Geschäft mit dem Bayernticket Professionell Schwarzfahren

Bayerntickets dürfen nicht gewerblich genutzt werden, viele gehen aber trotzdem Geschäfte mit Schleppern ein, um Geld zu sparen.

Quer durch Bayern, den ganzen Tag: Schlepper wie Arif Khan verdienen ihr Geld damit, Reisende mit ihrem Bayernticket mitzunehmen und abzukassieren. Ein einträgliches Geschäft, das der Bahn hohe Verluste beschert - aber nicht ohne Risiko ist.

Von Andreas Glas

Als der Zug in Wörth hält, packt Arif Khan seinen Rucksack und haut ab. Er drängt sich vorbei an den Leuten, an Koffern, hetzt hinaus auf den Bahnsteig und läuft davon. Eine Station weiter, in Landshut, haben drei Polizisten umsonst gewartet. Weil Herr Richter, der Schaffner, kurz nicht aufgepasst hat. Das stinkt ihm jetzt: "Nächstes Mal ist der Kerl dran."

Fünf Stunden vorher am Münchner Hauptbahnhof. Es ist kurz vor zwölf, an Gleis 25 wartet Khan, der eigentlich anders heißt. Er ist geschäftlich unterwegs, aber kein Business-Mann mit Aktentasche. Er trägt bequeme Schuhe, Rucksack, einen dunklen Pullover, hat viel Gel im kurzen Haar. Hart sei der Job nicht, aber stinklangweilig, sagt Khan. Was er nicht sagt: Dass er ein Betrüger ist.

Khans Schicht beginnt um neun Uhr früh in Nürnberg. Am Bahnhof kauft er ein Bayern-Ticket, mit dem er einen Tag lang kreuz und quer durch den Freistaat fahren kann. Vier Personen darf er mitnehmen - und die sind schnell gefunden. Geteilt durch fünf kostet der Fahrschein für jeden 7,60 Euro; das sind fast 15 Euro weniger als ein Einzelticket kosten würde. Auf der ersten Fahrt zahlt Khan drauf, in München angekommen greift dann sein Geschäftsprinzip: Von jetzt an bringt ihm jeder Ticket-Mitfahrer 7,60 Euro Gewinn. An Gleis 25 hält er Ausschau nach neuen Kunden. Nächstes Ziel: Passau.

Bis vor zwei Wochen, sagt Khan, habe er auf einer Gemüsefarm gearbeitet: ernten und putzen. "Da hast du zu tun, da geht die Zeit schnell rum. Das ist gut." Aber das Zugfahren bringe mehr Geld, sagt der 22-Jährige. Er rechnet vor: sieben Tage die Woche, vier Fahrten pro Tag - macht am Monatsende etwa 1500 Euro. Steuerfrei.

Khan ist frisch im Geschäft, ein Einzelkämpfer. Die Mehrheit der Ticket-Schlepper ist dagegen organisiert. Sie teilen Bahnsteige in Reviere auf, schieben sich Kunden zu, tauschen Tickets. Nebenan, auf Gleis 26, buhlen zwei Männer um Kundschaft. Einer fährt nach Regensburg, der andere bis Nürnberg. Wer sich dem Gleis nähert, wird angequatscht. Keine Viertelstunde später sind die zwei Reisegruppen komplett. "Easy", findet Arif Khan.

Wie hoch der Schaden für die Deutsche Bahn ist, weiß keiner so genau. Die Schattenwirtschaft kennt keine Statistiken. Doch angenommen, es gäbe nur einen einzigen Ticket-Schlepper in jeder bayerischen Großstadt: Es würden der Bahn mehr als 100 000 Euro im Jahr durch die Lappen gehen. Der wahre Schaden dürfte sehr viel höher sein. Allein am Münchner Hauptbahnhof tummelt sich locker ein Dutzend Schlepper, vielleicht sogar zwei. "Wir wissen es nicht genau, wir haben keine Zahlen", sagt ein Bahnsprecher. Was er sicher sagen kann: "Es ist eindeutig Betrug."

Es ist schwer, den Betrug nachzuweisen

Regionalbahn München-Passau, kurz nach halb eins. Khan ist mit vier neuen Mitfahrern unterwegs. Den Arm hat er angewinkelt und ans Zugfenster gelehnt, in den Ohren die Stöpsel seines MP3-Players, seine Beine wippen. Musik hören, sagt er, helfe gegen die Langeweile. Kurz vor Freising kommt der Schaffner ins Abteil, auf seinem Namensschild steht: Richter. Wortlos streckt Khan ihm das Ticket hin. Herr Richter zieht die Augenbrauen hoch und schimpft: "Ich kenn dich schon, mein Freund. Pass auf!" Eine Drohung, mehr kann Richter nicht tun. Es ist verboten, das Bayern-Ticket gewerblich zu nutzen, aber der Schaffner kann nicht beweisen, dass Khan vorher mit einer anderen Gruppe unterwegs war und dafür Geld genommen hat. Khan sagt kein Wort. Auch die Mitfahrer verraten ihn nicht - sie würden sich selbst strafbar machen.