Fall Mollath Gutachter muss Betroffenen unvoreingenommen gegenübertreten

Bei Begutachtungen, die psychiatrische Zwangsmaßnahmen und Unterbringungen im Maßregelvollzug betreffen, sollte der Gutachter dem Betroffenen unvoreingenommen gegenübertreten. Er muss sich auf die Lebensgeschichte des Menschen einlassen, der da vor ihm sitzt. Er muss die subjektiven Erfahrungen und die Erlebniswelt des Betroffenen nachvollziehen können. Er muss für eine gewisse Zeit die Akten beiseiteschieben und nur die Person anschauen - anders gewinnt kein Gutachter das notwendige Vertrauen des Betroffenen. Bei Mollaths Geschichte fällt auf, dass der einzige Psychiater, dem ein Gespräch mit ihm gelang, die zuvor gestellte Diagnose einer "wahnhaften Störung" nicht bestätigt fand.

Psychiater Nedopil über Mollath "Eine psychische Störung ist nicht nachweisbar"

Gustl Mollath ist nach Einschätzung von Norbert Nedopil, einem der bekanntesten forensischen Psychiater, nicht mehr gefährlich für die Allgemeinheit. Das bedeutet auch: Der Angeklagte ist voll schuldfähig.

Der Psychiatrie obliegt das zweifelhafte Privileg, bestimmte Formen der Wahrnehmung und des Erlebens der Welt für "verrückt" zu erklären, das heißt: aus der gemeinsamen Verständigung über die Wirklichkeit herausgefallen. Mit der Diagnose eines Wahns sind für den Betroffenen gravierende Konsequenzen verbunden. Gleichwohl lässt sich "Wahn" schwer fassen und im Wesentlichen nur aus der unmittelbaren Kommunikation mit dem Betroffenen heraus erschließen.

Der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers nennt als Kriterien des Wahns: die unvergleichliche subjektive Gewissheit einer Überzeugung, die Unbeeinflussbarkeit dieser Überzeugung durch Erfahrung und durch logische Schlussfolgerungen sowie die Unmöglichkeit des Inhalts. Dabei wirft das letzte Kriterium die meisten Fragen auf: Nicht jeder Wahn ist bizarr, mancher klingt sogar beim ersten Hören recht vernünftig. Andererseits können auch bei angeblich psychisch kranken Menschen unwahrscheinlich klingende Behauptungen sich als wahr erweisen. Bei Mollath war dies der Fall.

Daher sollte auch der psychiatrische Gutachter jederzeit unvoreingenommen prüfen und prüfen können, ob das, was der Betroffene berichtet, nicht doch einen Realitätsbezug hat, also schlicht wahr sein könnte. Was der Psychiater von seinen Probanden oder Patienten erwartet, dazu sollte er auch bei seiner eigenen Arbeit bereit sein: die eigene Überzeugung infrage zu stellen - und sei es nur für einen Moment.

So sollte die Geschichte von Gustl Mollath die Psychiater insgesamt zu einer Selbstreflexion ihrer Rolle vor Gericht - und in der Gesellschaft - anregen. Damit möglichst niemand in den Maßregelvollzug kommt, der dort nicht hingehört.

Gerrit Hohendorf, 51, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er lehrt Geschichte und Ethik der Medizin an der TU München.

(Foto: Angelika Bardehle)