"Ich wollte das Ding nicht rausholen. Aber ich hatte damals nichts zu sagen": Im Prozess um den Tod von Ursula Herrmann werfen ehemalige Polizisten ihren Chefs Versagen vor.
Es ist lange her, dass Franz B. dieses rote Kinderrad zuletzt gesehen hat. Es wirkt wie aus einer anderen Zeit mit diesem langgezogenen Lenker und dem kleinen Gepäckträger. Es war das Fahrrad der zehnjährigen Ursula Herrmann. Jetzt steht es im Schwurgerichtssaal in Augsburg. Die Reifen sind platt.
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Die Richter haben am zweiten Prozesstag das Fahrrad der Zehnjährigen und einen Nachbau der Kiste in Augenschein genommen, in der das Kind erstickte. (© Foto: dpa)
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Es stand in einer Asservatenkammer seit dem Tod von Ursula. B. hatte damals versucht, Spuren darauf zu sichern. Der Polizist war auch einer der Ersten, die am 4. Oktober 1981 am Tatort eintrafen, wo das tote Kind entdeckt worden war. In einer Holzkiste, 136 mal 59,5 mal 72 Zentimeter. Vergraben im Waldboden. Ein Nachbau steht im Gerichtssaal. Alle, die hineinblicken, wirken beklommen.
Am Landgericht Augsburg hat am Donnerstag der zweite Tag im Prozess um den Tod von Ursula Herrmann begonnen. Richter Wolfgang Rothermel hat damalige Ermittler als Zeugen geladen. Franz B. erzählt.
Er schildert jene kalten Herbsttage des Jahres 1981, als Ursula Herrmann vom Sportunterricht nicht heimkehrte und eine fieberhafte Jagd nach ihrem Entführer begann. Die Staatsanwaltschaft hält den Fernsehtechniker Werner M., 58, für den Täter. Seine Frau soll ihm geholfen haben. Die beiden Angeklagten bestreiten, die Tat verübt zu haben.
B. erinnert sich gut an den 4. Oktober. Der heute 60-jährige pensionierte Polizist war damals Obermeister und erst seit drei Jahren beim Erkennungsdienst. Er und 120 Kollegen hatten an jenem trüben Sonntag die Anweisung bekommen, noch einmal das Waldstück Weingarten bei Eching am Ammersee zu durchsuchen. Sie stießen mit Stangen in das Unterholz und waren schon fast fertig. Da rief einer, er sei auf einen Gegenstand gestoßen.
Es war 9.43 Uhr
B. wischte das Laub beiseite. Dort lag eine rotbraune Decke und darunter war ein silberner Deckel, dann ein grüner. Der war mit mehreren Metallriegeln verschlossen. "Ich dachte zuerst, hier hat ein Jäger vielleicht Munition versteckt oder Waffen", sagt B. Er ließ sich einen Spaten geben und öffnete die Verschlüsse mit Gewalt. Es war 9.43 Uhr. "Dann habe ich gesehen, dass das Mädchen da drin ist."
In seinen Bericht schrieb B.: "Der Körper fühlte sich kalt an." Ursula war erstickt. Damals stand B. am Anfang seiner Laufbahn. Vergessen habe er diesen Anblick nie, sagt er. Auch, weil es noch so viel Ärger bei den Ermittlungen geben sollte. Am Tatort ging es los. Eine gründliche Spurensicherung war offenbar kaum möglich, wenn man B. so zuhört.
Mindestens zu sechst standen ständig Kollegen um die Kiste herum. Es dauerte nicht lange, bis die Presse im Wald auftauchte, was B. ärgerte. Er sagt, sein Chef habe die Journalisten informiert. B. wollte eigentlich auch, dass die Kiste im Boden vergraben bleibt, bis die Spezialisten vom Landeskriminalamt eintreffen und den Tatort untersucht haben. "Ich wollte das Ding nicht rausholen. Aber ich hatte damals nichts zu sagen."
