Augsburg in Hochstimmung Mit dem Stolz der Aufsteiger

Seit der FC Augsburg in die Bundesliga aufgestiegen ist, ist die Atmosphäre mehr als euphorisch - und das nicht nur im Stadion. Die Schwaben haben ein neues Selbstbewusstsein. Vor dem Derby FC Bayern gegen FC Augsburg zittert sogar Uli Hoeneß.

Von Stefan Mayr

Reinhold Schilling war jahrelang Mitglied des FC Bayern-Fanclubs 'D"Mendlschpizer Offingen'. Schon als Soldat in den 1980er Jahren hatte er eine Jahreskarte für das Olympiastadion. Doch seit Sommer 2011 ist alles anders.

Der 50-Jährige aus Jettingen-Scheppach (Kreis Günzburg) trat dem neugegründeten FC Augsburg-Fanclub Mindeltal bei. Ein Seitenwechsel mit fliegenden Fahnen - und wahrlich kein Einzelfall: Seit Menschengedenken waren Schwabens Fußballfans Samstag für Samstag nach München gegondelt, um Bundesliga-Fußball zu sehen. Aber jetzt, seit dem FCA-Aufstieg 2011, biegen immer mehr von ihnen schon in Augsburg ab - und identifizieren sich mit dem Underdog aus ihrer Bezirkshauptstadt in einer Art und Weise, wie sie es mit den Millionarios aus der Landeshauptstadt nie gemacht haben.

"Die Atmosphäre im Augsburger Stadion ist ja fast hysterisch", sagt Reinhold Schilling, "da wird ein Eckball mehr bejubelt als in München die Meisterschaft." Ja, die Stimmung ist blendend derzeit in Schwaben. Und das nicht nur auf den Tribünen der stets ausverkauften Arena, sondern auch in den Chefetagen der expandierenden Unternehmen. Mitunter scheint es, als könnten die Schwaben - einst eher sparsam und bescheiden und von den Großkopferten in München belächelt und benachteiligt - vor lauter Kraft und Selbstvertrauen kaum laufen. Sogar die Liste der sonnenreichsten Orte Deutschlands 2011 führt eine schwäbische Gemeinde an: Scheidegg im Allgäu.

Am Samstag gastiert der Emporkömmling FCA erstmals zu einem Bundesliga-Punktspiel beim Rekordmeister FCB, und Bayern-Boss Uli Hoeneß zittert schon: "Ehrlich gesagt habe ich vor Augsburg mehr Angst als vor Real." Bertram Brossardt, der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), sagt: "Schwaben ist ein industrielles Kraftzentrum und die bayerische Aufsteigerregion des letzten Jahrzehnts." Es bewegt sich was in Schwaben. Eine Region erfindet und erkennt sich neu.

In den ländlichen Gebieten Schwabens herrscht Vollbeschäftigung, im gesamten Regierungsbezirk liegt die Arbeitslosenquote bei 3,5 Prozent. Das ist bayernweit die Bestmarke - und sogar besser als vor der großen Krise 2008. Im Chancen-Index der VBW stehen die Landkreise Augsburg und Dillingen auf den Plätzen zwei und fünf - bundesweit. Kein anderer Kreis Bayerns ist besser. Und in den Top Ten des Freistaats stehen fünf schwäbische Kreise (Donau-Ries, Ostallgäu und Lindau folgen auf den Plätzen fünf, sieben und acht). Natürlich gibt es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Bundesliga-Aufstieg und Wirtschaftsaufschwung. Aber es gibt Wechselwirkungen: "Der FCA sorgt nicht nur für gute Stimmung", sagt Peter Lintner von der IHK Schwaben, "sondern ist auch ein echter Wirtschaftsfaktor." Die vielen Besucher bewirken einen "großen Kaufkraftzufluss, man darf das nicht unterschätzen", betont Lintner.

Nun mischten Firmen wie Fendt und Eurocopter, MAN und Kuka im Weltmarkt schon vorne mit, als die FCA-Fußballer noch drittklassig waren. Aber neuerdings werkeln die Schwaben zusätzlich an vielen neuen Projekten herum, mit denen sie bundesweit oder gar europaweit ganz vorne mitspielen.