Die Nürnberger Philharmoniker spielen vor der UN-Vollversammlung am Tag des Holocaust-Gedenkens: ein historisches Konzert.
Als der Abend mit stiller Trauer beginnt, richtet sich Gina Lanceter auf. Stemmt sich hoch mit beiden Armen, den Blick auf den Boden gerichtet. Der Saal gedenkt der Opfer des Holocaust, des millionenfachen Mordes, den Gina Lanceter überlebte. Heute ist sie 81 Jahre alt und lebt in New Jersey.
Zum ersten Mal haben die Nürnberger Philharmoniker vor den Vereinten Nationen gespielt - und das am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Deutsche und israelische Sänger singen gemeinsam unter der Leitung von Dirigent Isaak Tavior. (© Foto: dpa)
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Anerkennend klatscht sie Beifall, als der deutsche UN-Botschafter Peter Wittig als einer der ersten Redner daran erinnert, dass der Name seines Landes "für immer mit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit verbunden bleibt" und dass sich "die Deutschen niemals ihrer historischen und moralischen Verantwortung entziehen" dürfen.
Symbolik der Versöhnung am Tag der Trauer
Der Holocaust-Gedenktag der Vereinten Nationen findet erst zum sechsten Mal statt. Und die UN haben die Generalversammlung diesmal in einen Konzertsaal verwandelt.
Rings um das Rednerpult, von dem aus noch vor ein paar Monaten Irans Präsident Ahmadinedschad eine Hassrede gegen Israel hielt, steht das Podest für die Musiker. Doch noch sind die Stühle leer.
Hinter der Bühne geht Issak Tavior auf und ab. Jede Minute kann es beginnen, das wichtigste Konzert seiner Karriere. Tavior dirigiert den Bayreuther Zamirchor. Viele Stücke, die seine Sänger gemeinsam mit den Nürnberger Philharmonikern aufführen werden, hat er selbst komponiert.
Werke in hebräischer Sprache, gesungen und musikalisch begleitet von Deutschen. Das ist die Symbolik der Versöhnung am Tag der Trauer. Der Saal füllt sich, fast alle Plätze sind am Ende besetzt. In der ersten Reihe sitzen die Rotarmisten, ordengeschmückte Veteranen, die Befreier von Auschwitz. 65 Jahre ist es her, dass sie die Henker vertrieben und dem Massenmord ein Ende bereitet haben.
Das Konzert beginnt. Chor und Orchester stimmen Taviors "Vision of the Dry Bones" an. Gina Lanceter sinkt an ihrem Platz in sich zusammen, legt ihren Kopf in ihre linke Hand. 97 Mitglieder ihrer Familie wurden von Deutschen ermordet, nur drei entkamen. Lanceter verlor ihre Heimat in Polen und zog nach dem Krieg ins Nürnberger Umland - bis sie die Erlaubnis erhielt, nach Amerika auszureisen. "Ich konnte es nicht erwarten, rauszukommen", sagt sie. Raus aus Deutschland, raus aus Nürnberg, raus aus "Nazi-Town".
"Heute ist so etwas möglich"
Wohl keine andere Stadt in Deutschland ist so stark mit dem nationalsozialistischen Terrorregime verbunden. Nürnberg war der Namenspate für die Rassengesetze. In Nürnberg gab Julius Streicher den hetzerischen Stürmer heraus. In Nürnberg wollte Albert Speer den Größenwahn der Nazis mit dem Deutschen Stadion verewigen. In Nürnberg marschierten SA und SS für die Reichsparteitage der NSDAP auf.
Lanceter kam nie wieder dorthin zurück. Doch dass zum Gedenken an die Opfer des Holocaust ausgerechnet die Nürnberger Philharmoniker aufspielen, freut sie. "Es ist gut, heute ist so etwas möglich", sagt Lanceter und macht eine lange Pause. Dann beugt sie sich vor, fast flüstert sie. "Eines noch, das ist mir wichtig. Ich hoffe, die jungen Musiker aus Nürnberg wollen Abbitte für die Sünden ihrer Väter leisten."
Auf der Bühne wechseln sich Musik und Reden ab, Momente der Melancholie und der Bestürzung. Mitten hinein in das Konzert klingelt ein Handy, ganz vorne in der ersten Reihe. Ein Rotarmist antwortet, brummelt ein, zwei Sätze und verstaut das Telefon dann in seiner Hosentasche. Die Welt hat sich verändert seit der Nazidiktatur, dem Krieg, der Befreiung und der Flucht. Es ist viel Zeit vergangen. Und mit jedem Jahr können weniger Opfer und Augenzeugen von ihrem Schicksal berichten.
Harriet Sepinwall und Barbara Wind haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Verbliebenen zusammenzubringen. Sepinwall lehrt die Geschichte des Holocaust an einer Hochschule in New Jersey und lädt Holocaust-Überlebende als Gastredner in ihre Seminare ein. Auch Gina Lanceter war schon da.
Die Bilder und Eindrücke von Nürnberg bleiben im Kopf
Sepinwall sagt, sie wolle ihre Studenten dazu bringen, sich für andere Menschen zu engagieren. Damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Nürnberg ist für sie ein Symbol für den Neuanfang. "Die Stadt steht für die Rassengesetze, aber auch für das Kriegsverbrechertribunal und für Gerechtigkeit." Barbara Wind verbindet sogar persönliche Erinnerungen mit der Stadt.
