Grafenau als höflichster Ort Deutschlands "Wir haben den größeren Horizont"

Ausgerechnet im tiefen Bayerwald leben angeblich die freundlichsten Menschen der Republik: Laut Knigge-Akademie ist das niederbayerische Grafenau die höflichste Stadt Deutschlands. Bürgermeister Max Niedermeier erklärt, warum.

Interview: Thomas Moßburger

Grafenau ist die höflichste Stadt der ganzen Bundesrepublik - das sagt zumindest die Knigge-Akademie. Die Stadt im Bayerischen Wald wurde laut Michael Klein, dem Leiter der Knigge-Akademie, deshalb auserwählt, weil die Bewohner so ausgesprochen freundlich, herzlich und höflich seien. Davon habe er sich höchstselbst während eines Besuches überzeugen können. Auch die Tatsache, dass in Grafenau schon an den Schulen Knigge-Kurse angeboten werden, und dass die Verwaltung zuvorkommend auf die Auswahl reagiert habe, habe zu der Entscheidung beigetragen. Vom 18. bis 21. Oktober finden daher in der niederbayerischen Stadt Veranstaltungen und Kurse rund um das Thema Höflichkeit statt. Braucht die Knigge-Hochburg Grafenau also doch noch Nachhilfe? Max Niedermeier (CSU), 55 und erster Bürgermeister, erklärt die Entscheidung für seinen Ort.

Der Grafenauer Bürgermeister Max Niedermeier.

(Foto: Privat/oh)

Süddeutsche.de: Herr Niedermeier, zum Einstieg ein kleiner Test. Auch wenn Bayern eher für sein Bier bekannt ist: Wo ist laut Knigge ein Weinglas anzufassen?

Max Niedermeier: Das Weißwein-Glas hält man am Stiel, damit der Wein kühl bleibt. Beim Rotwein kann man ruhig um den Kelch fassen, weil der Wein warm getrunken wird.

Nicht ganz. Knigge schreibt vor, auch Rotwein-Gläser am Stiel anfassen. Aber Sie haben ja noch ein paar Stunden Zeit bis zur Knigge-Aktionswoche in Grafenau. Mal ehrlich: Woran merkt ein Besucher, dass er sich in der höflichsten Stadt Deutschlands befindet?

Wir Grafenauer sind einfach ein ganz besonderer Menschenschlag. Das ist auch dem Chef der Knigge-Akademie aufgefallen, als er hier anonym zu Besuch war. Er sagt, dass die Menschen ihn sympathisch aufgenommen haben und er selten eine solche Freundlichkeit gespürt hat wie in Grafenau. Deshalb hat er uns auch zur höflichsten Stadt auserkoren.

Das geht doch ein wenig konkreter: Trägt der Bäcker mir die Brötchen nach Hause?

Das müssen Sie schon selbst erledigen (lacht). Aber Sie können sicher sein, dass der Bäcker Sie vorher gut und freundlich beraten hat. Für uns steht bei der Aktion vor allem der Spaß im Vordergrund.

Woran könnte es liegen, dass gerade die Grafenauer besonders freundlich sind?

Das liegt an der guten Luft, am schönen Wetter und an der Landschaft! Wir leben dort, wo andere Urlaub machen, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist. Ich sage es mal so: Die Oberbayern haben die höheren Berge und wir Niederbayern haben den größeren Horizont. Grafenauer sind sehr weltoffen, auch wenn wir tief im bayerischen Wald leben.

Gibt es auch Situationen, in denen ein Grafenauer seine gute Kinderstube vergisst?

Über Grafenauer schimpfen sollte man generell als ihr Bürgermeister nicht, außerdem gibt es dazu auch keinen Grund.

Was macht für Sie persönlich gutes Benehmen aus?

Knigge ist schön und gut, aber gutes Benehmen darf nicht zu kompliziert sein. Gerade junge Menschen wollen es immer etwas leger und können auf dieses bocksteife Gehabe von früher verzichten. Regeln, wie den kleinen Finger beim Trinken abzuspreizen, sind heute nicht mehr an den Mann zu bringen. Knigge muss Spaß machen.

Und wenn einmal jemand zu Ihnen persönlich grob ist?

Dann sage ich: "Hier ist mein Rathaus, hier bin ich laut und sonst keiner". Dabei bleibe ich aber betont freundlich, so dass die Person den deutlichen Unterschied zu ihrem eigenen Ton bemerkt.

Jetzt soll ja auch eine "Miss Knigge Bayerischer Wald" gewählt werden. Was ist dabei wichtiger: Adrettes Aussehen oder gutes Benehmen?

Ich glaube, dass das eine dem anderen nicht schaden wird.

Sie wollen sich bei den Knigge-Tagen bestimmt auch von Ihrer besten Seite zeigen. Was fehlt Ihnen dazu noch?

Vielleicht muss ich meine Kenntnisse im Knigge-gemäßen Weinglas-Halten noch etwas ausbauen (lacht). Aber im Ernst: Perfekt bin ich auch nicht und deshalb möchte ich gerne an den angebotenen Seminaren teilnehmen. Mein Ziel: Ich möchte der höflichste Bürgermeister Deutschlands sein.