Gesetzentwurf Jeder Schüler soll ein ehemaliges KZ besuchen

Bis zu 1000 Schüler besuchen an manchen Tagen das ehemalige Konzentrationslager Dachau. Das überschreite eigentlich die Kapazitäten, meinen die Verantwortlichen, es brauche mehr Personal.

(Foto: Niels P. Joergensen)
  • Der Landtag empfiehlt, dass jeder Schüler im Freistaat ein ehemaliges Konzentrationslager besucht.
  • Die SPD will das im Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen verankern.
  • Der Freistaat soll sich verpflichten, Jugendlichen an Berufs- und weiterbildenden Schulen den Besuch einer Gedenkstätte oder einem NS-Dokumentationszentrum kostenfrei zu ermöglichen.
Von Thomas Radlmaier

Als der Landtag 2015 fraktionsübergreifend beschlossen hatte, allen Schülern den Besuch in einem ehemaligen Konzentrationslager zu empfehlen, klapperte Martin Güll einen Erinnerungsort nach dem anderen ab. Der Dachauer SPD-Landtagsabgeordnete und Bildungspolitiker besuchte die NS-Dokumentationszentren in Nürnberg und München. Er prüfte den Personalstand und die Ausstattung in den Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg.

Güll wollte wissen: Können es diese Einrichtungen überhaupt leisten, jeden Schüler mit einem Besuch über die Nazi-Verbrechen aufzuklären, wie es der Landtag, aber auch der Zentralrat der Juden seit Jahren empfiehlt? Gülls Antwort lautet: nein. Er teile das Ansinnen, dass jeder Schüler einmal ein früheres KZ gesehen haben sollte, sagt er. "Ich bin aber dagegen, die Schüler einfach nur durchzuschleifen."

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Die Erinnerungsorte sind an der Belastungsgrenze. Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende besuchen immer mehr Menschen die Schauplätze der Nazi-Gräueltaten. Fast eine Million Besucher aus der ganzen Welt zählt etwa die Dachauer KZ-Gedenkstätte im Jahr. Etwa ein Drittel davon sind Schulklassen. An manchen Tagen laufen bis zu 1000 Schüler über das Gelände, auf dem die Nazis politische Häftlinge und Juden ermordeten.

40 Menschen arbeiten in der Gedenkstätte. Doch das Personal reiche hinten und vorne nicht, sagt Leiterin Gabriele Hammermann. Um zumindest die Würde des Ortes zu erhalten und den Lärmpegel zu senken, denke man darüber nach, Headsets an die Gruppen zu verteilen. "Es ist oft nicht möglich, die steigende Zahl von Anfragen zu bewältigen. Wir müssen vielen Gruppen absagen." Außerdem fehlten genügend Seminarräume, um mit Schülern über das Erlebte zu diskutieren.

Die SPD im Landtag hat nun die Initiative ergriffen. Sie will die bayerische Erinnerungspolitik auf ein neues Fundament stellen und die Empfehlung des Landtags im Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen verankern.

Der Bildungsausschuss beschäftigt sich an diesem Donnerstag mit dem Gesetzentwurf. Demnach soll sich der Freistaat verpflichten, Jugendlichen an Berufs- und weiterbildenden Schulen den Besuch einer Gedenkstätte oder einem NS-Dokumentationszentrum kostenfrei zu ermöglichen - bisher sind Exkursionen zu Gedenkstätten nur an Gymnasien und den Realschulen vorgesehen.

Dafür müsse der Freistaat allerdings mehr Geld, mehr Personal und eine bessere Infrastruktur an den Gedenkstätten bereitstellen, fordert die SPD - und rechnet mit einer Verdoppelung der Kosten auf bis zu zehn Millionen Euro jährlich für den Freistaat.

Im Kultusministerium sieht man die Sache anders. Eine gesetzliche Verankerung sei nicht erforderlich, heißt es. Die Gedenkstätten und NS-Dokumentationsorte böten sehr gute Angebote für den Besuch von Schülern und für eine entsprechende Vermittlungsarbeit. Eine Position, die selbst in der CSU umstritten ist. Der stellvertretende CSU-Fraktionsvorsitzende Karl Freller sagt zur Situation in Dachau: "Das ist nicht immer das, was ich mir unter einem pädagogisch wertvollen Besuch vorstelle."

Holocaust-Überlebende, die persönlich von ihren Erlebnissen berichten können, werden immer weniger

Freller ist auch Direktor der bayerischen Gedenkstättenstiftung. Er kümmert sich ehrenamtlich um die Gedenkstätten in Dachau und Flossenbürg. Die SPD dagegen meint: Nur ein hauptamtlicher Leiter kann die neuen Herausforderungen bewältigen, die auf die Gedenkstätten zukommen. Dementsprechend möchten die Sozialdemokraten das Gedenkstiftungsgesetz ändern.

"Die Stiftung soll eine zentrale Anlaufstelle für alle Erinnerungsorte werden", sagt Güll. Ein ehrenamtlicher Direktor könne das nicht leisten. Damit müsste Freller aber seinen Posten abgeben. Er selbst hält das freilich für eine schlechte Idee. "Ich wehre mich gegen eine zentrale Gedenkbehörde", sagt er. Besser wäre es, wenn sich viele Träger aus der Zivilgesellschaft bei den Gedenkstätten engagieren.

Einig sind sich Freller und Güll darin, dass mehr getan werden muss, um Schülern das Thema näherzubringen. Man dürfe sie nicht nur durch das KZ schleifen. Lehrer müssten sie in der Schule vorbereiten, in der Gedenkstätte bräuchten die Jugendlichen genügend Zeit und Personal.

Holocaust-Überlebende, die persönlich von ihren Erlebnissen berichten können, werden immer weniger. Gleichzeitig erstarkt der Antisemitismus ebenso wie rechtspopulistische Bewegungen. Güll sagt: "Wir müssen alles tun, damit Schüler nicht auf solche Sprüche hereinfallen."

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