Von Dietrich Mittler

Dramatischen Folgen einer Reform: Eine Parkinson-Patientin findet keinen Arzt mehr, der sie noch behandeln will.

Könnte Christa Netz ein Bild malen, das ihre Situation beschreibt, dann wäre es eines mit zwei Mühlsteinen, die unerbittlich auf sie zurollen. "Als Zeitungsleserin wusste ich von den massiven Auseinandersetzungen zwischen den Haus- und Fachärzten, aber dass ich da einmal als Opfer mittendrin stehen würde, das hätte ich nicht geahnt", sagt die 74-jährige Parkinson-Patientin aus Greiling in Oberbayern.

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Christa Netz: Statt eines Rezeptes bekommt die Parkinson-Patientin eine Mail von ihrem Arzt. (© Foto: Mittler)

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Sie schaltet ihren Laptop an. Noch immer erscheint ihr die E-Mail unwirklich, die sie von ihrem Neurologen erhalten hat.

Denn eigentlich hätte ein Rezept ankommen müssen. Für die Monatsration an Medikamenten, die sie dringend braucht. "Wir waren buchstäblich auf dem letzten Tropfen angekommen", sagt Rüdiger Netz, ihr Mann.

Doch anstelle des Rezeptes traf die Botschaft ein: "Meine Praxis verzeichnet bei unverändert hohem investivem Aufwand einen Honorarrückgang bei den Krankenkassen von circa 60 Prozent und ist damit zwangsläufig unmittelbar existenziell bedroht", schrieb der Neurologe. Deshalb müsse er die Betreuung von Christa Netz jetzt einstellen.

Weiter hieß es in dem Brief: "Für meine Facharztgruppe stellt sich die Situation so dar, dass eine weitere kostendeckende Versorgung nicht mehr möglich ist, jeder Kassenpatient sogar zu einer weiteren Verschlechterung der Kostenbilanz beiträgt", las Christa Netz, und die nächsten Worte verschwammen vor ihren Augen: "Nach der jahrzehntelangen guten Zusammenarbeit, der hohen Wertschätzung Ihnen und Ihrer Krankheitsbewältigung gegenüber, tut es mir leid, Ihnen dies mitzuteilen.

Es ist zweifellos so, dass wir beide zu den großen Verlierern dieser verfehlten Gesundheitspolitik zählen." Die Gewinner seien die Hausärzte, die eine "überproportionale Mehrvergütung" erhielten.

Christa Netz und ihr Mann waren zunächst wie erstarrt. Erst jetzt fiel ihnen auf, wie nervös die Sprechstundenhilfe bei ihrem letzten Telefonanruf reagiert hatte. "Diese E-Mail stellte plötzlich alles in Frage", sagt Netz. Er zeigt auf die große Plastikwanne mit der Monatsration seiner Frau: "Wir brauchen Unmengen an Medikamenten", sagt er.

In seiner Not folgte der ehemalige Schiffbauingenieur dem Rat, den ihr bisheriger Neurologe am Schluss der E-Mail angehängt hatte: "Wegen der Rezeptur der etablierten und durch die stationären Aufenthalte bedingte Dauermedikamentation wenden Sie sich künftig an Ihre Hausärztin."

Die jedoch erklärte dem Ehepaar, sie könne die Medikamente nicht verschreiben. Sie versprach immerhin Hilfe und leitete den Fall an den ärztlichen Kreisverband Bad Tölz-Wolfratshausen weiter.

Der wiederum schrieb einen bösen Brief an den Neurologen, der nach 13 Jahren seiner Patientin per E-Mail den Laufpass gegeben hatte: Die Verordnung hochpreisiger Neurologika sei aufgrund der Medikamenten-Budgetierung für Hausärzte nicht möglich. Zwischen den Zeilen heißt das: Die Medikamente, die Christa Netz braucht, würden auf Dauer das Budget sprengen, das der Hausärztin zur Verfügung steht.

Zumindest schrieb der frühere Neurologe, auf den Christa Netz fachlich noch immer große Stücke gibt, ein letztes Rezept aus. Damit war wenigstens ein Monat gesichert. Erst nach fieberhafter Suche fand Netz einen jungen Facharzt, der sich bereit erklärte, künftig die Medikamente zu verschreiben. Doch die zeitintensive Behandlung, die Parkinson-Patienten dringend brauchen, die könne er sich nicht leisten.

Netz, der immer noch an das ärztliche Ethos glaubt, gibt die Hauptschuld an der Entwicklung der Gesundheitspolitik in Berlin: "Da ist unheimlich gepfuscht worden." Dass ihr langjähriger Arzt seine Frau einfach so vor die Tür gesetzt hat, kann und will er nicht glauben. "Der muss selbst unheimlich unter Druck geraten sein", sagt er.

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(SZ vom 17.02.2009)