FJS in Moskau Fliegergrüße aus Moskau

Der Hobbypilot Franz Josef Strauß landete im Schnee auf dem gesperrten russischen Flughafen - weiter hätte das Benzin auch nicht gereicht.

Von Andreas Roß

Es war Heilig Abend 1987, als bei Theo Waigel in Oberrohr das Telefon klingelte: "Hier Strauß, Herr Waigel, haben Sie über die Feiertage schon was vor? Ich habe eine Einladung aus Moskau bekommen, ich würde mir wünschen, dass Sie mitfliegen." Der CSU-Landesgruppenchef, der damals mit seinem Parteivorsitzenden noch nicht per Du war, musste nicht lange nachdenken. "Natürlich, ich fliege mit, Herr Strauß."

Hätte Waigel da schon gewusst, welches Abenteuer ihn erwartet, hätte er mit seiner Zusage vielleicht doch etwas gezögert. Aber der schwäbische CSU-Politiker sah dafür keinen Anlass. "Ich war schließlich bis dahin schon öfter mit Strauß geflogen und ich hatte nie Angst. Außerdem war ja immer ein Co-Pilot dabei", sagt Waigel heute.

Und so bestiegen an diesem 28. Dezember 1987 neben Waigel auch Edmund Stoiber, damals Leiter der Staatskanzlei, CSU-Generalsekretär Gerold Tandler und Wilfried Scharnagl, der Chef des Bayernkurier, sowie Strauß-Sohn Franz Georg den zweistrahligen Cessna-Jet, der dem Rosenheimer Fleischgroßhändler Josef März gehörte.

März stellte die Maschine seinem Freund Franz Josef bei Bedarf stets gerne zur Verfügung. Die Stimmung an Bord war, wie sich Waigel erinnert, auch relativ locker und gelöst - bis die Passagiere über Moskau gewahr wurden, dass im Cockpit zwischen Strauß und seinem Co-Piloten eine ziemlich heftige Diskussion im Gange war.

Der Co-Pilot war empört

Schließlich ging die Maschine runter, doch schon beim Aufsetzen auf der Piste sprang der Co-Pilot auf und rief empört: "So was mach' ich nie mehr mit", worauf Waigel, Stoiber, Tandler und Scharnagl betroffen ihren Beifall für die offenbar geglückte Landung einstellten. Beim Verlassen der Cessna auf dem schlecht beleuchteten Flugplatz registrierten die CSU-Politiker nur, dass es schneite und die Piste vereist war.

Strauß selbst war jedenfalls guter Dinge, auch wenn er beiläufig knurrte: "War'n bisschen schwierig, der Flug." Erst abends im Hotel, als alle gemütlich beieinander saßen, fragte Waigel den Co-Piloten: "Was war denn da heute los?" Der druckste aber nur herum und antwortete dann: "Es gab halt vor der Landung keine Übereinstimmung zwischen Pilot und Co-Pilot."

Strauß selbst verriet dann der staunenden Runde den Grund für die heftige Auseinandersetzung vor der Landung: Der Flughafen war wegen des eisigen Schneetreibens gesperrt, die Maschine sollte deshalb nach Minsk umgeleitet werden. "Und warum haben wir das nicht gemacht", fragte Waigel. "Weil wir nur noch für wenige Minuten Sprit hatten", antwortete Strauß und grinste fröhlich.

Die Geschichte ist legendär

Der Moskau-Flug von FJS mit seiner hochkarätigen CSU-Besatzung an Bord ist mittlerweile legendär - und jeder, der damals dabei war, erzählt heute gerne diese Geschichte. Nur in dem Moment, als Strauß seinen Mitfliegern Waigel, Tandler, Scharnagl und Stoiber die Details des riskanten Luftmanövers erzählt hatte, war denen flau im Magen geworden. Heute lachen sie darüber, ebenso wie über die ramponierte Pelzmütze von Stoiber, die seinerzeit unter das schwere Gepäck im Flugzeug geraten war und fortan in den kalten Moskauer Tagen nicht mehr getragen werden konnte.

"Franz Josef Strauß war ein leidenschaftlicher Flieger", sagt Waigel heute. Umso mehr habe ihn deshalb geärgert, dass er in einer Zeitung lesen musste, er würde sich bei seinen regelmäßigen Flügen nach Bonn immer an Ortsschildern und Kirchtürmen orientieren, weshalb seine Mitflieger immer ganz blass in der Bundeshauptstadt ankämen.

Der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler hatte diesen Scherz während der Koalitionsverhandlungen im Jahr 1987 in einem Hintergrundgespräch mit Journalisten gemacht und einer hatte das für bare Münze genommen und veröffentlicht. Weil Strauß ob dieser Zeitungsente um seinen Pilotenschein fürchtete, verklagte der CSU-Politiker den Journalisten.

Und so kam es, dass Theo Waigel vor einem Münchner Gericht sogar eine eidesstattliche Erklärung abgeben musste, dass der bayerische Ministerpräsident auf seinen Flügen nach Bonn selbstverständlich noch nie die Orientierung verloren habe. Deshalb sei es auch nicht richtig, dass er seine Flugroute an Ortsschildern und Kirchtürmen ausrichten müsse.

Bei der Leidenschaft, die Strauß fürs Fliegen entwickelt hatte, wirkt es nur folgerichtig, dass eine auf seine Initiative hin geplante Mineralölsteuerbefreiung für Privatflieger im Sommer 1988 letztlich in eine seiner größten politischen Niederlagen mündete. "Das hat ihm sehr, sehr weh getan", weiß Theo Waigel.