Firma Bayern-Ei Der Saubermann von nebenan

Ein Gebäude der Firma Bayern-Ei, aufgenommen am 21. Mai 2015 nahe Aiterhofen.

(Foto: dpa)

Wer ist Stefan Pohlmann, von dessen Hühnerställen aus sich Salmonellen verbreitet haben sollen? Er ist freundlich, sagt der Bürgermeister. Aufbrausend, sagen Mitarbeiter. Eine Spurensuche in Niederbayern.

Von Philipp Grüll, Frederik Obermaier und Lisa Schnell, Aiterhofen

Es gibt nur ein paar verwackelte Fernsehbilder von ihm. Sie stammen von 1996. Damals drückte sich Stefan Pohlmann aus dem Gerichtssaal, hinter seinem Vater, der von Gegnern "Hühner-Hitler" genannt wird und als "Tierquäler der Nation" gilt. Jetzt werden dem jüngsten Sohn der Pohlmann-Familie ähnliche Vorwürfe gemacht.

Die Bilder, die in den vergangenen Tagen in Verbindung mit seinem Namen durch die Medien gingen, sind erschreckend: zerrupfte, zusammengepferchte Hühner, Käfige, in denen mumifizierte Hühnerkadaver neben Eiern liegen. Sie stammen laut GPS-Angaben aus Pohlmanns Fabrik, der Firma Bayern-Ei in Niederbayern. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, weil sich aus den Ställen Salmonellen europaweit verbreitet haben sollen; Hunderte Menschen erkrankten und mindestens zwei Männer starben. Was ist das für ein Mann, dessen Firma mittlerweile nur noch als "Skandal-Betrieb" bezeichnet wird? Wer ist Stefan Pohlmann?

Eine Spurensuche in Niederbayern

Aiterhofen, ein kleines Örtchen, Hauptsitz der Firma Bayern-Ei: ein weißer Industrieklotz mit unzähligen Schornsteinen, der auf einem Verkehrsschild euphemistisch als "Farm" bezeichnet wird. Durch die Gegensprechanlage heißt es, Pohlmann habe für die Presse "keine Zeit". Die Staatsanwaltschaft hat erst vor wenigen Tagen seinen Betrieb durchsucht. Sein Ruf - und damit wohl auch die Existenz des 44-Jährigen - steht auf dem Spiel.

Im Visier: Mit 25 Jahren stand Stefan Pohlmann 1996 vor Gericht. Jetzt ermittelt der Staatsanwalt wieder.

(Foto: dpa)

Pohlmann wohnt etwa zehn Kilometer von Aiterhofen entfernt, in Straubing. Sein Haus steht im "guten Viertel", wie die Anwohner es nennen: ein Neubaugebiet am Stadtrand mit mediterranen Villen, wo auch Tierärzte des Hühner-Konzerns Wiesenhof und die Geschäftsführerin des Eishockey-Vereins Straubing Tigers ihr Haus haben sollen. Das alles seien aber nur "Gartenhäuschen" im Vergleich zu Pohlmanns Villa, sagt einer aus der Gegend. Das Anwesen liegt etwas erhöht, hat zwei Terrassen, ein Eingangsportal mit Flügeltüren, vom breiten Balkon führt der Blick über Felder direkt in die Berge. Etwa 1100 Quadratmeter soll das Grundstück haben. Einen Keller soll sich Pohlmann angeblich als "gute Stube" ausbauen haben lassen mit Kassettendecke und Holzvertäfelung. So was kostet in der Regel 2000 Euro pro Quadratmeter. Geld spiele bei Pohlmann keine Rolle, sagen Nachbarn.

Er nahm in Kauf, dass seine Hühner "intensive Qualen" erlitten

Der Unternehmer ist einer der größten Eier-Produzenten Deutschlands - und womöglich auch einer der skrupellosesten. Spätestens seit 1996 jedenfalls ist der Name Pohlmann in Tierschützerkreisen ein Synonym für Tierquälerei. Stefan Pohlmann stand damals mit seinem Vater vor Gericht, beide saßen sie in Untersuchungshaft. Pohlmann senior wurde unter anderem verurteilt, weil er fast 4200 Kilogramm giftiges Nikotin in seinen Ställen versprühen ließ. Herkömmliche Schädlingsbekämpfung war ihm zu teuer, dass seine Hühner "intensive Qualen" erlitten, nahm er laut Urteil in Kauf. Auch, dass ein Mitarbeiter fast starb. Dabei war Stefan Pohlmann offenbar nicht unbeteiligt.

