Kampf gegen rechts Im Fadenkreuz der Neonazis

Sie fanden Hetzblätter und Schmierereien mit Springerstiefeln auf den Fassaden: Viele Jahre zahlte eine Familie aus Fürth einen hohen Preis für ihren Kampf gegen rechts. Dann kehrte Ruhe ein - bis jetzt. Nach einem Brandanschlag auf ein Auto und Attacken mit Feuerwerkskörpern auf einen Rollstuhlfahrer in Weißenburg geht die Angst wieder um.

Von Olaf Przybilla

Johann und Ruth Brenner wissen, wie hoch der Preis für Zivilcourage sein kann. Die Familie aus Fürth, die sich gegen den Rechtsextremismus in Franken engagiert, hat die Flugblätter aufgehoben, mit der die rechtsextreme Szene vor ein paar Jahren gegen sie gehetzt hat. In ihrer Nachbarschaft hingen damals diese Zettel an fast jedem Laternenmast, so schnell konnten sie die Hetzblätter gar nicht entfernen, wie schon wieder Neue an den Masten hingen: "Werdet aktiv gegen Linksextremisten in Fürth", stand da in dicken Buchstaben, und darüber reihten sich Bilder in Schwarz-Weiß aneinander, die ungefähr so aussahen wie Fahndungsfotos. Diese Bilder zeigten die Kinder der Brenners.

Vor drei Jahren kam es noch schlimmer. Da fanden die Brenners eines Morgens Schmierereien an der Fassade ihres Hauses: Springerstiefel, die auf einen Menschen eintreten. Und sie entdeckten weißen Lack auf ihrem dunklen Auto, eine eingeschlagene Scheibe und zerstochene Reifen.

Zuvor hatten die Brenners einen Eintrag auf einer sogenannten Anti-Antifa-Seite gefunden - eine jener Seiten also, auf der Rechtsextremisten diejenigen an den Pranger stellten, die nicht mit Neonazis in ihrer Nachbarschaft leben wollen. Von einer "Rabenmutter" war auf der Seite zu lesen und von einem "linksextremistischen Erzeuger", die ihre Kinder zu "radikalen Kriminellen" erzogen hätten. Zu lesen war auch etwas von einem "nächtlichen Hausbesuch", den die Familie gewiss verdient hätte. Schmierereien an der Haustür, "Fahndungsplakate" vor der Wohnung, bis vor einem Jahr mussten Bürger in Fürth damit leben.

Auf dem Höhepunkt der Übergriffe trat ein Fürther Neonazi einen deutsch-kurdischen Jugendlichen ins Koma, weil dieser sich in der U-Bahn über ein bei Neonazis beliebtes Kleidungsstück mokiert hatte. Danach wurde es etwas ruhiger, und viele in Fürth führten das darauf zurück, dass ein örtlicher Extremist - einer der führenden Köpfe der Ultrarechten in Bayern - vom "Freien Netz Süd" im Gefängnis saß, unter anderem wegen Verhöhnung von KZ-Häftlingen. Kürzlich wurde er aus der Haft entlassen.

Und jetzt fürchten nicht nur die Brenners, dass die braune Szene in Fürth sehr schnell wieder erstarken könnte. Seit der Nacht zum Sonntag ist diese Angst sehr konkret. Da wurde das Auto einer Familie aus der Fürther Innenstadt in Brand gesetzt, in der Nähe des Tatorts fand die Polizei Brandbeschleuniger. Der 22 Jahre alte Sohn der Familie engagiert sich gegen Rechtsextremismus, Fotos von ihm und seiner Adresse hatten Neonazis in der Vergangenheit im Internet publik gemacht - ebenso wie das Bild der Brenners und private Details von mehr als 200 anderen Bürgern aus Mittelfranken.

Kürzlich, als Neonazis wieder mal im fränkischen Wunsiedel aufmarschierten, soll der 22-Jährige - der dort gegen den Marsch demonstrierte - von Neonazis beschimpft worden sein. Ein Zufall? Man ermittele in alle Richtungen, sagt ein Polizeisprecher. Dass eine Ermittlungskommission ins Leben gerufen wurde, spricht aber nicht dafür, dass die Ermittler von einem zufällig in Brand gesetzten Wagen in Fürth ausgehen.

Der braune Mob macht sich breit

Fürth ist eine Großstadt, sagt Bernhard Endres. Und Ostdeutschland sei "ohnehin weit weg". Wenn die Übergriffe von Neonazis dann aber plötzlich vor der eigenen Haustüre passieren, in der südmittelfränkischen Provinz, dann "ist man einfach nur noch entsetzt".

Der Schock sitzt tief bei Endres - und er ist sehr frisch: Am Montagabend war Endres bei einer Mahnwache in Weißenburg, es ging um die rechtsextremistischen Umtriebe in der Kreisstadt. 17.000 Einwohner hat Weißenburg, die Region ist touristisch geprägt und gilt als nicht strukturschwach. Und trotzdem macht sich dort nun der braune Mob breit: Da hängt ein Plakat "Die Demokraten bringen uns den Volkstod" quer über die Bundesstraße. Man feiert auf Handzetteln den Hitler-Stellvertreter Heß, schmiert Parolen gegen Sophie Scholl an die Wände, verunstaltet den Bahnhof mit dem Spruch "Damals wie heute - Hitlerleute". Und sprüht auf die Rollos des Jugendzentrum: "Wir kriegen euch alle!" Deswegen war Endres, Gemeinderat im nahen Pleinfeld, am Montag bei der Mahnwache in Weißenburg, um dort Gesicht zu zeigen gegen den Mob.

Als sich der Demonstrationszug vom Jugendzentrum in Richtung Zentrum in Bewegung setzte, blieb er zurück, Endres ist Rollstuhlfahrer. "Und plötzlich stürmen da mindestens 15 vermummte Neonazis um die Ecke", sagt er. Sie reißen die Plakate vom Jugendzentrum und verbrennen sie. Und sie schießen mit Feuerwerkskörpern, einer der Böller schlägt direkt neben Endres auf. Ein Teilnehmer der Mahnwache, der neben ihm steht, wird leicht verletzt. Wie erstarrt sei er gewesen, sagt Endres. "Das ist doch Weißenburg", habe er sich gedacht.

Endres hat Anzeige erstattet. Die Polizei ermittelt. Wie das ist, wenn man im Fadenkreuz von Neonazis steht, weiß Michael Helmbrecht. Der ehemalige Sprecher der Initiative in Gräfenberg - wo vor drei Jahren einmal im Monat Rechtsextremisten marschierten - hatte 2008 plötzlich Zettel in der Hand, auf denen ein Porträtfoto von ihm abgebildet war. Als "Vaterlandsverneiner" wurde er dort bezeichnet, verbunden mit der Aufforderung: "Werden Sie aktiv". Später richteten Neonazis eine Veranstaltung direkt vor seiner Haustür aus, einen Steinwurf entfernt von seinem Garten. Helmbrecht hat sich davon nicht abhalten lassen. Seit Oktober 2009 kommen keine Nazis mehr nach Gräfenberg.