehofers Liebesleben zu verurteilen. Zu leicht, meint Ethik-Experte Rainer Erlinger imSZ-Magazin.

Ein Minister, zwei Frauen, vier Kinder. Die deutsche Politik ist um eine Affäre reicher; die großbuchstabigen Medien um Coverstorys, Schlagzeilen und Fotostrecken der Beteiligten, die seriöseren Blätter um Analysen und Kommentare. Horst Seehofers Privatleben ist inzwischen alles mögliche, nur allerspätestens seit letzter Woche eines sicher nicht mehr: privat.

Horst Seehofer, dpa

Von Anfang an in einer aussichtslosen Lage: Horst Seehofer.

(Foto: Foto: dpa)

Neben denen, die es betrifft, verfolgt auch die Öffentlichkeit interessiert den Lauf der Dinge, so wie sie monatelang mehr oder weniger geduldig auf des Ministers Entscheidung gewartet hatte: Ehefrau oder Geliebte?

Seehofer hatte sich Zeit erbeten, es sich, wie es scheint, nicht leicht gemacht. Kein Wunder, schließlich ging es nicht nur um zwei Frauen und um Liebe, es ging auch um Familie und, ja, neue Familie. Und ein wenig wohl auch um Politik und Karriere. Seehofer befand sich von Anfang an in einer aussichtlosen Lage, schrieb ein Kommentator, gleich, wie er sich verhielte, man könne und würde ihm seine Entscheidung übelnehmen.

Steht er zu seinem neuen Kind, kann man sagen, er verlässt Frau und Familie für eine Jüngere, tut er das nicht, lässt er die Geliebte mit dem gemeinsamen Baby sitzen. Das klingt nach einer neuen, neuzeitlichen Variante eines altbekannten Genres: der klassischen Tragödie. Auch dort kann sich der Held durch jedes Handeln nur schuldig machen; am Ende zerbricht er in der Regel an diesem Konflikt.

In der Moralphilosophie kennt man derartige Situationen als Dilemmata. Der US-amerikanische Philosoph Christopher W. Gowans definiert sie in seinem Buch Moral Dilemmas als Situationen, in denen ein Handelnder moralisch verpflichtet ist, A zu tun und B zu tun, aber nicht beides tun kann, weil A und B sich gegenseitig ausschließen.

So scheint es auch bei Horst Seehofer: Er konnte nur der Pflicht gegenüber seiner bisherigen Familie folgen oder sich der neuen Frau und dem neuen Kind zuwenden. Beides zusammen lässt sich in unserem der Polygamie abgeneigten Kulturkreis nicht verwirklichen.

Doch ist das wirklich so? Kennen wir tatsächlich eine Pflicht, unter allen Umständen bei der ersten Familie zu bleiben? Religiös oder konservativ betrachtet mag man es bejahen, gesamtgesellschaftlich jedoch kaum mehr.

"Wo die Liebe hinfällt" ginge als Motto sicherlich zu weit, aber einen Ehepartner, der eine neue Liebe gefunden hat, gegen seine Gefühle und seinen Willen lebenslang an Tisch - und Bett? - zu binden, ließe sich auch mit unserer Vorstellung von Individualität und Freiheit des Einzelnen moralisch kaum mehr begründen.

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