Koalitionsgerangel nach der Arcandor-Insolvenz: Wirtschaftsminister Zeil beklagt die widersprüchlichen Positionen bei Firmenkrisen.
Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) ruft den Koalitionspartner CSU bei Staatshilfen für kriselnde Unternehmen zur Ordnung. "Die CSU muss zu einer klaren Linie zurückfinden", sagte er im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Hintergrund sind widersprüchliche Positionen aus der CSU zur Rettung angeschlagener Firmen.
Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil. (© Foto: ddp)
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Während sich Parteichef Horst Seehofer und Umweltminister Markus Söder für Staatshilfen etwa beim Handelsriesen Arcandor eingesetzt hatten, äußerte Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Bedenken. Das Unternehmen hatte am Dienstag Insolvenz angemeldet.
Zeil hat sich offenbar darüber geärgert, dass der Umweltminister und Nürnberger CSU-Chef Markus Söder wenige Tage vor der Insolvenz von Arcandor vor den Beschäftigten auftrat und Staatshilfe in Aussicht gestellt hatte: "Was Opel für Rüsselsheim ist, das ist Quelle für uns." Quelle ist eine Arcandor-Tochter.
Zeil sagte der SZ: "Man darf durch solche Äußerungen nicht den Eindruck erwecken, als sei jedes Unternehmen mit staatlicher Hilfe zu retten."
Immer deutlicher treten mittlerweile die Differenzen in der schwarz-gelben Regierungskoalition zu Tage, wenn es um Staatshilfen geht. Zeil verteidigte ausdrücklich den Schritt der Politik, Arcandor in die Insolvenz gehen zu lassen anstatt mit Krediten und Bürgschaften auszuhelfen. "Ich halte die Insolvenz für richtig", sagte Zeil. "Alles andere wäre nur eine Scheinlösung geworden. Der Staat kann die Probleme nicht lösen." Von der Pleite sind auch Tausende Arbeitsplätze in Franken betroffen, wo die Versandhaussparte ihren Sitz hat.
CSU-Chef Horst Seehofer hatte sich bis zuletzt für Staatshilfen für Arcandor stark gemacht. Angesprochen auf die unterschiedlichen Positionen innerhalb der Koalition sagte Zeil: "Sicherlich wäre es gut, mit einer Stimme zu sprechen." Mitten in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten pocht Zeil auf seine wirtschaftspolitischen Grundsätze.
Er hatte in den vergangenen Wochen jede Gelegenheit genutzt, sich zu positionieren. Der Staat werde keineswegs einspringen, wenn Manager sich verzockt haben. "Marktwirtschaft ohne Risiko funktioniert nicht" - nach dieser Maxime arbeitet er.
Zeil sah sich durch die sich zuspitzende Krise bei Arcandor nicht veranlasst, seinen Amerika-Urlaub vorzeitig abzubrechen. Dort hat er im Anschluss an eine Dienstreise bis Freitag für einige Tage frei genommen. "Es gibt keinen Anlass zu Aktionismus", sagte Zeil. "Ich bin nicht aus der Welt." Er sei über alles informiert, sagte der Minister.
Unterdessen fürchten Kommunalpolitiker in Mittelfranken gravierende wirtschaftliche Auswirkungen für die Region, die in der Vergangenheit bereits den Niedergang von großen Firmen wie Grundig und AEG zu verkraften hatte. Es gibt bereits etliche Bürger, die nicht verstehen, warum dem Autobauer Opel geholfen wurde und Arcandor nicht. Job ist Job - argumentieren sie.
Der nächste Krisenfall in Franken steht schon auf der Agenda. Der Autozulieferer Schaeffler, der sich mit der Übernahme von Conti übernommen hat, hatte bereits wegen Staatshilfe bei der Politik vorgesprochen. Die Koalitionspartner CSU und FDP waren in dieser Frage schon einmal heftig aneinander geraten. Als die Rede war von Landesbürgschaften in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro, die auf Bayern entfallen könnten, hatte Zeil gesagt: "Das halte ich für ausgeschlossen." Daraufhin war Zeil scharf von CSU-Politikern angegriffen worden.
Bisher hatte Zeil in Bayern seinen rigiden Kurs gegen Staatshilfen durchsetzen können. Beim Wohnwagenbauer Knaus Tabbert hatte die Staatsregierung erst dann mit Bürgschaften in Höhe von mehreren Millionen ausgeholfen, als das Unternehmen nach der Insolvenz einen Neuanfang starten wollte. Auch dem traditionsreichen Porzellanhersteller Rosenthal will Zeil helfen, wieder auf die Beine zu kommen - nach der Pleite.
(SZ vom 12.06.2009/bica)
Die neueste Antwort
Herr Zeil ist gewiß ein ehrenwerter Mann. Grundsätze liberaler Wirtschaftspolitik sind im Lehrbuch faszinierend. Nun leben wir nicht im Elfenbeinturm, sondern im Hier und Jetzt. Fakten sind nun mal unumstößlich. Diese sind bspw., USA, die meisten u. wichtigsten EU-Länder handeln sehr staatsinterventionistisch. Hinzu kommen wichtige Staaten wie Canada, Brasilien, Japan(MITI), China, Indien, Taiwan, OPEC-Staaten, die nur sehr wenig dem freien Spiel der Märkte überlassen. Damit würden wir in Deutschland / Bayern auf immense wirtchaftliche Vorteile verzichten. Wir machten uns flügellahm u. handlungsunfähig. Warum haben wir keinen großen nationalen deutschen Ölkonzern?
