Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" Sekte startet Gegenangriff

Die "Zwölf Stämme" wurden in den Siebzigerjahren in den USA gegründet.

(Foto: dpa)

Er filmte mit versteckter Kamera, wie Mitglieder der Sekte ihre Kinder schlugen. Die Aktion des RTL-Reporters hat im September 2013 eine Razzia bei den "Zwölf Stämmen" ausgelöst. Nun stellt die Glaubensgemeinschaft Strafanzeige gegen ihn.

Von Stefan Mayr, Deiningen

Elf Monate nach der Inobhutnahme ihrer Kinder startet die fundamentalistische Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" einen weiteren juristischen Gegenangriff. Rechtsanwalt Michael Langhans teilte am Freitag in einer Pressekonferenz mit, er habe Strafanzeige gegen den RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk gestellt. Zudem erhob er schwere Vorwürfe gegen die Amtsgerichte in Ansbach und Nördlingen, die im September 2013 die Inobhutnahme angeordnet hatten.

"Unmittelbar nach der Aktion wurden bei Untersuchungen keine psychischen und physischen Misshandlungsspuren festgestellt", betonte der Jurist, "aber die Gerichte haben die Sachverständigen bis heute nicht gehört." Dies belege, dass die Gerichte einseitig vorgingen: "Es finden keine Ermittlungen zugunsten der Eltern statt, sonst hätte man längst jene Akten ins Verfahren eingeführt, die belegen, dass keine Misshandlungen erkennbar waren." Das Amtsgericht Nördlingen verwehre ihm seit dem 30. Mai die Akteneinsicht, kritisiert Langhans. Das Amtsgericht Ansbach, wo ebenfalls Verfahren gegen die Eltern laufen, habe dagegen Akteneinsicht gewährt - wenn auch nur widerwillig.

Anwalt Langhans versuchte mit einer Power-Point-Präsentation, die Glaubwürdigkeit des RTL-Reporters Wolfram Kuhnigk zu erschüttern. Dieser hatte im September 2013 mit seinen Filmaufnahmen jene Razzia ausgelöst, die bundesweit Aufsehen erregt hatte. Kuhnigk hatte in Klosterzimmern mit versteckter Kamera gefilmt, wie Frauen der Glaubensgemeinschaft ihre Kinder mit Ruten auf ihr entblößtes Hinterteil schlugen.

Sekte stellt Strafanzeige gegen Behörden

Sechs Monate nach einer spektakulären Razzia schlagen die "Zwölf Stämme" zurück: Sie werfen der Polizei und dem Jugendamt Rechtsbruch vor. Mehrere Kinder seien ohne richterlichen Beschluss festgehalten worden. Von Stefan Mayr mehr ...

Daraufhin entzogen die Familiengerichte in Nördlingen und Ansbach den Eltern per Eilentscheidung das Sorgerecht. Vor den Anwesen der Gemeinschaft in Klosterzimmern (Kreis Donau-Ries) und in Wörnitz (Kreis Ansbach) marschierten große Polizeiaufgebote auf, Vertreter der Jugendämter nahmen etwa 40 Kinder mit. Die Gerichtsverfahren sind nach wie vor nicht abgeschlossen.

"Verletzungen der Haut, der Seele und der Würde ausgeschlossen"

Die "Zwölf Stämme" werfen Kuhnigk falsche Zeugenaussagen und Fälschung beweiserheblicher Dokumente vor. "Es gibt deutliche Indizien dafür, dass er die Videos manipuliert hat", sagte Langhans. Vor allem sei nicht eindeutig zu klären, wann die Videoaufnahmen erstellt wurden. "Der Zeitraum ist aber relevant, da zehn Schläge in zehn Minuten anders zu bewerten sind als zehn Schläge in zehn Jahren."

Die "Zwölf Stämme" wurden in den Siebzigerjahren in den USA gegründet. Weltweit gibt es vermutlich 2000 Mitglieder. Diese räumen - wie auch am Freitag - ein, dass sie ihre Kinder "disziplinieren". Dabei seien aber "Verletzungen der Haut, der Seele und der Würde ausgeschlossen", wie Anwalt Langhans betonte. Ein betroffener Vater berichtete am Freitag, dass es den Kindern in den Heimen viel schlechter ergehe als bei ihren Eltern. "Ein Kind ist mit einem blauem Auge zu einer Anhörung gekommen. Vielleicht sollte sich Herr Kuhnigk mal mit Heimen beschäftigen, dort werden unsere Kinder misshandelt."

Im Oktober 2013 hatten die "Zwölf Stämme" versucht, eine weitere Ausstrahlung der Beiträge zu verhindern. Vergebens. Das Bundesverfassungsgericht entschied, die Meinungs- und Pressefreiheit überwiege das Persönlichkeitsrecht.