Freiwillige Feuerwehr Ausgerechnet im Katastrophenfall müssen Ehrenamtliche ran

Bei einem Busunglück bei Münchberg in Oberfranken sind im vergangenen Juli 18 Menschen ums Leben gekommen. Mit der Bergung betraut waren vor allem ehrenamtliche Einsatzkräfte.

(Foto: DPA)

Ein Busunfall mit vielen Toten? Ein Zugunglück oder ein verheerender Brand? Die Freiwillige Feuerwehr ist zur Stelle, nur: Wie lange halten die Ehrenamtlichen das noch durch?

Von Olaf Przybilla

Für fast alles gibt es hoch bezahlte Spezialisten. Mit einer Ausnahme: Ausgerechnet im Katastrophenfall tragen in der Regel Ehrenamtliche die Hauptverantwortung für den Einsatz. Einer davon ist der Coburger Stadtbrandrat Ingolf Stökl, 39. Er ist der Überzeugung, dass die Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr ohne tief greifende Reformen kaum noch zu bewältigen ist.

Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung schildert der ehrenamtliche Kommandant von Coburg-Stadtmitte die "mehr als interessante Konstellation", in der sich ehrenamtliche Führungskräfte der Feuerwehr befinden, sobald sie die Vorstufe des Katastrophenfalls ausrufen. "In diesen Fällen unterstehen mir als Einsatzleiter sämtliche Blaulichtkräfte mit Ausnahme der Polizei", sagt Stökl. Sobald diese Vorstufe überschritten sei, erteile er als Einsatzleiter notfalls nicht nur dem Technischem Hilfswerk und dem Rettungsdienst Befehle, sondern auch der Polizei: "Wenn die sagt, sie möchte linksrum laufen, ich aber zur Überzeugung komme, sie muss rechtsrum, dann läuft sie rechtsrum", sagt Stökl.

Historisch habe sich das so eingespielt. Inzwischen aber könne man "natürlich auf die Idee kommen: Warum macht das eigentlich nicht einer, der das studiert hat?" Die Freiwillige Feuerwehr komme klar an ihre Grenzen, zumal auch in Bayern "immer mehr Feuerwehren nicht bestehen können, weil sie schlicht keine Leute mehr haben". Der Freistaat Bayern kommt bislang mit weniger hauptamtlichen Feuerwehrlern aus als andere Bundesländer. Auch das werde aber auf Dauer nicht zu halten sein, fürchtet der Stadtbrandrat.

Zugezogene gehen weder zum Dorffest, noch zur Feuerwehr. Und die Feuerwehrler auf dem Land sähen sich immer häufiger gezwungen, sich zwischen Job und Ehrenamt zu entscheiden. Zumal die Zahl der Fehlalarmierungen durch Rauchmelder steige und Arbeitgeber darauf zunehmend ungehalten reagierten: "Warum musste der Angestellte zum Einsatz raus? Wegen eines Wasserkochers!" Auf der anderen Seite steige die Komplexität der Aufgaben permanent.

An Coburg etwa führt die neue ICE-Strecke München-Berlin entlang, gespickt mit Tunnels und Brücken. "Diese Strecke ist aus Sicht eines Feuerwehrmanns quasi eine durchgehend heikle Stelle", sagt Stökl. Die ehrenamtlichen Feuerwehrler mussten sich vor der Eröffnung der Strecke in der Schweiz fortbilden lassen.

Laut Bayerischem Feuerwehrgesetz haben die Kommunen für den Schutz vor Bränden zu sorgen, als Pflichtaufgabe. Nicht im Gesetz steht, wie sie das machen, ob per Freiwilliger oder Berufs-Feuerwehr. Nahezu alle Städte in Bayern mit mehr als 100 000 Einwohnern haben sich für eine Berufsfeuerwehr entschieden, von den acht bayerischen Großstädten greift lediglich Erlangen noch auf eine vorwiegend ehrenamtliche Feuerwehr zurück. Ingolf Stökl ist seit 2012 Stadtbrandrat in Coburg. Nach einer Amtsperiode über sechs Jahre überlegt er sich nun, ob er für eine zweite Amtszeit kandidiert.

"Wir kommen jetzt ganz klar an unsere Grenzen"

Immer kompliziertere Einsätze, immense Verantwortung der Führungskräfte, immer weniger Personal: Der Coburger Stadtbrandrat Ingolf Stökl ist überzeugt, dass die Arbeit der Einsatzkräfte umfassend reformiert werden muss Interview von Olaf Przybilla mehr...