Glücksspiel in Bad Kötzting "Das alles hat uns brutal getroffen"

An den Roulette-Tischen in den staatlichen Spielbanken herrscht kein Andrang. Nur das Automatenspiel bringt Gewinn - die private Konkurrenz ist groß.

(Foto: Getty Images)

In der Spielbank von Bad Kötzting läuft nicht mehr viel. Die Konkurrenz aus Tschechien und dem Internet ist groß. Seit Jahren muss der Steuerzahler helfen, die roten Zahlen auszugleichen. Doch die Stadt ist zum Durchhalten verdammt.

Reportage von Wolfgang Wittl, Bad Kötzting

Ein früher Dienstagabend im Frühling, es ist vielleicht noch nicht die richtige Zeit, sein Glück am Spieltisch herauszufordern. In Bad Kötzting noch weniger als anderswo. Zwei Jogger laufen am leeren Parkplatz vor der Spielbank vorbei, Vögel trällern. Vor dem Kasino steht ein Auto zur Verlosung, es soll neue Kundschaft anlocken. Daneben ein Schild mit dem Slogan: "Spielbank Bad Kötzting: staatlich - bayerisch - aufregend anders."

Anders, ja, anders hatten sie sich das auf alle Fälle vorgestellt Mitte der Neunzigerjahre, als die Oberpfalz um eine Spielbank buhlte. Die Konkurrenz war gewaltig: Auch größere Städte wie Regensburg zeigten Interesse. Zum Zug kam Kötzting, das damals noch nicht den Titel eines Kneipp-Heilbades trug. Der Jubel war riesig: Arbeitsplätze, Mieteinnahmen, Beteiligung am Spielertrag - für eine strukturschwache Region an der Grenze zu Tschechien bot so eine Spielbank ganz neue Perspektiven. Als der Prachtbau im Jahr 2000 eröffnet wurde, gaben sie ihm stolz den Namen "Blauer Edelstein", weil die Klinkersteine so schön schimmerten.

Die Spielbank als Synonym für Misserfolg?

Wer heute im Bad Kötztinger Rathaus über die Spielbank reden will, dem schlägt erst einmal Skepsis entgegen. Man wolle nicht wieder in die Pfanne gehauen werden, heißt es. In Bad Kötzting residiert die kleinste aller neun bayerischen Spielbanken, manche sehen in ihr das Synonym für Misserfolg, wenn es um die Frage geht, warum sich der Freistaat in diesem defizitären Geschäft überhaupt noch engagiert. Seit Jahren schon muss der Steuerzahler mithelfen, damit die roten Zahlen ausgeglichen werden. Warum eigentlich?

Die Dame am Empfang begrüßt den Gast freundlich, das Kasino hat von seiner Eleganz in 15 Jahren nichts eingebüßt. Die dunkelblaue Decke mit funkelnden Lichtern lässt einen glauben, man stehe unter dem Sternenhimmel. Sieben Tische für das sogenannte große Spiel warten darauf, bespielt zu werden. Indes: Black Jack werde "bis auf weiteres" nur freitags und samstags von 20 Uhr an angeboten, steht auf einem Schild. Auch Poker hat Pause. Ein einziger Roulette-Tisch ist geöffnet, doch selbst hier findet sich reichlich Platz. Drei Spieler verlieren sich in der Weite des Saales. Keine Sorge, beruhigt der Mann am Wechselschalter, es sei ja noch früh.

Konkurrenz aus Tschechien - und aus dem Internet

Ein paar Kilometer weiter östlich, hinter der Grenze, brummt das Geschäft. Das Kötztinger Kasino war auch mit der Absicht gegründet worden, den Exodus der bayerischen Zocker nach Tschechien zu verhindern. Eine Chance hatte es nicht. Das Geld, das deutsche Spieler etwa an tschechischen Zapfsäulen sparen, setzen sie gleich wieder im Kasino ein. Sie dürfen schon mit 18 und nicht erst mit 21 Jahren ihr Glück versuchen. Außerdem dürfen sie dort immer noch rauchen. In Gratis-Bussen wird die Kundschaft von Regensburg aus nach Tschechien chauffiert. "Das alles hat uns brutal getroffen", sagt Kurdirektor Sepp Barth, der die Bad Kötztinger Spielbank seit den Anfängen begleitet.

