Facebook-Hit Ein Mann, eine Gitarre, ein Lied

In der Nacht nach den Terroranschlägen von Paris hat Alex Diehl in seiner Dachkammer in Stein an der Traun erst getrauert und dann all seine Emotionen in einen Song gepackt. Das Handy-Video, das er von sich selbst beim Singen aufgenommen und ins Netz gestellt hat, rührt Millionen

Von Matthias Köpf, Waging am See

Ein Abend vor dem Fernseher, das Länderspiel in Paris, dann eine fast schlaflose Nacht vor dem Computer wegen der Terrorattacke. Am Samstag um fünf Uhr früh hat Alex Diehl schließlich seine Gitarre genommen und innerhalb einer Viertelstunde ein Lied geschrieben. Er hat sich selbst mit dem Handy beim Singen gefilmt und das Video auf seine Facebook-Seite gestellt. Dort haben es bis zum Mittwochabend 5,7 Millionen Menschen angeklickt und den 27-Jährigen aus dem oberbayerischen Waging am See über Nacht zum Superstar in den sozialen Medien gemacht. "Ein kleines Lied", wie der sehr analoge Song heißt, ist binnen weniger Tage zu einem großen geworden - zum ersten deutschen Post-Paris-Hit, übersetzt ins Finnische und Portugiesische.

Auf den Videoplattformen im Netz gibt es schon nachgeklampfte Coverversionen, in Foren tauschen die neuen Fans die Akkorde aus - viele Griffe sind es nicht, aber darauf kommt es nicht an. Alex Diehls Lied taugt zum Kopfnicken am Lagerfeuer, am besten zu später Stunde, wenn die Zynismen verbraucht sind. Oder gleich erst um fünf Uhr am Morgen, wenn es dafür zu spät und zu früh gleichzeitig ist. Spott und Häme sind bisher auch im Internet ausgeblieben. Das Wohlwollen, das all die vielen User und Kommentatoren dem bekennenden Idealisten für seinen Song entgegenbringen, ist so groß wie sein eigenes.

Da sitzt also ein massiger Mann mit kurzem Bart und fortgeschrittener Stirnglatze unter einer holzverkleideten Dachschräge singend auf einer Couch. Im Hintergrund hängt ein Antikriegsplakat, aus den Siebziger Jahren, das spätestens in den kalten Achtzigern aus den letzten WGs verschwunden zu sein schien. Der junge Alex hatte es schon in seinem Waginger Jugendzimmer hängen, und jetzt hängt es eben in der Dachkammer des 27-Jährigen in Stein an der Traun. Alex Diehl singt davor im Gegenlicht einer Ikea-Stehlampe mit rauer, übernächtigter Stimme von der Angst, die zum Hass, und vom Hass, der zum Krieg wird. Und die Menschen klicken.

"Ich hab' zu viel Angst, um still zu sein, es ist nur ein Lied, doch ich sing's nicht allein", beginnt der Refrain. Er kommt bald bei der Zeile "the world could live as one" aus "Imagine" und auch namentlich bei John Lennon an, der sich hier auf "denn" reimt. Dass sein kleines Lied weder ein Sprachkunstwerk noch ein besonders raffiniert komponiertes Stück Musik ist, weiß Alex Diehl selbst, der sonst mehr als eine Viertelstunde auf seine Songs verwendet.

Seit zehn Jahren macht er hauptsächlich Musik. Seit er mit 17 mitten in der Mathe-Klausur an der Fachoberschule in Traunstein das Abi geschmissen hat und prompt daheim rausgeflogen ist, obwohl sein Vater doch selber immer alte Bluesrock-Nummern gecovert hat. Kaum volljährig, meldete er ein Gewerbe als Gitarrenlehrer an, dazu die Ochsentour: Straßenmusik in der Burghauser Altstadt, sechs Stunden an der Klampfe in einer Pizzeria in Tittmoning, und immer wieder den Vermieter vertrösten. Seine eigenen Sachen hat er erst lange auf Englisch gesungen und seit fünf Jahren auf Deutsch. Damit ging es besser, es folgten Auftritte mit leidlich bekannten Deutschrockern und im vergangenen Jahr im Vorprogramm auf großen Bühnen in Berlin und am Münchner Königsplatz. Das erste Album namens "Ein Leben lang" und die Single "Robin Hood", zu denen es professionell produzierte Videos gibt, erschienen immerhin bei Sony. In den Kundenrezensionen der Online-Händler ist viel von Tiefgang und einfühlsamen Texten die Rede, doch in die Herzen von Millionen, an die er doch all die Jahre rühren wollte, hat Alex Diehl erst in der Nacht des Terrors getroffen.

Sein Lied ist vielen unter die Haut gegangen, wie ihm selbst diese Nacht und ihre Nachrichten unter die Haut gegangen sind. Unter die Haut ist es bei Alex Diehl sowieso nicht weit, und was ihn bewegt, das verschweigt er nicht. Die Angst und Verzweiflung nach den Attentaten von Paris mischte sich vor dem Computer schnell mit der Wut auf diese eilig hinausposaunte Stellungnahme der rechtpopulistischen AfD, die aus all dem gleich wieder ihr eigenes Süppchen kochen wollte, wie Alex Diehl es formuliert. Und in dieser Viertelstunde ist alles das zu diesem einem Lied geworden, wegen dem er auch in den Nächten danach nicht geschlafen hat. Angesichts der explodierenden Klickzahlen musste aus der Handy-Aufnahme ebenfalls über Nacht eine Studio-Version werden, die inzwischen von allen Radiosendern rauf und runter gespielt wird, auch wenn sie viel von der Unmittelbarkeit der improvisierten Erstfassung eingebüßt hat. Der Spülschwamm, mit dem er in der Nacht für die Aufnahme das Handy festgeklemmt hatte, ist nicht mehr im Spiel, schon gar nicht mehr mit der rauen Seite.

Alex Diehl, der das Bairisch des heimischen Rupertiwinkels zwar gerne redet, aber es nicht singen kann, weil ihm selbst dann alles zum Austropop seiner Jugend à la STS zu geraten scheint, stürzt sich in seine Mission: "Jetzt hört mir jemand zu und jetzt kann ich was bewegen", erklärt er das Feuer, das ihn wach hält. "Das ist sinnvoller als alles, was ich je zuvor gemacht habe." Den Sinn sieht er darin, der Angst eine Stimme zu geben, damit eben kein Hass und kein Krieg daraus wird. Alle Einkünfte aus dem Lied will er spenden.