Fensterln an der Uni Passau "Wie kann dieser Wahnsinn passieren?"

Tradition oder Diskriminierung? Der Brauch des Fensterlns, der zurzeit die Uni Passau erschüttert, berührt Grundfragen des Genderismus.

(Foto: Imago)
  • Mit einer Podiumsdiskussion sollte der Streit über den Fensterl-Wettbewerb an der Universität Passau befriedet werden.
  • Die Gleichstellungsbeauftragten der Uni kritisierten den Wettbewerb als sexistisch. In den sozialen Netzwerken gab es eine Diskussion, die aus dem Ruder gelaufen ist.
  • In einem sind sich alle Beteiligten einig: So etwas soll nicht mehr passieren.
Von Hans Kratzer, Passau

Ein Streit um einen harmlos anmutenden Studenten-Wettbewerb hat die Uni Passau schwerer erschüttert als der Großteil der hochschulpolitischen Kontroversen der Vergangenheit. Die Organisatoren und die Gleichstellungsbeauftragte der Uni waren unterschiedlicher Auffassung in der Frage, ob der Fensterln-Wettbewerb Frauen diskriminiere. In den sozialen Netzwerken brach ein Shitstorm los. "Passau ist für Betrachter aus der Ferne eine Provinzmetropole am Rande der Republik, die wieder einmal eine herrlich kuriose Geschichte liefert", fasste der in der Stadt arbeitende Journalist Hubert Denk die Lage zusammen.

Am Donnerstag sollte eine Podiumsdiskussion im vollbesetzten Audimax der Universität dazu beitragen, den Druck aus dem Kessel zu nehmen. Die Veranstaltung brachte vor allem die Erkenntnis, dass hinter dem lokalen Thema, das sich in Passau entzündet hat, zu einem guten Teil ein allgemeines gesellschaftliches Unbehagen zu erkennen ist. "Das Gender-Thema ruft auch Ängste hervor, weil sie gewohnte Rollenbilder in Frage stellt und alte Gewissheiten, die unser Leben bisher strukturiert haben, aufbricht", sagte die an der Uni Passau lehrende Anglistin und Gender-Forscherin Joanna Rostek.

Betroffenheit über die Folgen für die Gleichstellungsbeauftragten

Der Strafrechtsprofessor Holm Putzke warnte davor, Gender zur Ideologie zu erheben. "Dort, wo er extrem ist, ist Genderismus eine Pseudowissenschaft, wenn er als Ideologie verstanden wird, dann reißt er Gräben auf." Man müsse vorsichtig sein, in dieser Frage nicht zu missionieren; diese Gefahr sieht Putzke aber in Passau nicht. Gleichwohl wurde die Universität von der Debatte um das Diskriminierungspotenzial des Fensterlns ganz unerwartet getroffen, sie war darauf nicht vorbereitet, und die Protagonisten haben sich auch nicht immer geschickt verhalten. Darauf konnten sich die Diskutanten im Audimax schnell einigen.

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Betroffenheit rief Uni-Präsident Burkhard Freitag hervor, als er die gesundheitlichen Folgen des Streits für die Gleichstellungsbeauftragte der Uni sowie für ihre Stellvertreterin schilderte. Der Shitstorm habe beide Frauen tief getroffen. "Es ist schlimm", sagte Freitag: "Beide sind in Tränen aufgelöst, versuchen mit Mühe, ihre Familien zu schützen." Diese Folgen hatte niemand auf dem Radar, als der Streit vor einigen Tagen in die Öffentlichkeit getragen wurde. "Das darf nie mehr passieren", appellierte Freitag an die Studentenschaft. "Nehmen Sie dies alle zum Anlass, über das Geschehene zu reflektieren."

"Tradition und Gleichstellung - ein Widerspruch?" So lautete das Thema der Diskussion, die am Ende kein klares Ergebnis hervorbrachte, aber die Einsicht, dass bei solch hitzigen Debatten eine Lösung im Dialog allemal besser sei, als sie den sozialen Netzwerken zu überlassen. Die Stürme, die dort losbrechen, sind kaum zu zähmen, wie längst bekannt ist. Und doch ruft diese Tatsache immer noch blankes Erstaunen hervor, auch an der Uni Passau. "Wie kann dieser Wahnsinn passieren?", fragte Carola Jungwirth, die frühere Frauenbeauftragte der Uni. "Mit dieser Dynamik hatten wir nicht gerechnet."

Uneinigkeit über das Verhalten der Gleichstellungsbeauftragten

Präsident Freitag verteidigte das Einschreiten der Gleichstellungsbeauftragten ohne Wenn und Aber: "Sie hat richtig und kompetent gehandelt, denn sie ist für die Umsetzung des Gleichstellungskonzepts verantwortlich." Putzke widersprach Freitag: "Es ist nicht alles richtig gelaufen. Sie hat außerhalb ihrer Zuständigkeit gehandelt. Die Reaktion in den sozialen Medien war vorhersehbar." Jungwirth und Rostek beharrten darauf, dass der geplante Fensterln-Wettkampf diskriminierend sei, Frauen würden in dem sexualisierten Kontext der Veranstaltung zum Objekt degradiert.

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Stephan Dorn, 2. Bürgermeister der Gemeinde Neuhaus, empfahl den Parteien etwas mehr Gelassenheit. Er warnte davor, den Menschen die Freude an Traditionen zu nehmen, man müsse sie aber weiterentwickeln. Freitag bezweifelte mit Verweis auf einen Getränke-Riesen, der diesen Wettkampf erfunden habe, ob es sich bei der geplanten Veranstaltung um eine Tradition handle.

Auf die wohl erhoffte Entschuldigung der Studenten, die das Thema losgetreten hatten, wartete der Uni-Präsident letztlich vergebens, gleichwohl äußerten die Vertreter der Universität ihre Zufriedenheit über die große Anteilnahme an der Podiumsdiskussion. Nach dem Hinweis, dass die Uni ja kein Wirtshaus sei, sondern eine öffentliche Institution, die nach den Regeln einer öffentlichen Institution geführt werde, ploppte in den Reihen der Zuhörer der Verschluss einer Bierflasche auf, großes Gelächter.