Münze um Münze

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In Tschechien werben sie mit Fotos von verlockend vollen Sälen und leicht bekleideten Frauen. In Bayern ist das verboten, hier muss sich eine Spielbank mit Kulturprogrammen als Anreiz begnügen, mit Ausstellungen und Konzerten. Das Kötztinger Kasino erfreute seine Gäste dieses Jahr bereits mit Schlagern vom "Tanja-Meindl-Quintett", im Mai bitten "The Crown Jewels" zum Country-Groove. Die Seriosität, die staatliche Spielbanken zurecht anführen, entwickelt sich geschäftlich zum Bumerang. Spieler, die wegen ihrer Sucht gesperrt sind, fahren eben nach Tschechien. Nicht selten kehren sie als dauerhafter Sozialfall wieder zurück.

Auch inländische Konkurrenz und das Internet bereiten Sorgen: Das sogenannte kleine Spiel zählt zu den wenigen Gewinnbringern. 1200 Automaten sind in staatlichen Kasinos aufgebaut, gut 70 sind es in Bad Kötzting. Ihnen stehen bayernweit fast 19 000 Geräte in privaten Spielotheken gegenüber, die bereits ab 18 Jahren zugänglich sind. "Der Staat hat die Rahmenbedingungen zu Ungunsten seiner Spielbanken verändert", konstatiert Barth.

Die Stadt ist zum Durchhalten verdammt

Was tun? "Wir müssen das Beste daraus machen", sagt Bürgermeister Markus Hofmann. Der 39-Jährige ist seit einem Jahr im Amt, er weiß: Die Stadt ist zum Durchhalten verdammt. 27 Millionen Mark hat Kötzting in Grundstück und Bau seiner Spielbank investiert. Im Gegenzug erhält die Stadt eine jährliche Pacht und einen Anteil am Bruttospielertrag, insgesamt einen mittleren sechsstelligen Betrag. Die Schulden durch die Spielbank betragen noch immer zehn Millionen Euro - nicht einfach zu schultern für einen Ort, dessen Pro-Kopf-Verschuldung mit 3500 Euro deutlich über dem Landesschnitt liegt. Und das bei langfristigen, weitaus höheren Zinsen als jetzt. Aber damals waren auch Privatinvestoren verboten, heute lässt sich der Staat ganze Autobahnen finanzieren.

Im Jahr 2000 ist die Spielbank eröffnet worden - ein Bild aus den Anfangstagen.

(Foto: DPA)

Bad Kötzting gründete als erste Kommune einen Arbeitskreis, wie man die Situation verbessern könne: Die Stadt beteiligt sich an Messen - Tourismus-Aktionen und eine bessere Zusammenarbeit mit Hoteliers sollen dem Kasino zu mehr Zuspruch verhelfen. Auch der Freistaat hat daran Interesse. In einem Treffen, an dem alle Standortvertreter und die als Betreiber zuständige Lotterieverwaltung teilnahmen, wurde vereinbart, die Bemühungen weiter zu forcieren. Der Freistaat stehe zu seinen neun Spielbanken, bekräftigte Finanzstaatssekretär Albert Füracker. Darauf hoffen sie auch in Bad Kötzting. Der Pachtvertrag läuft 2025 aus, ohne Kasino wäre das Haus kaum zu bewirtschaften.

Am Roulette-Tisch haben sich inzwischen drei weitere Spieler eingefunden, doch noch immer ist das Personal in der Überzahl. Der "Blaue Edelstein" glänzt nun ziemlich matt im Abendlicht. Bis alle Kredite für ihn zurückbezahlt sind, wird das Jahr 2047 angebrochen sein. In der Sprache der Spieler gibt es dafür einen Ausdruck: verzockt.