Glücksspiel Verlierer dringend gesucht

Die Spielbank von Bad Wiessee ist eine von drei Spielbanken in Bayern, die schwarze Zahlen schreibt.

(Foto: Gerhard Blank)
  • Sechs von neun Spielbanken in Bayern machen Verluste, das Defizit wird mittels Steuereinnahmen beglichen.
  • Seit Jahren sinkt die Nachfrage. Das liegt unter anderem an der Konkurrenz durch Online-Glücksspiele und der niedrigeren Altersgrenze im Ausland.
  • Mit "Ladys-Nights", Freibier und anderen Aktionen versuchen die Casinos nun, wieder mehr Besucher anzulocken.
Von Johann Osel, Bad Füssing

Heute gibt es Freibier in der Spielbank Bad Füssing, ein Gläschen malziges Starkbier pro Gast, passend zur Fastenzeit. Dazu Brote mit Obazdn. Wohlfühlen sollen sich die Besucher hier, nicht nur schnöde zocken, das ist die Devise der neun staatlichen Spielbanken in Bayern. Gleich neben dem Roulettetisch wird im Casino-Restaurant gespeist, die Kulturbühne im Haus bietet Konzerte und Lesungen an. Von der "Perle im Bad Füssinger Nachtleben" hat das Gemeindemagazin mal gesprochen, von einem Unterhaltungszentrum "mit beinahe großstädtischem Nightlife".

Die Gäste, die an jenem Donnerstagabend kommen, wollen aber vor allem eines: die Kugel rollen sehen. "War früher mehr los", sagt ein Stammgast mit Blick auf die gut zwei Dutzend Leute. "Viel mehr." Ein Sakko trägt er, wie es im "Großen Spiel" mit Roulette und Kartentischen und anders als im Automatenbereich Pflicht ist, darunter aber ein verwaschenes T-Shirt. Und wie läuft's beim Roulette, wo er ausgetüftelte Zahlensysteme setzt? "Lief schon besser."

"Das alles hat uns brutal getroffen"

In der Spielbank von Bad Kötzting läuft nicht mehr viel. Die Konkurrenz aus Tschechien und dem Internet ist groß. Seit Jahren muss der Steuerzahler helfen, die roten Zahlen auszugleichen. Doch die Stadt ist zum Durchhalten verdammt. Reportage von Wolfgang Wittl mehr ... Reportage

Der Satz würde auch gut zu dem niederbayerischen Casino passen. Bei 5,9 Millionen Euro lag der Bruttospielertrag 2016, also die Summe der Einsätze minus Spielgewinne - die Kosten sind höher, so fuhr das Casino 800 000 Euro Verlust ein. Die Bilanz hier, wo es täglich um Rot und Schwarz geht, ist: rot, seit Jahren. Sechs der neun Spielbanken machen Verluste. Neulich konnte Finanzstaatssekretär Albert Füracker (CSU) zwar melden: Der jahrelange Pleite-Trend ist gestoppt, die Häuser verbuchten zusammen erstmals wieder ein Plus - 138 000 Euro.

Im Detail aber ziehen drei rentable Häuser, Bad Wiessee, Feuchtwangen, Garmisch-Partenkirchen, den Rest mit. Neun Millionen Euro Verlust hat das halbe Dutzend angehäuft. Füssing steht noch passabel da im Vergleich zu Bad Kötzting, Bad Steben und Bad Reichenhall, mit je gut zwei Millionen Euro Miese. Es spreche viel dafür, so Füracker, "dass sich die Spielbanken künftig wieder selbst tragen". Heilfroh ist man offenbar, dass in diesem Jahr nichts mit Steuergeldern ausgeglichen werden muss. Die heiklen Details stehen nur in einem internen Bericht des Ministeriums.

Dabei ist der Ertrag auch in der Summe gesunken: die Gäste verloren 64,6 Millionen Euro, vor zehn Jahren waren es fast 130 Millionen. Auch die Besucherzahlen sind rückläufig. Die "Trendwende" 2016 ist daher auf Personalabbau zurückzuführen. Fast jede fünfte Stelle fiel weg, Proteste dagegen verfingen kaum. "Unsere Leute gehen eh auf dem Zahnfleisch", sagte ein Personalvertreter und verwies auf die Nachtarbeit. Klassisches Roulette brauche zudem viel Personal. Schrumpfe die Belegschaft, schrumpften Angebot und Erträge weiter.

Für Croupiers sehr relevant: Zum niedrigen Basisgehalt kommen Trinkgelder, die bei Gewinnen auf voller Zahl üblicherweise gegeben werden. Die Lage seit dem Stellenabbau sei "angespannt", hört man bei der Gewerkschaft Verdi. Zwei Angestellte sitzen in Bad Füssing an jedem Roulettetisch, einer dreht die Kugel im Kessel, kehrt die Verlierer-Jetons ab, zahlt Gewinne aus - Blitzrechnen. Der andere überwacht das Treiben. Denn es kann leicht Streit entstehen: Wem gehört welcher Einsatz?

Münze um Münze

Milliarden Euro werfen Spieler und Spielsüchtige jedes Jahr in Deutschlands Automaten. Einer, der daran gut verdient, ist Spielhallenbesitzer Toni Cammer. Besuch bei jemandem, der sich nicht allzu viele Gedanken macht. Von Matthias Kohlmaier mehr ... Die Recherche - Porträt

Im Schnitt fünf Prozent aller Casino-Gäste wohnen am Ort. In Füssing kommen Besucher noch aus Passau, die Mehrheit an diesem Tag sind Kur- und Reha-Patienten oder Badeurlauber auf der Suche nach Zeitvertreib. Ein Mann, Ende 40 und zur Kur hier, sagt: "Man kann auch nicht immer in den Haslinger Hof gehen." Im Tanzstadel dort - Attraktion des Landstrichs - treffen sich bei Disco-Schlager und vielen Getränken Hiesige und Fremde, mancher geht dann nicht allein heim. Pech im Spiel, Glück bei anderweitigem Vergnügen. Im Casino-Saal blickt der Dealer am leeren Black-Jack-Tisch traurig, doch eine Gruppe junger Frauen kommt. Sie haben Prosecco getankt, glucksen, lachen und spielen heiter ein Spiel, dessen Regeln sie nicht kennen. Die weiteren Kartentische werden verwaist bleiben. Am Freitag, dem Tag darauf, wird etwas mehr los sein. Aber auch viele von gestern bekannte Gesichter.