Gedenkort in Hebertshausen Ein Schauplatz des Grauens

Die Namen von 900 der 4000 kriegsgefangenen Sowjetsoldaten, die 1941 und 1942 in Dachau erschossen wurden, sind jetzt bekannt.

(Foto: Niels P. Joergensen)

4000 sowjetische Kriegsgefangene wurden 1941/42 auf dem SS-Schießplatz Hebertshausen bei Dachau hingerichtet. Aber in der Stadt und Bayern wollte jahrzehntelang niemand an das Verbrechen erinnern. Am Freitag eröffnet nun ein neu gestalteter Gedenkort.

Von Helmut Zeller, Dachau

Seit ein paar Tagen schon schläft Benjamin Temkin schlecht. "Ich bin zu aufgeregt", sagt der 61-jährige Israeli am Telefon. Im November 1941 entkam sein Vater Moisej wie durch ein Wunder dem Massaker an kriegsgefangenen Sowjetsoldaten am "SS-Schießplatz Hebertshausen". Wie viele andere Juden wanderte er mit seiner Familie Anfang der Neunziger Jahre nach Israel aus und lebte bei Netanja, eine halbe Autostunde von Tel Aviv entfernt. "Seine Freude wäre grenzenlos gewesen, hätte er diesen Tag erleben dürfen", sagt Benjamin Temkin. Anstelle seines Vaters, der 2007 starb, fährt er jetzt nach Dachau. Am Freitag eröffnet die KZ-Gedenkstätte den neu gestalteten Gedenkort an diesem Schauplatz des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion. 4000 Rotarmisten wurden 1941 und 1942 von der Lager-SS erschossen.

Lew Kamionko, 37, hat nicht überlebt. Seine Enkelin Tatjana Stachanowa lobt heute Deutschland. "Ihr Land tut so viel für die Erinnerung", sagt sie. Ihre Familie wusste lange nichts über das Schicksal von Lew Kamionko. Bis sein Sohn, ein Militärhistoriker, Anfang der achtziger Jahre bei Recherchen für ein Buch über sowjetische Kriegsgefangene auf den Namen seines Vaters stieß. Aber in Dachau und Bayern wollte jahrzehntelang niemand an das Verbrechen erinnern. Doch nun bekommen die Opfer ein Gesicht: 900 Namen haben Historiker im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Dachau in internationalen Archiven gefunden. Auf Presseaufrufe in den Länden der ehemaligen Sowjetunion meldeten sich viele Angehörige. Tatjana Stachanowa und 24 weitere wurden zur Gedenkfeier eingeladen. Die bekannten Namen der Opfer sind in Marmorplatten eingraviert - viel Platz wurde für die anderen 3100 Rotarmisten freigelassen. Man wird ihre Namen noch finden.

Der Bund teilt sich mit Bayern die 800 000 Euro Kosten für die Gestaltung

Am 22. Juni 1941 überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion. Dem sogenannten Kommissarbefehl entsprechend wurden unter den Kriegsgefangenen Juden, Parteifunktionäre und Politkommissare ausgesondert und ermordet. Die ersten Dachauer Opfer tötete die Lager-SS im August/September 1941 im Bunkerhof des Konzentrationslagers. Der Großteil der Gefangenen wurde dann, vom 4. September an, auf dem zweieinhalb Kilometer entfernten Schießübungsplatz der SS hingerichtet.

Auch in Mauthausen, Flossenbürg, Sachsenhausen, Buchenwald oder Auschwitz wurden Rotarmisten exekutiert, mit Giftspritzen oder Gas getötet. Die Wehrmacht stellte Begleitkommandos für den Transport in die Lager und lieferte die Gefangenen an die SS aus. Nur selten protestierte ein Offizier wie der Major Karl Meinel in München, der die Auslieferung von Kriegsgefangenen verweigerte. In Dachau dauerten die Massenerschießungen bis Juni 1942 an. Drei der insgesamt 5,7 Millionen kriegsgefangenen Soldaten der Roten Armee starben einen qualvollen Hungertod in deutschen Gefangenenlagern oder wurden erschossen. 27 Millionen Sowjetbürger wurden in dreieinhalb Kriegsjahren getötet. Diese Zahlen lassen die wahre Dimension der deutschen Verbrechen in der früheren Sowjetunion erahnen.