Sein Vorgesetzter habe veranlasst, dass auch der Inhalt der Kiste sofort herausgeholt wurde: Butterkekse, Schokolade, kleine Kirschsaftpackungen und die Hefte, die der Entführer für Ursula gekauft hatte. Western und Liebesromane, ein Horrorbuch mit dem Titel: "Das Grauen lauert überall." Am selben Tag gab es eine Pressekonferenz, auf der die Fundstücke gezeigt wurden.
Nur verwertbare Spuren, die fanden sich später kaum noch am Tatort. Dies erschwerte jahrelang die Ermittlungen. M.s Verteidiger Walter Rubach sagt: "Der Ermittlungsdruck war offenbar so groß, dass kriminalistische Sicherheitsmaßnahmen einfach fallengelassen wurden."
Joachim S., 65, macht sich kaum Mühe, seine Kollegen in Schutz zu nehmen. Er war am dritten Tage nach der Entführung zum Sachbearbeiter der Soko bestellt worden. "Bei mir liefen die Fäden zusammen", sagt er. S. hatte von Anfang an kein gutes Gefühl bei diesem Fall. "Man musste annehmen, dass die Ursula schlechte Chancen hatte", erzählt er. Die Entführer schrieben zwar Erpresserbriefe, forderten zwei Millionen Mark Lösegeld. Ein Lebenszeichen von Ursula bekamen die Eltern aber nicht.
M. gerät am 8. Oktober nach einem Hinweis aus der Bevölkerung ins Visier der Ermittler. S. erzählt: "Er war verschuldet und handwerklich geschickt." In der Kiste war ein Radio mit angelöteter Antenne. "Kann ja nicht jeder", sagt S. Für ihn stand schnell fest, dass M. der Täter sein muss.
S. beschreibt M. als gefühlskalten und egozentrischen Menschen. Dessen Alibi habe Widersprüche aufgewiesen. Erst habe sich M. in den Vernehmungen nicht an den Tag der Tat erinnern können, dann wollte er abends das Gesellschaftsspiel "Risiko" mit Bekannten gespielt haben. Aber auch die Aussagen der Alibizeugen widersprachen sich. Um einen Haftbefehl zu erwirken, reichte das jedenfalls nicht. "Wir mussten ihn laufen lassen", sagt S. "Die Spur wurde auf die Seite gelegt."
S.' Meinung nach viel zu schnell. "Berichte wiesen mangelhafte Aktenkenntnis auf. Sie zeigten, dass Kollegen Fehler gemacht hatten", erzählt S. vor Gericht. Sein Chef habe davon nichts hören wollen. Es gab Streit. Im Oktober 1982 musste S. die Soko verlassen.
- Herrmann-Prozess "Ich habe gesehen, dass das Kind da drin ist" 26.02.2009
- Prozess um Ursula Herrmann Angeklagter beteuert Unschuld 19.02.2009
- Prozess um Ursula Herrmann Das Rätsel der zweiten Tonspur 19.02.2009
- Mordfall Ursula Herrmann Und dennoch bleiben Zweifel 19.02.2009
- Mordfall Herrmann: Prozessbeginn Spuren einer fast vergessenen Tat 18.02.2009
(SZ vom 27.02.2009/cag)
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Die neueste Antwort
offenbaren sich mängel in der polizeilichen arbeit, die leider von übereifrigen ermittlern und auch der presse (sie macht den öffentlichen druck) hervorgerufen werden. was bleibt ist ein großer schaden zum nachteil der menschen!!
lernen sollten alle von diesen fehlern, damit sich diese nicht wiederholen, aber wie sieht die wirklichkeit aus??? nach wie vor wird unter druck ermittel, weil die sogenannte öffentlichkeit ergebnisse erwartet, das fachliche aber bleibt auf der strecke...
solange die schuld eines angeklagten nicht 100% beweisbar ist, muss er/ sie als unschuldig
gelten und das ist auch gut so.....
in diesem prozess offenbaren sich zum wiedrholten male diverse mängel und man stellt sich die frage, ob bei einer möglichen verurteilung der angeklgagten (indizien) der oder die tatsächlichen täter gefast worden sind.....
Chefs profilieren sich auf Kosten der Untergebenen- und das Gesamtergebnis geht den Bach hinunter.
Reden dürfen die Untergebenen erst wenn sie in Rente sind, selbst das ist gefährlich als Beamter!