Mord vor 125 Jahren Ein Leben lang falsch verdächtigt

Vor 125 Jahren wurde das Ehepaar Mühlratzer in der Einöde Obergrub ermordet. Der Täter wurde bald gefasst, in der Pfarrgemeinde Gebensbach bekam das aber niemand mit. Und so kam es, dass Generationen von Gebensbachern den Falschen verdächtigten.

Von Hans Kratzer

Der Dezember hatte nasse Kälte und Nebelschwaden mitgebracht. Schon das Wetter brachte die Betrübnis zum Ausdruck, von der die Pfarrgemeinde Gebensbach an der Grenze zwischen Ober- und Niederbayern vor 125 Jahren abrupt erfasst worden war. Schwerfällig gruppierte sich die schwarzgekleidete Gemeinde um ein offenes Grab, alles starrte auf die beiden Särge, die von Bauern aus der Umgebung mit dicken Seilen in die Tiefe gesenkt wurden. Jedem saß der Schrecken in den Gliedern. Der Doppelmord in der Einöde Obergrub hatte den ganzen Bezirk in Aufregung und Verzweiflung versetzt.

Mord und Totschlag waren in jener Zeit freilich keine Seltenheit. Protokolle über Überfälle auf einsam gelegene Gehöfte, Raubmorde und Tötungen aus dem Affekt heraus füllten die Aktenkeller der Justiz. Der ehemalige Münchner Polizeibeamte Johann Dachs hat viele dieser Dokumente ausgewertet und etliche Bücher über historische Mordfälle auf dem Land geschrieben. Sie zeigen deutlich auf, dass die gute alte Zeit ganz schön blutrünstig war. Was den vor fast genau 125 Jahren begangenen Doppelmord von Obergrub aus der Fülle vergleichbarer Verbrechen heraushebt, ist die Frage nach der Täterschaft, deren Auflösung in diesem Fall fast kuriose Züge angenommen hat.

In der Rückschau lernen wir daraus, dass die mediale und nachrichtliche Überversorgung der heutigen Zeit im krassesten Kontrast zu der Situation vor hundert Jahren steht. Denn nur wenige Bauern hielten sich damals eine Zeitung, und wenn sie in der Erntezeit die Arbeit drückte, dann wurde das Blatt für einige Monate abbestellt. Radio und Fernsehen waren noch Zukunftsvisionen. Von den Weltläuften bekamen die Menschen auf dem Land deshalb nicht viel mit.

Dafür herrschten Aberglauben und Bigotterie in einem Ausmaß, dass einer wie der Pfarrer von Kiefersfelden, Johann von Gott Gierl, nicht anders konnte, als seine Verzweiflung über diese Borniertheit wortreich niederzuschreiben. Noch um das Jahr 1890 fühlte er sich auf einer Pfarrstelle in Niederbayern ins Mittelalter zurückversetzt. Vom Hexenglauben, von den Druden und von dubiosen Segenssprüchen wollte das Landvolk partout nicht lassen.

Einem Burschen aus dem Dorf Gebensbach wurden diese Haltung, das Fehlen einer Zeitung und die kaum vorhandene Mobilität der Bevölkerung zum Verhängnis. Alsbald wurde er verdächtigt, der Doppelmörder von Obergrub zu sein. Letztlich musste er bis zu seinem Tod mit diesem Verdacht leben und zurechtkommen. Dabei hatte sich schon wenige Wochen nach der feigen Mordtat eine Situation ergeben, die diesen Irrtum sofort beseitigen hätte können. Nur schaffte es diese Nachricht damals nicht, aus München in das lediglich 80 Kilometer entfernte Gebensbach vorzudringen. Und die Münchner Neuesten Nachrichten, die für Aufklärung gesorgt hätten, las dort niemand.

Am 26. November 1887, einem Samstag, war der Doppelmord geschehen. Vom Täter fehlte jede Spur. Es gab zwar merkwürdige Indizien wie etwa ein Schlafnest im Heuschober eines benachbarten Bauern, Verdacht schöpfte aber niemand. Das Landvolk war daran gewöhnt, dass sich in dieser abgelegenen Gegend viele lichtscheue Gestalten herumtrieben. Das Ehepaar Mühlratzer in Obergrub wurde um die Mittagszeit in der Stube überrascht. Es muss blitzschnell gegangen sein. Der Mörder erschlug das Paar mit einer Schlegelhacke. Der Tatablauf erinnert an den späteren Sechsfachmord von Hinterkaifeck.

Einige Generationen lang rätselten die Gebensbacher über den Mörder. Es sollte unglaubliche 95 Jahre dauern, bis die wahre Geschichte offenkundig wurde. Zwar hatte sich schon 1938 ein Zeitzeuge bei einer Erdinger Zeitung gemeldet und den Namen des Mörders verraten, aber auch diese Kunde drang nicht bis nach Gebensbach vor. Dabei hatte der Mann mit präzisen Angaben darlegen können, dass der Mörder schon kurz nach der Tat ermittelt worden war. Erst im Jahr 1982 fiel einem Archivpfleger bei einem Gespräch auf, dass die Gebensbacher immer noch die Frage nach dem Mörder von 1887 stellten. Da ihm die Zeugenaussage im Erdinger Tagblatt von 1938 bekannt war, erfuhren endlich auch die Gebensbacher die Wahrheit über den Doppelmord von Obergrub.

Der Mörder war demnach der Mesnerssohn aus Hirschhausen bei Pfaffenhofen, der schon zahlreiche Überfälle begangen hatte. Kurz nach der Tat von Obergrub war er in der Nähe von Erding in ein Anwesen eingebrochen und hatte die Besitzerin, die ihn ertappt hatte, gewürgt, bis diese wie tot aus seinen Händen glitt. Doch die Frau stellte sich nur tot. Sie alarmierte das ganze Dorf, und bald war der Übeltäter gestellt. Er legte nach Aussage des Zeugen ein Geständnis ab. Kurz vor dem Gerichtsprozess trachtete er nur noch danach, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er bearbeitete die Wunde, die er bei seiner Festnahme erlitten hatte, solange mit den Fingern, bis eine Blutvergiftung eintrat, die seinen Tod herbeiführte. Die Schwurgerichtsverhandlung, die vermutlich der Festnahme des Mörders von Obergrub ein breiteres Echo verliehen hätte, vielleicht sogar bis hinaus nach Gebensbach, konnte nicht mehr stattfinden.