Grüne Bayerns Grüne jubeln über ihr unerwartet gutes Abschneiden

Der Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek jubelt bei der Wahlparty der bayerischen Grünen zur Bundestagswahl.

(Foto: dpa)
  • Auf gut zehn Prozent kommen die Grünen Hochrechnungen zufolge.
  • Der Landesvorsitzende Eike Hallitzky sagt, Union und SPD hätten ihren Wahlkampf zu sehr an der AfD orientiert.
Von Matthias Köpf

Punkt 18 Uhr geht ein Raunen durch das Publikum im Münchner Club Ampere, starke Verluste für die Union. Doch die bange bis angstvolle Anspannung weicht erst ein paar Sekunden später aus den Gesichtern, und jetzt reißen die Grünen in fast ungläubigem Jubel die Fäuste in die Höhe. Zunächst 13,5 Prozent bundesweit billigen ihnen die Demoskopen auf Basis ihrer Nachwahlbefragungen zu, und so trauen sich die Grünen nun auch bei der ersten landesweiten Zahl zu jubeln, der für die CSU. Anfangs sieht es so aus, als würden die Grünen selbst mit 10,5 Prozent bayernweit auf ein zweistelliges Ergebnis kommen. Später dann ein kleiner Dämpfer, es sind laut Prognose nur noch 9,7 Prozent in Bayern. Das ist immer noch viel mehr als bei der zurückliegenden Bundestagswahl.

"Des is ja a Wahnsinn!", ruft die Landesvorsitzende Sigi Hagl im ersten Überschwang, während ihr Co-Vorsitzender Eike Hallitzky zwar genauso überrascht ist, aber schon mit der Analyse beschäftigt. Union und SPD hätten Wahlkampf stark an AfD-Themen entlang gemacht und sich ihre Verluste selbst zuzuschreiben, sagt er. Für die Grünen habe sich "unsere Politik der Weltoffenheit, der Aufgeschlossenheit gegenüber Europa" bezahlt gemacht und auch der Umstand, dass man bis zum Schluss um jede Stimme gekämpft habe - allen Umfragen zum Trotz.

Denn so gut, wie sie am Ende abgeschnitten haben, hatten sich die Grünen nicht einmal selbst gesehen. Auch der grüne Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek nicht, der ebenfalls erst einmal "Wahnsinn" sagt. Doch die Stimmung bei den eigenen Veranstaltungen, beim Flugblattverteilen, an den Infoständen, war immer positiv, sagt Hallitzky - und zwar bei den Mitgliedern wie bei den Wählern. Und am Ende habe sich eben gezeigt, dass "unsere Themen doch Gewinnerthemen sind".

Für die Emotionen ist bei Bayerns Grünen vor allem Claudia Roth zuständig, die eine halbe Stunde nach den ersten Zahlen mit großem Jubel empfangen wird. Die Grünen hätten "gezeigt, wie stark wir sind, wie kreativ wir sind, wie bunt wir sind", ruft sie in den Saal. Die Grünen seien "absolut unverzichtbar".

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Roth sieht ihre Partei angesichts des AfD-Erfolgs "in einer historischen Verantwortung für unsere Demokratie und für unsere Freiheit und dafür, unseren inneren Frieden zu verteidigen". Die Grünen seien das Gesicht der Menschenrechte, und: "Wir sind das Gegenmodell zu einer sogenannten Alternative."

Alle Zweifel sind an diesem Abend weggewischt. Etwa der, ob mit der stets emotional auftretenden Spitzenkandidatin Roth und dem oft eher holzgeschnitzt wirkenden Toni Hofreiter auf Listenplatz zwei ausgewiesene Parteilinke das richtige Spitzenduo für die gern ins Bürgerliche tendierenden bayerischen Wähler waren.

Die Fokussierung des Wahlkampfs auf Sicherheit und Zuwanderung haben die Grünen scheinbar hilflos verfolgt, waren sie doch der Meinung, dass ihnen als Öko-Partei der Klimawandel helfen müsste. Er sei inzwischen süchtig nach Infoständen, sagt Janecek, der wie Roth, Hofreiter, Ekin Deligöz, Uwe Kekeritz und Beate Walter-Rosenheimer wieder im Bundestag sitzen wird. Neu einziehen werden die Fränkin Manuela Rottmann, der Niederbayer Erhard Grundl und wohl auch die bisherige Landtagsabgeordnete Margarete Bause. Sie war schon zweimal Landesvorsitzende und saß von 1986 bis 1990 und dann wieder seit 2003 im Landtag. Doch dass sie jetzt unbedingt in die Bundespolitik wechseln müsse, das mochte vielen Grünen nicht recht einleuchten, als Ende 2016 die Landesliste aufgestellt und Bause auf Platz neun durchgereicht wurde. Aber jetzt steht sie oben am Podium und wird bejubelt für ein Ergebnis, das in ihren Augen auch das Ergebnis eines großen Kampfes ist. "Oh Mann", ruft sie in den Saal, "so einen Wahlkampf habe ich, glaub' ich, noch nie erlebt". Mit Glück - nämlich per Losentscheid - hatte es der Regensburger Stefan Schmidt bei der Listenaufstellung auf Platz zehn geschafft, er muss zittern an diesem Abend. Sein stimmengleicher Konkurrent Karl Bär hatte sich hinter Lisa Badum auf Listenplatz zwölf einreihen müssen. Für Berlin wird das nicht mehr reichen, trotz dieses unverhofft guten Ergebnisses. Extra-Applaus spenden die Grünen der hohen Wahlbeteiligung in Bayern und in ihrer Hochburg München.

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