Glücksfall Steigerwald Wo die Buchen in den Himmel wachsen

Wegen der urigen Pflanzen- und Tierwelt könnte bei Ebrach Bayerns dritter Nationalpark entstehen.

Von Christian Sebald

Nur ein paar Meter den Hang hinauf, das braune Laub raschelt unter den Stiefeln. Plötzlich steht der hagere Forstmann im milchig-grünen Waldlicht vor einer mächtigen, alten Buche mit zerfurchter, dicht bemooster Rinde. Ihr meterdicker Stamm, den er mit ausgestreckten Armen nicht umfassen kann, verschwindet oben im Blättermeer.

Die Krone bleibt unsichtbar, der Riese wächst weit über alle anderen Bäume hinaus. "Schaufelbuchen wie die hier gibt es nur bei uns im Steigerwald", sagt Georg Sperber und für einen Moment nimmt seine Stimme einen ehrfürchtigen Ton an, "die sind an die 300 Jahre alt". Irgendwo ruft ein Kauz. Sperber eilt weiter. Seine 74 Jahre sind ihm nicht anzumerken, so geschwind wie er durch den Wald bei Ebrach stapft.

Doch was heißt hier Wald? Der nördliche Steigerwald mit seinen Biotopen und Naturschutzgebieten ist in weiten Teilen ein Buchenurwald, wie man ihn nur noch ein- oder zweimal antrifft in Deutschland.

Das knapp 100 Hektar große "Naturwaldreservat Waldhaus" bei Ebrach etwa nennen Fachleute in einem Zug mit den Buchenurwäldern in Slowenien und den Karpaten, die die Unesco, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, bald in die Liste der Weltnaturerbe-Stätten aufnehmen wird.

Möglicherweise Nationalpark Nummer drei

Im Steigerwald selbst tobt ein Streit, ob die Buchenwälder hier ein Nationalpark werden sollen. Nach den Schutzgebieten im Bayerischen Wald und bei Berchtesgaden wäre er Bayerns dritter - und zugleich der erste Laubwald-Nationalpark im Freistaat.

Der Steigerwald erstreckt sich auf 15 bis 30 Kilometer Breite von den Haßbergen nördlich des Mains bis zur Frankenhöhe im Süden. Im Westen fallen die bis zu 500 Meter hohen Kuppen steil ab. Überall sind Fachwerkhäuser, mittelalterliche Stadtkerne und Schlösser erhalten. Nach wie vor ist der Steigerwald Bauernland: Im Süden und Westen dominiert Weinbau, im Norden und Osten werden Mais und Getreide gepflanzt. Viele arbeiten im Forst, in fast jedem Dorf steht ein Sägewerk. An Großindustrie gibt es nur den Baustoffhersteller Knauf Gips in Iphofen mit 18 500 Mitarbeitern weltweit. Ansonsten dümpeln die Gewerbegebiete meist vor sich hin.

Tourismus in der Krise

Auch der Tourismus läuft nicht mehr wie einst. Zwar verzeichnet der Steigerwald mit etwa 600.000 Urlaubern im Jahr noch immer ein Wachstum, heuer rechnet Johann Arnold vom Tourismusverband mit einem Plus von fünf Prozent.

"Aber das geht voll auf das Konto unseres Weltkulturerbes Bamberg und der Wellness-Stadt Bad Windsheim", schränkt er ein. Gerade der Tourismus im nördlichen Steigerwald stagniert - mit allen Folgen. In Ebrach, wegen der einstigen Zisterzienserabtei aus dem 12. Jahrhundert ein Muss für alle Besucher, stehen Läden leer. Größter Arbeitgeber dort ist die Jugendstrafanstalt, die in Teilen des Klosters untergebracht ist.

Wer in den Steigerwald kommt, tut das der urigen Natur wegen. Der Böhlgrund am Fuß der Knetzberge zum Beispiel ist ein verwunschenes Wiesental, aus dessen Seitenarmen kristallklare Quellen sprudeln. Unten am Forstweg, auf dem man stundenlang in den Wald hineinwandern kann, wächst die Elsbeere zuhauf, ein seltener Laubbaum mit olivgrünen Früchten. Im Spitalgrund bei Prüßberg trifft man auf einzigartige Schluchtwälder. Die Abhänge fallen so steil ab, dass sich die Forstwirtschaft nicht lohnt. Deshalb haben sich Baumriesen wie in Waldhaus erhalten. Und überall Buchen, Buchen und wieder Buchen, so weit das Auge reicht. In Kleinengelein stehen Deutschlands älteste, mehr als 300 Jahre alt und 40 Meter hoch.

