Gisela Stuart Die Niederbayerin, die den Brexit mitorganisierte

Gisela Stuart und der wohl bekannteste Brexit-Befürworter, der heutige Außenminister Boris Johnson.

(Foto: Imago)

Als die junge Gisela Gschaider nach England zieht, will sie nur die Sprache lernen. Dann bleibt sie, wird Gisela Stuart, Britin und Abgeordnete - und leitet die Vote-Leave-Kampagne.

Von Maximilian Gerl

Am Morgen des 24. Juni 2016 verschläft eine Niederbayerin ihre eigene Revolution. Gisela Stuart - so erzählt sie es - steigt völlig übermüdet in den Zug nach London und nickt ein. Als sie aufwacht, hat sie auf dem Handy eine SMS ihres Sohns. Er klingt fassungslos. "Holy shit, mother! Du hast uns aus der EU geführt, den Premierminister gestürzt und Milliarden an der Börse vernichtet. Was hast du morgen vor?"

Fast zwei Jahre später sitzt die Revolutionärin in einem Café in München-Schwabing, vor sich eine Tasse Kaffee; wer eine lautstarke Populistin erwartet, wird enttäuscht. Stuart spricht leise, beinah zurückhaltend. Ihr Deutsch hat einen britischen Einschlag, wenn ihr ein Wort fehlt, wechselt sie ins Englische. Das Bairische allerdings geht ihr flüssig von den Lippen. Stuart verweigert sich klassischem Schubladendenken. Sie ist Bayerin und Britin, Buchhändlerin und Politikerin, Migrantin und Zuwanderungsskeptikerin. Einst arbeitete sie an der EU-Verfassung mit, dann organisierte sie die sogenannte Leave-Kampagne mit, die für einen Austritt Großbritanniens aus der EU warb. Sie war die einzige hochrangige Labour-Parlamentarierin, die die Initiative unterstützte - und maßgeblich daran beteiligt, dass die Brexit-Befürworter bei der Abstimmung den Sieg davontrugen.

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Stuart hat einen weiten Weg hinter sich, von Velden, Landkreis Landshut, nach Westminster Abbey und zurück. Geboren 1955 als Gisela Gschaider, wächst sie im Ortsteil Stockham auf. Ein typischer Weiler, so klein, dass es weder Kirche noch Wirtshaus gibt. Später macht sie eine Ausbildung zur Buchhändlerin. 1974 zieht es sie nach Großbritannien, sie will ihr Englisch verbessern; in Niederbayern denken alle, sie käme in ein paar Monaten wieder.

Doch Gschaider heiratet, wird Stuart, Mutter, Britin und 1997 die erste gebürtige Deutsche im Parlament. Den Wahlkreis Birmingham Edgbaston nimmt sie den konservativen Torys ab, die seit 1898 das Direktmandat halten. Anfang der 2000er schickt Parteichef Tony Blair sie in einen Konvent, welcher einen europäischen Verfassungsvertrag ausarbeiten soll. Der Beginn ihrer politischen Karriere. Und ihrer EU-Skepsis. Im Parlament sitzt sie inzwischen nicht mehr, bei den Wahlen 2017 trat sie nicht an.

Stuarts Kritik speist sich aus dem, was die Politikwissenschaft mit dem Terminus "Demokratiedefizit" versehen hat. Dazu zählt zum Beispiel, dass sich das Prinzip einer Opposition in den EU-Institutionen nur eingeschränkt wiederfindet; das System ist konsensorientiert angelegt. Auch Stuart sagt, dass sie die "Checks und Balances" vermisse, wie sie etwa der britische Parlamentarismus hervorgebracht habe. Viele Jahre habe sie vergebens versucht, die EU zu reformieren. In der Leave-Kampagne aber habe sie sich vor allem aus einem Grund engagiert: "Ich wollte nicht, dass es eine Volksbefragung gibt, bei der Ukip die führende Kraft ist." Ukip steht in der britischen Parteienlandschaft weit bis sehr weit rechts.

Stuart muss los, sie ist zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Das Thema, klar: Brexit. Es ist ein kurzer Fußmarsch zur Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Unterwegs kehrt sich das Frage-Antwort-Spiel um, Stuart ist neugierig: Wie viele Menschen inzwischen in München lebten? Wie hoch die Mieten seien? Wie viele Schüler in Bayern jedes Jahr an die Uni gingen? Stuart kommt, anders als die meisten EU-Skeptiker, weder von politisch ganz links noch rechts; sich selbst bezeichnet sie als Sozialdemokratin.