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Laut Gerichtsunterlagen war er es, der dem Mitarbeiter die Nikotinkanister gab. Als sich der Mann nach einer Sprühaktion vor Schmerzen krümmte, sich erbrach und nach Luft japste, soll Stefan Pohlmann eine halbe Stunde lang einfach nur zugesehen haben - bis sein Vater ihm erlaubte, den Mitarbeiter ins Krankenhaus zu fahren. Mit einem Hinweis: nichts von dem Nikotin zu sagen. Fast eineinhalb Stunden, so ist es im Urteil gegen seinen Vater nachzulesen, verschwieg Stefan Pohlmann die wahre Ursache, warum der Mitarbeiter in Lebensgefahr schwebte. Eineinhalb Stunden, in denen sich das giftige Nikotin weiter in dessen Haut fraß, in denen die Ärzte ihn nicht zielführend behandeln konnten. Vor Gericht nahm der Vater alle Schuld auf sich, sein Sohn hätte von nichts gewusst, sei eher "ein Sunnyboy und Eierverkäufer" als ein Mann der Praxis. Am Ende wurde das Verfahren gegen Stefan Pohlmann gegen eine Zahlung von 100 000 Mark eingestellt. Bereits kurz darauf ließ er hinter der tschechischen Grenze eine riesige Hühnerfarm bauen.

In der Lokalzeitung steht kein einziger kritischer Artikel

Heute versucht sich der "Sunnyboy" in Straubing als ehrbarer Bürger zu etablieren. Offenbar mit Erfolg: Im Archiv des Straubinger Tagblatts, der einzigen Lokalzeitung, ist bis zum jetzigen Skandal seit 2007 kein einziger kritischer Artikel über den Unternehmer zu finden. Dafür berichtete die Zeitung über Pohlmanns Engagement für die Bürgerstiftung Straubing.

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Die setzt sich unter anderem ausgerechnet für Tierschutz und öffentliche Gesundheitspflege ein. Da fühlte sich der Eierbaron wohl angesprochen. Er soll 1000 Euro in die Stiftung eingebracht haben und ließ sich als Stiftungsbeirat aufstellen. Pohlmann wollte sich wohl "reinwaschen", vermutet einer aus dem Stadtrat. "Unmöglich" sei das bei einer Stiftung, die zum Teil von der Stadt finanziert wird. So empören sich Stadträte der Grünen und der ÖDP, seitdem der Eier-Skandal publik wurde. Davor bestätigte der Stadtrat Pohlmann als Stiftungsbeirat. Dass es sich bei ihm um einen der wichtigsten Eier-Fabrikanten der Region handelte, sei der Verwaltung "nicht bekannt" gewesen. Das kann man glauben, muss man aber nicht.

Mitarbeiter sprechen von einem Mann, der gerne mal ausrastet

Politikern präsentiert er sich als jemand, der nichts zu verbergen hat. So hat ihn zumindest Manfred Krä erlebt, Bürgermeister von Aiterhofen, dem Hauptsitz von Bayern-Ei. Pohlmann lud ihn und Anwohner zu einer Werksbesichtigung ein. "Picobello" habe es dort ausgesehen, sagt Krä. Protzen würde Pohlmann, der immer Jeans und Pulli trage, nicht. "Freundlich", "sachlich und kühl", so hat Krä ihn erlebt. Mitarbeiter von Bayern-Ei berichten etwas ganz anderes. Sie sprechen von einem Mann, der gerne mal ausrastet und seinen Angestellten eingebläut hat, Journalisten ja nichts von den Zuständen im Betrieb zu erzählen.

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Wie es bei Bayern-Ei zugeht, kann Markus Hehn regelrecht riechen. Zwischen der Fabrik und seinem Haus liegen nur 500 Meter. Bei Ostwind hat er den scharfen Ammoniakgeruch in der Nase, im Winter ist der Schnee gelb. Bis die Fabrik vor ein paar Jahren modernisiert wurde, war sein Garten im Sommer schwarz vor Fliegen, die vom Hühnerkot angezogen wurden. Nicht wenige in der Gegend würde es freuen, wenn Bayern-Ei schließen müsste, sagt er.

Pohlmanns Mitgliedschaft in der Straubinger Bürgerstiftung übrigens liegt mittlerweile auf Eis. Der Unternehmer habe "in gegenseitigem Einverständnis" zugestimmt, sie bis zum Ende der Ermittlungen ruhen zu lassen, heißt es im Straubinger Rathaus.

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