Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" Prügel unter staatlicher Aufsicht

"Ich habe in nur zwei Tagen 84 Stockhiebe aufgenommen": Ein TV-Reporter hat heimlich bei der urchristlichen Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" gedreht. Die Behörden wussten seit Februar von den systematischen Schlägen. Doch außer angemeldeten Kontrollen unternahmen sie monatelang nichts.

Von Stefan Mayr

Die Frau setzt sich auf einen Stuhl und sagt zu dem vor ihr stehenden Mädchen in ruhigem Ton: "Sag: Ich bin müde!" Das Kind, geschätzte fünf oder sechs Jahre alt, wimmert: "Nein." Daraufhin spricht die Frau: "Runter!" Das Kind beugt sich nach vorne, die Frau zieht ihm die Hose herunter und schlägt mit einer Weidenrute auf den nackten Po. Es klatscht laut, das Kind schreit und weint.

Die Frau bleibt weiterhin verstörend ruhig und fordert: "Sag: Ich bin müde!" Diese Prozedur geht so lange, bis das Mädchen endlich sagt: "Ich bin müde!" Das genügt der Frau aber noch nicht, das Kind muss den Satz dreimal wiederholen. Erst dann lässt die Frau endlich von ihm ab.

Es waren überaus brutale Bilder, die der Fernsehsender RTL am Montagabend in seinem Magazin "Extra" über die Vorgänge in der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" in Klosterzimmern (Kreis Donau-Ries) ausstrahlte. "Ich habe in nur zwei Tagen 84 Stockhiebe aufgenommen", berichtet Reporter Wolfram Kuhnigk, der sich in die Sekte eingeschleust und versteckte Kameras installiert hatte. "Sechs verschiedene Kinder werden von sechs Erwachsenen geschlagen, die nicht ihre Eltern sind."

Die Prügelszenen lösen beim Betrachter zunächst Entsetzen aus, dann kommen Fragen auf. Was muss in den Köpfen derer vorgehen, die so etwas tun und/oder zulassen? Warum haben die Behörden jahrelang nichts gegen die Misshandlungen getan, obwohl sie davon wussten? Wie kann es sein, dass Amtsärzte und Schulpsychologen über Monate hinweg keine Misshandlungen festgestellt haben, obwohl sie der Sekte regelmäßig Kontrollbesuche abgestattet haben?

Wie das sein kann?

Der Donauwörther Landrat Stefan Rößle bezeichnet die Situation als "absolut unbefriedigend", kann aber keinen Fehler der Behörden erkennen. "Ich bin ja schon froh, dass wir die Kinder jetzt in Obhut nehmen konnten." Am Donnerstag wurden auf Anordnung des Familiengerichts 40 Kinder der Sekte abgeholt und auf Pflegefamilien und Kinderheime verteilt.

Rößle räumt ein, dass diese Aktion nicht zustande gekommen wäre, wenn der RTL-Reporter seine Bilder nicht zur Verfügung gestellt hätte. Und das, obwohl Rößle bereits im Februar 2013 direkt von einem Sektenmitglied erfahren hatte, dass die Kinder auch in der Schule systematisch gezüchtigt werden. "Wir haben daraufhin die Staatsanwaltschaft eingeschaltet", berichtet Rößle. Doch das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt, weil keine konkreten Taten nachgewiesen werden konnten.

Ein Amtsarzt und ein Schulpsychologe besuchten die Sekte regelmäßig - und stellten keine Hinweise auf Misshandlungen fest. Wie das sein kann? "Ein Aussteiger hat mir erzählt, dass extra mit solchen Ruten geschlagen wird, die keine Striemen hinterlassen", sagt Rößle. "Und wenn ein Kind doch mal verletzt war, dann war es am Tag der Untersuchung vermutlich halt nicht da." Rößle bestätigt, dass die Kontrollen stets angemeldet waren. Unangemeldete Besuche seien nur mit einem gerichtlichen Beschluss möglich. Ein solcher Beschluss kann aber nur erlassen werden, wenn hinreichende Beweise vorliegen.