Hochwasserschäden in Bayern Falsche Opfer und dreiste Versicherungen

Berge von Sperrmüll in Deggendorf: Das Hochwasser hat das Hab und Gut vieler Menschen zerstört.

(Foto: dpa)

Schnelle und unbürokratische Hilfe wurde den Flutopfern nach dem Hochasser zugesichert. Doch eine gerechte Verteilung von Spenden und Geldern an die wirklich Bedürftigen geht oftmals nicht ohne Bürokratie. Falsche Opfer und unzumutbare Vorschläge einiger Versicherungen machen die Arbeit der Behörden noch komplizierter.

Von Wolfgang Wittl

Wer sich dieser Tage zum Thema Hochwasser äußert, sollte seine Worte mit Bedacht wählen. Die jüngste Erfahrung machte Sascha Straub, ein Finanzfachmann von der bayerischen Verbraucherzentrale. Er hatte kritisiert, dass Flutopfer im Landkreis Deggendorf, deren Häuser nicht zu versichern waren, eine Bescheinigung ihrer Versicherung vorlegen müssten, dass dem tatsächlich so ist. Dies habe "mit unbürokratischer Hilfe nichts zu tun", wurde Straub von der Nachrichtenagentur dpa zitiert. Eine "echte Zumutung" sei das für die Betroffenen. Die Replik erfolgte ähnlich prompt und direkt wie in Passau, wo Stadt und Umweltministerium tagelang über die Benachrichtigung über Pegelstände stritten, ehe sie sich auf unterer Arbeitsebene wieder ihrer guten Zusammenarbeit versicherten.

Straub stellt in einem Schreiben an das Landratsamt Deggendorf nun ausdrücklich klar, dass er keinesfalls die Verwaltungen in den Hochwassergemeinden gemeint habe, die diese "bürokratischen Hürden" verschuldet hätten. Vielmehr sollten Versicherungen von sich aus alle Daten zur Verfügung stellen, um das Verfahren zu beschleunigen. Das Landratsamt hatte zurecht darauf hingewiesen, dass der Freistaat die Vorlage von Versicherungsbescheinigungen ausdrücklich vorgeschrieben habe.

Je nachdem fällt auch die Höhe der Unterstützung aus. Wer nachweisen kann, dass sein Gebäude nicht zu versichern war, erhält 10 000 Euro für Ölschäden und 5000 Euro für zerstörten Hausrat. Wer von sich aus auf eine Versicherung verzichtete, bekommt jeweils nur die Hälfte.

Vermeintliche Opfer mit veralteten Mietverträgen

Das technokratisch anmutende Prozedere hat Gründe. Für die Behörden kommt es darauf an, einen detaillierten Überblick über Schäden und Eigentumsverhältnisse zu erlangen, um das Geld gerecht verteilen zu können. Zumal damit offenbar Schindluder getrieben wird. In Deggendorf sind bereits Fälle bekannt, in denen sich vermeintliche Opfer 1500 Euro Soforthilfe unter den Nagel gerissen haben, obwohl sie vom Hochwasser gar nicht geschädigt sind. Sie legten etwa veraltete Mietverträge vor oder wohnen in Stockwerken, die vom Wasser überhaupt nicht betroffen waren. Betrüger hätten mit Anzeigen wegen Missbrauchs zu rechnen, sagt Landrat Christian Bernreiter (CSU), das Geld werde zurückgefordert. Oft kämen die Tipps aus der Bevölkerung, weil die Ämter so schnell gar nicht alles nachprüfen könnten.

Auch die Verteilung von Spenden erfolgt über die Behörden, egal ob sie bei Kirchen, Verbänden oder Privatinitiativen eingegangen sind. "Gedanklich werden wir alles zusammenwerfen", sagt Landrat Bernreiter. Ein Fachgremium werde darauf achten, die Spenden gerecht zu verteilen. Nicht dass im Zusammenspiel von staatlicher und privater Hilfe jemand zu kurz kommt - oder zu großzügig bedacht wird. Von kommender Woche an sind die Antragsformulare bei den Kommunen abzuholen oder im Internet runterzuladen. Enttäuschungen werden nicht ausbleiben: "Schnell, unbürokratisch und gerecht - das geht nicht", sagt Bernreiter.

Unter den Antragstellern werden dann vermutlich auch Hochwassergeschädigte zu finden sein, die eine Elementarschadenversicherung abgeschlossen haben. Obwohl sie damit vermeintlich alle Vorkehrungen getroffen haben, könnten sie nun sogar schlimmer betroffen sein als Nichtversicherte. Anwohner in Fischerdorf jedenfalls berichten von nahezu unzumutbaren Bedingungen der Versicherungen. So seien sie angewiesen worden, vom Hochwasser ramponierte Gegenstände wie Fenster, Heizkörper und Duschen auseinanderbauen, reinigen und trocknen zu lassen - und dann wieder zu verwenden. Sollten sich die Utensilien in einem Jahr als unbrauchbar herausstellen, könne man die Sachen immer noch entsorgen, hieß es.

Die Deggendorfer Stadt- und Kreisrätin Renate Franzel (Grüne) rät deshalb zur Gründung einer Interessensgemeinschaft für Hochwassergeschädigte, die bereits in anderen Überschwemmungsgebieten erfolgreich gearbeitet hätten. Eine solche IG könne als eigenständiger Verein neutrale Sachverständige bezahlen, die ein Gegengutachten erstellten.