Flüchtlingsunterkünfte in Bayern Vor dem Kollaps

Die Asylpolitik ist eine der größten Baustellen in Bayern: Zu Beginn der 1990er Jahre nahm der Freistaat noch bis zu 60.000 Asylbewerber pro Jahr auf - jetzt bereiten ihm schon 18.000 Flüchtlinge kaum lösbare Probleme. Ein Überblick.

Von Heiner Effern und Charlotte Theile

18.000 Menschen werden im Jahr 2013 in Bayern Asyl beantragen. Allein von Oktober bis Dezember werden 2000 Flüchtlinge pro Monat erwartet. Und obwohl Bayern Anfang der 1990er Jahre bis zu 60.000 Asylbewerber im Jahr aufgenommen hat, sind die zuständigen Stellen bereits überlastet. Viele Unterkünfte, die früher einmal zur Verfügung standen, wurden abgebaut. Das hatte der Bayerische Rechnungshof nachdrücklich verlangt. Jetzt fehlt es an Schlafplätzen, an Betreuung, an Personal. Die meisten Landkreise wissen nicht, wo sie das nächste Bett für den nächsten Flüchtling hinstellen sollen. Und nicht überall sind die Asylbewerber willkommen. Das Aufnahme-System steht vor dem Kollaps. Ein Überblick.

Ankunft

Flüchtlinge kommen in Bayern zuerst in eine der beiden "Erstaufnahmeeinrichtungen" in München und Zirndorf (Mittelfranken). Hier werden die Asylbewerber registriert und über ihre Fluchtgründe befragt, maximal drei Monate sollen sie dort bleiben. Viele müssen deutlich länger ausharren. Beide Unterkünfte sind seit Monaten hoffnungslos überfüllt. In München müssen Flüchtlinge in einer ehemaligen Fahrzeughalle der Bundeswehr übernachten. Der oberbayerische Regierungspräsident Christoph Hillenbrand sieht das System mit nur zwei Aufnahmestellen am Ende: Das Lager in München "platzt inzwischen aus allen Nähten, das Personal zur Verwaltung, zur Betreuung und Gesundheitsuntersuchung kann dem inzwischen nur noch mit äußerster Anstrengung einigermaßen gerecht werden", erklärt er.

Verteilung

Wenn die Flüchtlinge in München oder Zirndorf ihre Asyl-Anträge gestellt haben, werden sie auf die sieben bayerischen Regierungsbezirke verteilt. Die reichen sie wiederum an die Landkreise durch. Wie viele Flüchtlinge ein Landkreis aufnehmen muss, hängt allein von der Bevölkerungszahl ab. Besonders in Oberbayern, wo Wohnungen knapp und teuer sind, gibt es Protest gegen dieses System. Die oftmals sehr dicht besiedelten Landkreise fordern, dass sich die Verteilung stattdessen an leer stehenden Immobilien orientieren sollte. Nicht ohne Grund gibt es gerade im Süden Bayerns besonders prekäre Wohnstätten: Die Tennishalle in Markt Indersdorf, die Turnhalle im Kreis Miesbach und ein entlegenes früheres Jugendgästehaus in 1000 Metern Höhe in Weilheim-Schongau sind nur drei Beispiele.

Abgeschnitten von der Welt

Elf Flüchtlinge aus Syrien landen in einem ehemaligen Jugendhaus auf dem 1000 Meter hohen Auerberg in Oberbayern. Der nächste Ort ist vier Kilometer entfernt, es gibt keinen Laden, kein Fernsehen, kein Internet - dafür einen Nachbarn, vor dem sie Angst haben. Von Heiner Effern mehr ...

Schlafen, Essen, Deutsch lernen

Seit Oktober zahlt Bayern als erstes Bundesland Sprachkurse für Asylbewerber. Bisher hatten nur Flüchtlinge, die dauerhaft in Deutschland bleiben durften, ein Recht darauf. Darüber hinaus ist Bayern aber "das Bundesland mit der härtesten Regelung, was Unterbringung und Leistungen angeht", sagt Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Nirgendwo sonst werde so sehr auf Massenunterbringung gesetzt. Die Aufenthaltspflicht für Flüchtlinge in ihrem Regierungsbezirk gehöre auch dazu.

In den Unterkünften erhalten die Flüchtlinge Essenspakete, Geld oder Gutscheine sind nicht erwünscht. Bei der dezentralen Unterbringung sieht es teilweise anders aus. Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, wo Flüchtlinge in Wohnungen leben, oder das Modellprojekt "Grand Hotel" in Augsburg gelten als vorbildlich. Aber auch hier gibt es Probleme, etwa bei der medizinischen Versorgung. Behandelt werden nur akute, schmerzhafte Erkrankungen - die Entscheidung liegt bei den Sozialämtern, die sie bezahlen. Flüchtlingsvertreter Thal hält das für skandalös: Die Sachbearbeiter im Amt seien keine Mediziner und wären daher überfordert. 2012 hat Bayern nach eigenen Angaben 148,7 Millionen Euro für Versorgung und Unterbringung ausgegeben.

Flucht nach Bayern.

(Foto: SZ Grafik)