Von Hans Holzhaider

Im Prozess um die Entführung von Ursula Herrmann beschreibt die Ex-Ehefrau den Angeklagten als Tierquäler.

Werner M., 58, der Mann, der vor dem Landgericht Augsburg angeklagt ist, im September 1981 die zehnjährige Ursula Herrmann entführt zu haben, hat bisher nur einmal selbst das Wort ergriffen. Das war am 19. Februar, dem ersten Prozesstag, als Werner M. eine lange Erklärung verlas, in der er seine Unschuld beteuerte. Seitdem verfolgt er den Prozess schweigend, aber stets aufmerksam. Wenn er den Gerichtssaal betritt, begrüßt er immer zunächst seine Ehefrau Gabriele, die zu jedem Termin aus ihrem Wohnort Kappeln in Schleswig-Holstein anreisen muss, keine geringe Belastung für eine Frau, die sich nur mit zwei Krücken fortbewegen kann, weil ihr seit einem Verkehrsunfall im Jahr 1979 ein Hüftgelenk fehlt.

Der Angeklagte Werner M. wurde von seiner ersten Frau als Tierquäler beschrieben. (© Foto: dpa)

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Werner M. beugt sich dann immer zu ihr hinunter und gibt ihr einen Kuss, ehe er neben seinen beiden Verteidigern Platz nimmt. Ein aufmerksamer, liebevoller Ehemann, signalisiert diese Geste. Er habe alle Lügen gestraft, verkündete er in seiner Erklärung am ersten Prozesstag, die damals nach dem Unfall prophezeit hätten, er würde seine Frau bestimmt bald im Stich lassen.

Mehr über die Persönlichkeit des Werner M. hat man seit diesem Tag nicht erfahren, und deshalb sah man den am Dienstag geladenen Zeugen mit einer gewissen Spannung entgegen. Werner M.s Halbschwester, sein Stiefsohn, seine leibliche Tochter und schließlich seine erste Ehefrau - würden sie Aufschluss geben können über einen Mann, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, er habe ein zehnjähriges Kind in eine im Wald vergrabene Kiste gesperrt und es dort jämmerlich ersticken lassen?

Aber die Auskünfte blieben spärlich, und irgendwelche Schlussfolgerungen über Schuld oder Unschuld des Angeklagten ließen sich aus ihnen nicht ziehen. Außer, möglicherweise, aus der Episode mit dem Hund - jenem Vorfall, den der Angeklagte selbst in seiner Erklärung mit dem Satz gewürdigt hatte, da habe er sich "nicht anständig" verhalten.

Elfriede W. war bis 1976 mit Werner M. verheiratet. Sie hätte das Recht, die Aussage zu verweigern, aber sie tut es nicht. Mit dem Hund, berichtet sie, hatte es folgende Bewandtnis: Es war ein Mischlingshund, mittelgroß, mit Namen Susi. "Es war eigentlich mein Hund", sagt sie. Susi hatte die Unart, öfter mal den Papierkorb umzukippen und den Inhalt auf dem Fußboden zu verstreuen.

An diesem Tag im Oktober 1974 habe Susi wohl den Abfalleimer in der Küche umgekippt. Jedenfalls war der Hund verschwunden; auf ihre Frage habe Werner M. gesagt, er habe ihn nach draußen gelassen. Dann fuhr er aufs Oktoberfest. Im Lauf des Tages, sagt Elfriede W., habe sie Fleisch aus der Kühltruhe nehmen wollen. Sie öffnete den Deckel - und da lag Susi, steifgefroren. Sie habe vor Schreck den Deckel gleich wieder zufallen lassen und ihre Schwiegermutter angerufen, die das Tier dann aus der Truhe holte.

Als ihr Mann vom Oktoberfest zurückkam, habe sie ihn darauf angesprochen, berichtet die Zeugin. "Er sagte: ,Och, nimm das nicht so tragisch.‘ Er habe vergessen, den Hund aus der Truhe zu nehmen." "Erweckte er den Anschein, als ob er es bereut", fragte die Rechtsanwältin Marion Zech, die Ursula Herrmanns Eltern und ihren Bruder als Nebenkläger vertritt. "Nein, eigentlich nicht", antwortete die Ex-Ehefrau des Angeklagten.

Man erfährt dann noch, dass Werner M. ein eher distanziertes Verhältnis zu Kindern hatte, seine eigenen eingeschlossen, und dass er sich, wenn es Streit zwischen seiner Ehefrau und seiner Mutter gab, immer auf die Seite der Mutter geschlagen habe, die sich, aus Sicht der Ehefrau, ständig in das Leben der Familie einmischte. Anlass für die Trennung der Eheleute sei schließlich auch ein Familienkrach während des Weihnachtsessens im Haus der Schwiegermutter gewesen, als einem der Kinder die Knödel nicht schmeckten.

Staatsanwältin Brigitta Baur hält der Zeugin noch vor, was sie bei einer Vernehmung im Januar 1982 gesagt habe: Dass sie, als sie von dem Verbrechen an Ursula Herrmann erfuhr, gleich auf den Gedanken gekommen sei, ihr Ex-Ehemann könne der Täter sein, weil der doch immer Geld brauchte und auch in der Lage sei, so eine Kiste zu bauen. Ob sie sich daran noch erinnern könne. "Nein", sagt Elfriede W., "eigentlich nicht."

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(SZ vom 15.04.2009/bosw)