Garmisch gegen Olympia "Alles Lug und Trug, was die da machen"

Münchens Olympia-Organisatoren unter Druck: Nach den Querelen mit Oberammergau, muss jetzt wenigstens in Garmisch alles klappen. Doch die örtlichen Bauern zeigen sich störrisch.

Von K. Riedel u. C. Sebald

Wer für sein Auto ein Wunschkennzeichen wählt, der sendet ein Signal in die Welt. In diesem ganz besonderen Fall wirkt das Kennzeichen wie ein Symbol der Hoffnung: OS 2018 - Olympische Spiele 2018. Aus München ist der dunkelblaue Audi mit diesem Nummernschild an diesem Dienstagabend nach Garmisch-Partenkirchen gerollt. An Bord nicht nur wichtige Botschafter der Münchner Olympiabewerbung für die Spiele 2018, sondern eine Mission: Die Herren sollen, ja, sie dürfen nicht mit leeren Händen zurückkehren.

Soll die Münchner Olympiabewerbung nach den Querelen in Oberammergau und der Verlegung der Langlaufwettbewerbe nach Ohlstadt noch eine Chance haben, müssen die Unterhändler aus Garmisch unterschriebene Verträge mitbringen, ganz schnell. Unterschriften, die die Vision Olympia retten sollen.

Doch die Verhandlungen ziehen sich: Keiner der vorgeladenen Grundstückseigentümer hat bisher unterschrieben. Und mehr als 20 müssen ihre Einwilligung geben, damit auf ihren Grundstücken Sportstätten, Unterkünfte und Parkplätze entstehen können. Am Dienstagabend haben die Verhandlungen begonnen, bis Freitag sollen sie gehen. Die geballte Kraft von Bauernverband, Bewerbungsgesellschaft und Garmischs Bürgermeister Thomas Schmid (Christlich-Soziales Bündnis) soll die Landwirte zur Unterschrift in Zimmer 62 im zweiten Stock des imposanten Rathauses bewegen. Wieder wird lang Licht brennen im Rathaus.

Wie groß die Anspannung ist, unter der die Olympiaplaner, nicht zuletzt der planungsfreudige Bürgermeister, stehen, ist kaum zu verhehlen. Nur ein elitärer Kreis ist zum Infoabend geladen, die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen. Es gehe schließlich um Privatgrundstücke, um Geld, da dürfe kein fremdes Ohr zuhören, sagt der Bürgermeister. Wer fragt, den verbannt er vor die Tür.

Für Schmid sind die Verhandlungen eine Frage des Geldes. Wer mit den Grundeigentümern spricht, gewinnt einen anderen Eindruck. In Garmisch-Partenkirchen hat sich eine breite Opposition aufgestellt. Besitzer zentraler Grundstücke wollen ihr Land nicht hergeben. Nicht für Olympia - und erst recht nicht für Schmid. Der Bürgermeister beziehe die Bürger zu wenig in seine Entscheidungen ein, sagen Kritiker. Das habe viele verärgert.

Ihrem Bürgermeister verübeln die Grundbesitzer, dass er zwar betone, wie wichtig die Spiele für den gesamten Ort wären, dass er sich aber bei denen, die ihren Grund dafür hergeben sollen, nicht hat blicken lassen. "Da muss einfach der Rathauschef schon weit vor jeder Grundstücksverhandlung bei den Besitzern vorsprechen und jedem erklären, was man auf den Flächen plant und warum es ausgerechnet an diesem Ort sein muss, sich die Kritik anhören und darauf eingehen", sagt einer. Wenn überhaupt, habe er Stellvertreter oder Verwaltungsleute mit den Menschen sprechen lassen. "Wirklich geredet hat noch keiner mit uns", empört sich eine andere Grundbesitzerin. "Das einzige, was mit der Einladung zu uns kam, war die Aufforderung, den Vertrag unterschrieben zu der Veranstaltung mitzubringen."

"Das Oberland wird langsam rebellisch"

Hinzu kommt das grundsätzliche Misstrauen der Garmischer gegen die Obrigkeit. "Wir haben schon einmal ein Grundstück an den Staat abgetreten, für den Hochwasserschutz, und sollten es nach ein paar Jahren im Originalzustand wieder bekommen", sagt eine Frau. "Aber weit gefehlt. Jahrelang sei das Gras nicht richtig gewachsen, der Traktor eingesunken. So lange man ihre Namen nicht nennt, erzählen viele solche Geschichten. Sich mit Namen vor der Ortsgemeinschaft zu offenbaren, trauen sich nur wenige.

Ignaz Streitl ist einer, der eng mit den Landwirten verbunden ist. 30 Jahre lang saß er für die CSU im Gemeinderat, 24 im Kreistag, 22 an der Spitze der Weidegenossenschaft. "Das ist alles Lug und Trug, was die da machen", sagt Streitl. "Das Oberland wird langsam rebellisch." Die Landwirte spürten ein tiefes Misstrauen - gegenüber Schmid, aber auch gegenüber der Staatsregierung und Ministerpräsident Horst Seehofer. Der hatte im Mai in Garmisch-Partenkirchen Garantien für die Grundstücke verkündet. Diesen, sagt Streitl und sagt auch ein älterer Herr vor dem Rathaus, könne man nicht trauen. "Dieser Vertrag ist butterweich, den kann ich nicht unterschreiben", sagt der Mann, dem ein besonders begehrtes Grundstück gehört.

Die Zeit wird eng für die Bewerbungsgesellschaft - vielleicht zu eng. Dem Vernehmen nach müssen die Grundbesitzer bis 1. August ihre Flächen abtreten. Nur dann, sagen sie im Ort, könne das weitere Bewerbungsverfahren ohne Probleme vorangehen.