Hochwasser in Passau Was die Flut zurücklässt

In Passau scheint zwar die schlimmste Flut überstanden, doch für die Bewohner fängt die Katastrophe erst richtig an: Die Pegel sinken, das Hochwasser hinterlässt in der Innenstadt Zerstörung und Schlamm. Vom Ausmaß der Schäden hat sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Bild gemacht.

Von Beate Wild, Passau

Schlamm, wohin man blickt. Auf den Straßen, in der Fußgängerzone, in den Geschäften. Einen Tag, nachdem Passau den höchsten Wasserstand seit 512 Jahren erlebt hat, zeigt sich, was das Hochwasser hinterlassen hat. Und das ist vor allem Dreck und Schlamm. In der niederbayerischen Dreiflüssestadt ist das schlimmste Hochwasser überstanden, die Pegel sinken wieder. Am Dienstagmorgen hat man 11,90 Meter gemessen, einen Meter weniger als am Tag zuvor.

"Auch wenn die Pegel jetzt zurückgehen, ist die Lage immer noch kritisch", mahnt Passaus Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD). In vielen Häusern seien nach wie vor die Keller geflutet. "Und wir haben immer noch keine Strom- und Wasserversorgung", sagt er. Und das ist das Unangenehmste für die Bewohner. Die Stromversorgung könne man vermutlich relativ bald wiederherstellen, doch die Wasserversorgung wieder in Gang zu bringen, dauere vermutlich "mehrere Tage", so Dupper. Unterdesssen werde Passau aus 14 dezentralen Tanks mit Wasser versorgt.

Am Vormittag machen sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) ein Bild von der Lage. Nachdem sie sich zunächst die Situation bei einem Helikopterflug aus der Luft angesehen haben, inspizieren sie Passau zu Fuß - vom Innufer quer durch die Innenstadt zum Donauufer. 100 Millionen Euro Direkthilfe sichert die Kanzlerin den Betroffenen in Bayern zu - 50 Millionen vom Freistaat und 50 Millionen vom Bund. Merkel plaudert auch mit Helfern und Anwohnern. Einem Mann, der in einem großen orangefarbenen Lastwagen sitzt, ruft sie zu: "Woher sind Sie?". Er antwortet: "Aus Passau", und schiebt dann hinterher: "Vom Bauhof." Merkels Antwort: "Ach so, also nicht von der Müllabfuhr?" Er: "Nein, aber Müll haben wir jetzt auch hier."

Zahlreiche Schaulustige begleiten Merkels Besuch in Passau. Wenn man sie fragt, was sie sich von der Kanzlerin erwarten, sagen sie: "Dass sie den Geschädigten möglichst rasch Hilfe zukommen lässt." Oder auch: "Nichts, die ist ja nur hier, weil Wahlkampf ist." Aus diesem Grund ist wohl auch Hubert Aiwanger, Bundesvorsitzender der Freien Wähler, nach Passau gekommen. Schon bevor Merkel eintrifft, plaudert er eifrig mit den wartenden Journalisten. Beim Rundgang durch die Altstadt läuft er neben den Medienvertretern her. Als Merkel mit Bundeswehrsoldaten redet, setzt er wieder zu längeren Ausführungen an. Zu wenige Sandsäcke seien parat gewesen, glaubt er. Man hätte den Anwohnern schneller helfen müssen.

Wegen des Hochwassers hat Passau zudem zwei Verletzte zu beklagen. Ein Helfer erlitt eine Fußquetschung, ein Mitarbeiter der Stadtwerke musste mit einer Kohlenmonoxidvergiftung in ein Krankenhaus gebracht werden. Und auch von Auseinandersetzungen zwischen Hilfskräften und Schaulustigen ist die Rede. Oberbürgermeister Dupper bestätigt: "Das stimmt, aber man soll die Leute halt ihre Arbeit machen lassen, für Hochwassertouristen ist hier kein Platz."

Und während Merkel und Seehofer noch auf ihrem Rundgang durch die Innenstadt sind, machen sich die Anwohner schon ans Aufräumen. "Das Schlimmste ist der Dreck, der nach dem Wasser überall zurückbleibt", sagt ein Ladenbesitzer. Er ist mit Putzeimern und Schaufeln bewaffnet. Den Schaden kann er nicht abschätzen, versichert ist er nicht - wie die meisten in Passau. "Keine Versicherung will Passauer aufnehmen", sagt er. Denen sei das zu heikel. In der Grabengasse tragen einige Männer verschlammte und aufgeweichte Möbel aus einem Haus. "Alles kaputt", sagt einer. Ein Nachbar rät: "Nicht gleich alles wegschmeißen, lieber vorher Fotos von der Zerstörung machen." So können man hinterher beweisen, wie groß der Schaden war.

Für die Passauer ist nun wichtig, dass die versprochene Finanzhilfe möglichst schnell bei ihnen ankommt. Keine Unterstützung erhalten die Betroffenen jedoch beim Aufräumen und Putzen. "Ich muss mir extra eine Woche Urlaub nehmen, um hier alles wieder in den Griff zu bekommen", sagt ein Hausbesitzer. Es wird wohl noch Wochen dauern, bis in der Dreiflüssestadt sämtliche Schäden beseitigt sind und alles wieder in geregelten Bahnen verläuft. Die Passauer können jetzt jede Hilfe gebrauchen - nicht nur finanzielle, auch tatkräftige.