Warum wurden viele dt. Erfindungen nicht hier verwertet, sondern für einen Appel und Ei ins Ausland verramscht (Beispiel Telefax)? Freies Spiel führt oft zu unguten Resultaten. Weil zuviele Schwachköofe an Schaltstellen. Freies Spiel hört sich gut an. Beispiel: Spitzen dergroßer DAX-Konzerne. Wer wird dort hingeschoben? Es gibt Konzerne, auch staatliche, angebliche Supermänner aus Ausland. Warum wohl ? Bei anderen: "bankenhörige" Personen. Oft unternehmerisch und technologisch nicht "weit her". Fall Hoechst AG. Als Chemiker an der Spitze standen und ein "Weltmeister im Verkauf", da rollte "der Rubel". Dann haben irgendwelche Journalisten, die Experten sein wollten, rumgemäkelt, ein Chemiker an der Spitze, das sei doch nichts. Dann kamen Leute aus dem Wirtschaftsprüfungs- und Finanzsektor. Sofort ging es unternehmerisch steil bergab und "Diener mehrerer Herren" haben den Konzern zerlegt ( und das auch noch stümperhaft) und die Einzelteile verhökert. Als ob Banker etwas von Realwirtschaft verstünden. Wir haben ja gesehen, auch in D., dass große Teile der Banker nicht mal ihr eigenes "Handwerk" (Nomenklatur) beherrschen. Die meisten, die den Schaden anrichteten, waren von Politikern, headhuntern, Wirtschaftsberatern hochgejubelte, und von Netzwerken favorisierte Luschen. Außen hui, innen pfui.
Ich denke, die Besten an die Spitze! Und nicht Blut ist dicker als.... Einige Großeigentümer sollten begreifen, dass das bisherige System morsch und verfault ist. Lehre daraus:
Ein kluges, wohlüberlegtes Eingreifen des Staates "rechnet" sich allemal. . Wer das Milliardengrab Aufbau Ost ohne Murren zahlt und die Schweinereien gewisser Banker einebnet, der sollte bereit sein, der Realwirtschaft in ausgewählten Einzelfällen helfen.
Es rechnet sich.
So weit, so gut.
Aber:
1.Unsere Kinder werden ordentlich Mühe haben, den Schuldenberg abzutragen, vor
allem, weil sie zu wenige sind.
2. Mag sein, dass es wirklich billiger ist, 1Jahr Arbeitslosengeld zu zahlen. Problematisch
ist es aber mit dem Weiterqualifizieren. Es wird den dann Arbeitslosen wenig weiter-
helfen, wenn sie innerhalb dieses Jahres 5 -oder 6-mal einen Kurs besuchen zum
Thema: Wie bewerbe ich mich richtig.
Viel mehr wird nicht geboten. Floristen hat man inzwischen genug.
3. Verrechnung mit der Parteienfinanzierung wäre schon eine Variante, wenn nur nicht
für die Parteiangestellten das Arbeitslosengeld so hoch wäre. Bliebe dann doch für
die anderen wieder nichts mehr.
Weiterbildung geht da auch nicht mehr, denn was Hänschen nicht gelernt, lernt Hans
nimmermehr.
Volle Zustimmung. Die (neo)liberale Linie, die die FDP schon immer vertritt (eine Linie, die meiner Meinung nach zu einem großen Teil mit Schuld an der Finanz- und Wirtschaftskrise ist) ist auch der Grund, warum ich diese Partei nie wählen würde. Und der Wahlkampf, in der die FDP damit geworben hat, der stärkste Kontrast zu schwarz zu sein, obwohl sie nie eine andere Absicht hatten, als mit der CSU zu koalieren (leider hats funktioniert, die haben echt viele Stimmen bekommen bei den Landtagswahlen) war natürlich unterste Schublade.
Allerdings: In dieser speziellen Frage hat Zeil zweifellos recht. Wie viele Kommentare hier während der vergangenen Tage gezeigt haben, sind sich einige offensichtlich nicht bewusst, dass Guttenbergs Haltung nicht exemplarisch für die CSU ist. Seehofer und Söder würden noch jedem B*nzen die Steuermilliarden hinterherschmeißen.
der stärkste Kontrast zu Schwarz sei Gelb hiess es...selten so gelacht. Das Marktwirtschaft mit Risiken verbunden ist, kann jeder nachvollziehen. Wenn es aber nach der FDP geht, trägt das Risiko der Arbeitnehmer und Steuerzahler. Die Gewinne bekommt der Manager und Aktionär. Dieser starke Kontrast ist schon sehr schnell farblos geworden.
Es kann nicht Aufgabe des Staats sein, Unternehmen, die durch deutliches Eigenverschulden und Managementfehler bereits vor der Wirtschaftskrise in Schwierigkeiten geraten sind, zu "retten".
Die so genannte "Rettung" kostet den Steuerzahler Milliarden. Noch unsere Kinder werden diese Schulden abbezahlen. Im Vergleich dazu wäre es sogar billiger, den Menschen, die durch die Pleite ihres Unternehmens arbeitslos werden, ein Jahr lang zusätzlich Arbeitslosengeld zu zahlen, damit sie die Chance haben, sich weiterzuqualifizieren und in Ruhe einen neuen Jon zu suchen.
Die Gelder, die von der GroKo für die Opel"Rettung" verschwendet wurden, sollten solange mit der staatlichen Parteienfinanzierung von SPD, CDU und CSU verrechnet werden, bis sie abbezahlt sind. Hier wurde Wahlkampf mit Steuergeldern betrieben!
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