Sie wurde nach dem Krieg als Kind in Fürth westlich von Nürnberg geboren. Ihre Eltern hatten den Holocaust überlebt. Als Barbara Wind drei Jahre alt war, wanderte die Familie aus. Doch Bilder vom Nürnberger Zoo und Eindrücke vom Oktoberfest blieben ihr im Kopf, bis heute, ebenso die Verse deutscher Lieder. Ihre Kindheitserinnerung an das Land der Täter hat Wind in einem Gedichtband verarbeitet. "Auf Asche gehen", heißt er. Mit dem Konzert der Nürnberger Philharmoniker schließt sich für sie ein Kreis.
Als die Gedenkfeier nach drei Stunden zu Ende ist, geht Issak Tavior von der Bühne. Er schwankt ein wenig, Schweißperlen haben sich auf seiner Stirn gesammelt. Der Dirigent lockert den engen Frack. "Natürlich war ich nervös", sagt er, "wer wäre das nicht bei solch einem Auftritt?" Jetzt ist er zufrieden und erschöpft. Auch der Nürnberger Cellist, der ein wenig später zum Bus geht, der die Musiker zurück ins Hotel bringt, steht noch unter dem Eindruck der bewegenden Aufführung, als er nach Worten ringt und schließlich vier gefunden hat: "Ich bin einfach glücklich."
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(SZ vom 29.01.2010/lmne)
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@ bollizei_1: Zitat: "Systematisch wird den Deutschen das Rückgrat verkrümmt, bis sie sich nur noch im Kriechgang fortbewegen können."
so trifft die oben beschriebene Befürchtung wohl nur auf solche Zeitgenossen zu, deren nicht ausgenutzte intellektuelle Möglichkeiten zu Fehlentwicklungen des Selbstverständnisses führten.
Je länger diese Ereignisse zurückliegen, desto eindringlicher - ja hektischer - wird daran erinnert. Dabei gibt es auch so schon kaum eine Woche, in der nicht im öffentlich rechtlichen Fernsehen ein Film über diese Zeit gesendet wird.
In den Tageszeitungen sieht es ähnlich aus: Kaum eine Woche in der nicht, zwei drei halbseitige Artikel veröffentlicht werden...
Anderseits wundert man sich, dass über aktuelle Ruinen so auffällig wenig berichtet wurde und wird!!!
Da wurde der Libanon nach eigener Aussage führender isr. politiker um Jahrzehnte zurück gebombt... Selbst ein UN Bunker wurde nach stundenlangem Beschuss von der isralesischen Armee durch eine laser gelenkte Präszisionsbombe zerstört.
Der Gaza Streifen wurde wochenlang bombardiert!! Israel weigert sich in dieser Woche, trotz der UN Aufforderung, Kriegsverbrechen zu untersuchen!!!
Israel verhindert - trotz Aufforderung der UN - die Leiferung von Baumaterial in den Gaza Streifen. Tausende Menschen leben deshalb immer noch ohne Strom in Zelten!
Aber für Wasser sorgte die israelische Regierung! "Israel hat die Schleusentore von einem der Dämme im östlichen Teil des Gazastreifens geöffnet und so palästinensische Häuser unter Wasser gesetzt und schweren Schaden verursacht.
Die israelischen Behörden öffneten die Schleusentore ohne vorherige Warnung oder Absprache mit den lokalen Behörden in Gaza und erschreckten die Bewohner, wie der TV-Korrespondent im Gazastreifen Montagabend berichtete.
In der Region hatte es während der letzten 24 Stunden heftig geregnet. Anscheinend konnten die israelischen Behörden mit der großen Regenwassermenge nicht fertig werden und entschlossen sich, die Schleusentore ohne vorherige Warnung zu öffnen.
Weil Gaza in einem niedrigen Gebiet liegt und dieses sich zum Meer hin weiter neigt, schoss das Wasser in das Gebiet, überflutete zwei palästinensische Dörfer und vertrieb etwa einhundert Familien ."
Seltsam, dass solche Meldungen nicht in den Massenmedien thematisiert werden... Warum eigentlich nicht???
Sie haben scheinbar nichts verstanden von dem was ich geschrieben habe! Lesen, aber richtig!
Eine durchaus interessante Sache, dass die Philharmoniker nun dort aufspielen - sind doch gewissermassen die klassischen Konzerte nicht nur in Nürnberg die letzten regelmässigen Treffen der überlebenden Akteure auf deutscher Seite - was jetzt durchaus ironisch gespiegelt wird in Israel.
Abbitte zu leisten kann, sollte und darf man von einem jungen Musiker allerdings nicht erwarten, das ist nicht seine Aufgabe, das ist nicht sein Leben. Gedenken und Respekt vor dem Leid und den historischen Fakten sind essentiell, genau wie jegliche Anstrengungen, dem Vergessen vorzubeugen und den Relativierungen Einhalt zu gebieten - aber da muss die Grenze dann auch gesetzt sein.
Man sollte aufpassen und auf der Hut sein vor solchen und ähnlichen Artikeln.
Allzugerne wollen Politik und Medien (SZ ist immer vorne dabei) den Deutschen ein Schuldgen einpflanzen, als dass sie auf Jahrtausende oder noch besser ewigwährend Schuldige seien.
Systematisch wird den Deutschen das Rückgrat verkrümmt, bis sie sich nur noch im Kriechgang fortbewegen können.
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