So selten Buchenwälder heute sind, so weit war die Baumart einst verbreitet. "Sie war sogar die häufigste in Bayern", sagt Sperber. "85 Prozent der Wälder waren Buchenwälder." Wenn heute die Fichte dominiert, liegt das daran, dass sie für die Forstleute viele Vorteile hatte: Sie wächst schneller als alle anderen Baumarten, ihr Holz ist vielseitiger verwendbar. Erst seit klar ist, dass die Fichte den Klimawandel nicht übersteht, besinnen sich Waldbesitzer und Förster darauf, dass die Buche und andere Laubbäume hier am besten gedeihen.

Dass die weitläufigen Buchenwälder im nördlichen Steigerwald überlebt haben, hat historische Gründe. Jahrhundertelang lag die Region im Windschatten der Residenzstädte Würzburg und Bamberg, aber auch der Reichsstadt Nürnberg. Der knapp 500 Meter hohe Zabelstein etwa war Jagdrevier der Würzburger Fürstbischöfe, die Wälder wurden deshalb nicht angetastet. Die Zisterzienser von Ebrach wiederum legten so wenig Wert darauf, ihr Land zu kultivieren, dass sie im 14. Jahrhundert Dörfer absiedelten. Und später, rühmt Sperber die Mönche, betrieben sie eine sehr pflegliche Waldwirtschaft. "Die Schaufelbuchen ließen sie gezielt heranwachsen. Aus den Stämmen schnitzten die Landleute Getreideschaufeln, so verdienten sie sich ein Zubrot."

Wildkatze und Eremit

In jüngerer Vergangenheit pflegten Forstleute wie Sperber, der von 1972 bis 1998 das Forstamt Ebrach leitete, die Wälder. Dabei legten sie sich sogar mit ihrer eigenen Zunft an. In den 70-er Jahren forcierten die Forstbehörden den "großflächigen Abbau der Altbuchenvorräte", wie es damals hieß. Die Kahlschläge wurden mit Fichten aufgeforstet. Sie sind inzwischen großteils Stürmen zum Opfer gefallen. Außerdem hat sich der Borkenkäfer über sie hergemacht.

Dass die Schäden im Steigerwald vergleichsweise gering sind, liegt daran, dass Sperber und andere Anweisungen selbst aus dem Ministerium beharrlich ignorierten. Aber nicht nur die Forstleute schätzten Buchenwälder wenig. Auch Naturschützer betrachteten sie lange als "dunkle, artenarme Hallenwälder". Inzwischen ist das Gegenteil der Fall. Große Teile des Steigerwalds gelten als "sekundäre Urwälder" mit einer einzigartigen Artenvielfalt. Natürlich leben hier vor allem Rehe und Wildschweine und zwar so viele, dass die Jäger mit dem Schießen nicht hinterherkommen. Auch die Wildkatze ist wieder heimisch. Und demnächst wird der Biber zuziehen. Ornithologen haben 53 Vogelarten gezählt, darunter den Schwarzspecht, den Rauhfußkauz und den Halsbandschnäpper. Außerdem kommen alle 15 mitteleuropäischen Fledermausarten vor. Von der Bechsteinfledermaus leben nirgends so viele wie hier.

Schier unermesslich ist der Reichtum an Käfern und Pilzen. Von den 300 Käferarten ist der Eremit die prominenteste. Der unscheinbare, braun-schwarze Großkäfer galt als ausgestorben. "Erst vor einem Jahr haben ihn die Forscher wiederentdeckt und zwar genau hier", sagt Georg Sperber und klopft mit dem Stiefel gegen einen entwurzelten, fast völlig vermoderten Stamm. "Hier war seine Höhle. Als er zerbrochen ist, ist der Eremit den Forschern entgegengekrabbelt." Schon eilt Sperber ein paar Meter weiter, wo ein unförmig cremig-weißer Wirrwarr aus schwarzem Totholz wuchert. "Das ist der Ästige Stachelbart", sagt er, "die seltenste der 1100 Pilzarten hier."