Bürgerentscheid bringt Klarheit Garmisch sagt Ja zu Olympia

Die Abstimmung in Garmisch-Partenkirchen ist lange Zeit eine Zitterpartie für die Olympiabefürworter - erst zweieinhalb Stunden nach Schließung der Wahllokale können sie jubeln. Die Mehrheit der Bürger will die Winterspiele 2018.

Von Heiner Effern und Katja Riedel

Peter Fischer lässt seine Erleichterung und Freude über den Sieg erst heraus, als auch der letzte der 14 Stimmbezirke ausgezählt ist. "58 Prozent ist kein knappes Ergebnis, sondern ein knapper Sieg."

Sein Kontrahent Axel Doering spricht schon vorher, er weiß aber nicht so recht, wie er mit dem Ergebnis umgehen soll. Nur eines steht fest: Einen Freifahrtschein bekommen die Olympiabefürworter von ihm auch an diesem Abend nicht. Er behält sich vor, die Verträge mit dem IOC trotzdem überprüfen zu lassen, weil er sie für sittenwidrig hält. "Die Bewerbung braucht weiterhin kritische Beobachter", sagt er. Stoppen könne man die Bewerbung nun nicht mehr. Stoppen könne man nur noch den Zuschlag.

Nach zwei Jahren Streit um die Winterspiele 2018 konzentrierten sich am frühen Abend alle Augen im Rathausfoyer von Garmisch-Partenkirchen auf zwei Fernseher und vier Balken. Sie sollen Klarheit bringen, ob die Mehrheit der Einheimischen für oder gegen die Spiele sind, um die sich München und Garmisch-Partenkirchen bewerben.

Viel langsamer als gedacht erscheinen die Ergebnisse aus den Wahlbezirken. Fischer findet es schlicht nervenaufreibend. Nach dem ersten liegen die Olympiabefürworter nur hauchdünn vorn. Dann zeigen die Balken, aber auch die Gesichter derjenigen, die hinter den beiden konkurrierenden Bürgerbegehren stehen, einen Trend: keine überwältigende, aber doch eine eindeutige Mehrheit für Olympia 2018 in Garmisch-Partenkirchen.

Am Ende sprechen sich 58,07 Prozent für die Olympia-Bewerbung aus. Die Wahlbeteiligung liegt mit fast 60 Prozent beachtlich hoch.

Verhältnisse, die man wohl gemeinhin einen Achtungserfolg nennt, für beide Seiten. Ist das jetzt ein Sieg oder ein klarer Sieg?, fragt jemand. Nur ein Sieg, sagt ein Anderer. Ob das Internationale Olympische Komitee das auch so sehen wird, ist fraglich. Das IOC liebt Erdrutschmehrheiten, 80, ja 90 Prozent Begeisterung.

Nur 60 zu 40 hatte auch das IOC bei einer eigenen Umfrage in Garmisch-Partenkirchen gemessen, im Dezember. Und ein solches Ergebnis hatte auch mancher Olympiakritiker zuvor gemutmaßt. Im vergangenen Jahr, als die Planungen der Bewerbungsgesellschaft viel pompöser waren, das Verhandlungsgeschick deutlich zu wünschen ließ und die Gegner sich zusammenschlossen, da schwankte die Mehrheit deutlicher. Inzwischen wurde sensibler umgeplant und die Kommunikation verbessert.

Garmisch-Partenkirchen und seine Bewohner hat das Thema Olympia mehr als ein Jahr lang auf Trab gehalten, und auch am Tag des Bürgerentscheids haben sich trotz des schönen Muttertagswetters viel mehr Wahlberechtigte auf den Weg zu den 14 Wahllokalen aufgemacht als vorher gedacht. Rentner auf Krücken, Familien mit Kleinkindern, verschwitzte Mountainbiker nach der Tour: Sie alle drückten sich die Klinke in die Hand. Einer von ihnen ist Stefan Mundstock. Er musste nicht lange überlegen, was er ankreuzt.

Seine Stimme geht an die Olympiabefürworter. "Na freilich sollen sie es machen, ist doch eh schon alles da. Und wenn nichts passiert, dann jammern sie wieder alle." Fünf Minuten später verlässt Dagmar Gierlotka das Rathaus, auch sie hat eine klare Meinung. "Ich bin Gegnerin wie die meisten in meinem Bekanntenkreis. In der Arbeit ist es aber wieder ganz anders"' Für Renate Schwager kommt der Bürgerentscheid vor allem um Jahre zu spät. "Man hätte uns schon viel früher abstimmen lassen sollen, die Gemeinde muss doch vorher die Bürger fragen, bevor so viel Geld in die Bewerbung gesteckt wird."

Angespannte Gesichter

Die beiden Initiatoren der Begehren, Peter Fischer von der Pro-, Axel Doering von der Contraseite, gaben ihre Stimme begleitet von sechs Fernsehkameras ab. Und auch im stickigen Foyer des Rathauses verfolgten die Kameras jede Zuckung, jedes Wort - und den Handschlag der Kontrahenten um kurz nach 18 Uhr. Beide waren nicht allein gekommen, die Familien, die über die vergangenen Monate zu Wahlhelfern geworden waren, wollten gemeinsam und ebenso gespannt die Wahlergebnisse erwarten. Und auch die Mitkämpfer scharten sich im Pulk um die beiden Fernseher, vor denen sich Doering und Fischer aufbauten: Der Naturschützer und Olympiagegner Doering, gemeinsam mit dem Landtagsabgeordneten und NOlympia-Sprecher Ludwig Hartmann (Grüne), links. Die Sportlerfraktion um Fischer rechts.

Die Gesichter der beiden Frontmänner bleiben lange angespannt. Vor allem das Ergebnis des ersten Wahlbezirks lässt beiden sichtbar den Atem stocken: Nur hauchdünn lagen die Befürworter da vorne. Aber auch das Endergebnis lässt die Miene des Sportmannes Fischer nicht ganz erstrahlen. Weiß er, der Chef der Ski-WM, die gerade erst in Garmisch-Partenkirchen über die Bühne gegangen ist, doch zu gut: Ein Ergebnis unter 60 Prozent ist ein Sieg, aber kein Gewinn für die Entscheidung des IOC am 6. Juli in Durban.

Denn das IOC gibt die Spiele nur an Austragungsorte, in denen sie eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung freundlich empfangen. Doch diese unübersichtlichen rechtlichen Folgen werden von der direkten Wirkung auf die Entscheidung des IOC am 6. Juli in Durban überlagert. Dort bekommt aller Erfahrung nach nur den Zuschlag, wer Rechtssicherheit und eine ordentliche Zustimmung der Bevölkerung bieten kann.

Manchen Einheimisch ist das egal. "Heute ist ja der Bürgerentscheid", sagte eine Frau in einem Partenkirchener Pizza-Service. "Ist mir scheißegal", sagt eine zweite. Darauf die erste: "Mir auch."