Thomas Ziegler kennt inzwischen die Situationen, in denen Weglaufen nicht mehr möglich ist. In der Situation, in der er einen Teil seines Oberarms verloren hat, stürzte sich ein Mann auf ihn. Er hatte gedroht, Suizid zu begehen. Ziegler war als einer der ersten am Einsatzort. Warum sich der Mann plötzlich in seiner Wohnung auf ihn schmiss, auf den Mann, der ihn rettete, bleibt Ziegler ein Rätsel.

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Später ist ihm das noch mal ganz ähnlich passiert: Ein Mann versperrte die Wohnungstür und drohte ihm schwere Gewalt an. Diese Situationen, ist sich Ziegler sicher, "sind nicht vorhersehbar", und schon gar nicht nütze es, von bestimmten Wohngebieten auf das Gefahrenpotenzial zu schließen. Die Gefahr lauere weniger am Bahnhof, "es sind nicht die Punker oder Sandler", die ausrasteten. "Es sind Leute quer durch alle Altersgruppen und Schichten", sagt Ziegler.

Und Düll sagt: "Die Punker haben einen Kodex." Verliere da wirklich einer die Kontrolle, komme ein anderer und beruhige ihn. Am Nürnberger Bahnhof ist Düll und Ziegler noch nie etwas passiert

Am Christkindlesmarkt dagegen schon: Ein Mann, man würde ihn als gutbürgerlich beschreiben, flippte in einem der Bratwurst-Restaurants in der Nähe des Weihnachtsmarktes aus. Er hatte wohl Liebeskummer, so gab er im Nachhinein an, stellte sich ohnmächtig und wollte - möglicherweise - Mitleid erregen. Als Ziegler ihn bat, vom Boden aufzustehen, drehte er durch. Erst neun Mann eines Unterstützungskommandos vom nahen Christkindlesmarkt gelang es, den Mann zu bändigen.

Bernhard Strobel überzeugt das alles nicht. Strobel ist stellvertretender Leiter des Rettungsdienstes beim Nürnberger Arbeiter-Samariter-Bund. Auch er fährt Einsätze, und auch er hat beobachtet, dass die Aggressionen gegen Helfer zunehmen. "Deshalb aber stichsichere Westen?", fragt Strobel.

Er hält das für den falschen Weg: "Das senkt die Schwelle der Gewalt noch", befürchtet er. "Möglicherweise glauben irgendwann alle, dass wir Helfer Schutzwesten tragen - und dann?" Er selbst setze vielmehr auf Deeskalations-Training. Und darauf, dass sich die Sanitäter nicht selbst überschätzen. "Wir sind keine Polizisten" sagt Strobel, "sollen wir denn irgendwann noch schusssichere Westen tragen?" Beim Roten Kreuz in Nürnberg sieht das derzeit die Hälfte der Rettungskräfte so wie Strobel - und verzichtet auf die Westen. "Es wird heiß diskutiert", sagt Düll.

Leonhard Stärk, Landesgeschäftsführer beim BRK, kennt die Debatte. Nürnberg, berichtet er, "ist Vorreiter in der Sache". Aus Ingolstadt und aus München kamen in letzter Zeit Anfragen von einzelnen Sanitätern, außer den Nürnbergern aber will momentan kein anderer Verband Stichschutzwesten anschaffen. Egal aber, was sich am Ende durchsetze, sagt Stärk. "Eines dürfte klar sein: Ohne Grund zieht man keine solche Weste an."

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  1. "Mensch, wir sind doch die Guten"
  2. Sanitäter mit Stichschutzweste
  3. Sie lesen jetzt Es sind nicht die Punker, die ausrasten
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(SZ vom 31.08.2011/tob)