Graffiti-Sprayer in Augsburg Stadt der Blumen

Täter oder Künstler? Ein Graffiti-Sprayer hat in Augsburg mehrere hundert Blumen an Häuserwände und Mülltonnen gemalt. Jetzt hat die Polizei ihn geschnappt, ihm droht eine saftige Strafe. Doch viele Bewohner sind darüber entsetzt. Sie halten den 24-Jährigen für ein Genie, der die Stadt schöner und menschlicher macht.

Von Stefan Mayr, Augsburg

Die einen sagen: Oh wie Schade. Die anderen rufen: Na endlich. Die einen trauern um das Werk eines vermeintlichen Künstlers, der die Stadt ein Stück schöner und menschlicher gemacht hat. Die anderen freuen sich, dass einem Straftäter sein schmieriges Handwerk gelegt wurde.

Stadt der Blumen

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Etwa eineinhalb Jahre lang hat ein unbekannter Mann die Straßen und Gassen Augsburgs mit gemalten oder gesprayten Blumen versehen - die schematische gezeichnete Pflanze hatte stets einem gebogenen Stiel und fünf Blätter. An Trafohäuschen, auf Verkehrsschildern, an Hausmauern, auf Mülltonnen, an Postkästen, überall pflanzte der selbsternannte Stadtbegrüner sein skurriles Gewächs.

Für die Polizei ist er ein "illegaler Graffiti-Sprayer", dem sie ein Jahr lang "akribisch" hinterher ermittelte. Für viele Augsburger ist er ein Genie: Die Blume wirkt fast nie, als wäre sie mal schnell irgendwo hingepinselt worden. Meistens schien es, als habe der Maler den Standort sorgfältig ausgewählt. An Stellen, die nach Begrünung quasi schreien - und die beim Betrachten der Blume zwangsläufig ein Schmunzeln auslösen.

Mit der verbotenen Malerei ist es jetzt jedoch vorbei. Die Polizei hat den 24-jährigen Künstler respektive Täter ausfindig gemacht. Die "Arbeitsgruppe Graffiti" spricht von 470 Taten, die sie dem Verdächtigen nachweisen kann. Den Sachschaden beziffert sie auf über 70.000 Euro. "So eine Masse an Schmierereien von einem Täter innerhalb eines Jahres gibt es wohl nicht einmal in Berlin", sagt der Sachbearbeiter der Polizei nicht ohne Respekt vor dem Fleiß des Blumenmalers.

Im Internet hat sich eine Fangruppe gebildet, die Lokalmedien berichteten wohlwollend. Einmal gab der Anonymus sogar einem Szene-Magazin ein Interview. Seine Identität gab er nicht preis, dafür verriet er, dass seine Blume der Gattung "Pulchrum videre" angehöre. Diese Pflanze ist in der Botanik allerdings unbekannt, übersetzt bedeutet der Name schlichtweg: "Schönes sehen". Sein Ziel sei es, so der 24-Jährige, "den Menschen Freude in ihr Leben zu bringen und ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern." Das ist ihm gelungen.

Vollkommen aufgegangen ist seine Saat im Sommer 2011: Als Augsburg anlässlich der Frauen-Fußball-WM mehrere internationale Künstler in die Stadt einlud, ließ sich die englische Guerilla-Strickerin Lauren O'Farrell alias Deadly Knitshade inspirieren. Sie fabrizierte zahlreiche Duplikate aus Wolle und pflanzte sie in das Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone. Während dieser bunte, erlaubte Blumenteppich ganz schnell wieder verschwunden war (Blumendiebe!), blieben die schwarzen, verbotenen Originale des Graffiti-Mannes bis heute.

Seine ganzjährig blühenden Nachtschattengewächse sind mal klein wie Gänseblümchen, mal riesig wie Sonnenblumen. Sie sind mal bezaubernd (winzig auf dem Reflektor eines Straßenbegrenzungspfahls), mal gar nicht lustig (fett auf einem Privatauto).

Auch für den Spaßvogel wird die Aktion unerfreulich enden: Der Strafrahmen für Sachbeschädigung reicht bis zu zwei Jahren Haft. Ob der Täterkünstler angesichts der Vielzahl seiner Werke mit einer Geldstrafe davon kommt, muss abgewartet werden. Zusätzlich erwarten ihn die Schadenersatzforderungen der Eigentümer. Im Internet haben Fans der Blume eine Todesanzeige gewidmet. Der Trauerspruch lautet: "Die Blume geht zugrunde, aber der Samen bleibt zurück und liegt vor uns, geheimnisvoll, wie die Ewigkeit des Lebens."

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