Europäische Kulturhauptstadt Die Top Ten der Frankenmetropole

Nürnberg will Kulturhauptstadt 2025 werden. Ist die Stadt für so eine Bewerbung würdig? Darauf gibt es eine einfache Antwort: Ja, ist sie

Von Olaf Przybilla

Die Debatte begann zögerlich und wenig selbstbewusst, nach heftigem Zaudern hat sich die Stadt nun aber mit großer Mehrheit durchgerungen: Nürnberg will Kulturhauptstadt 2025 werden. Nicht München geht für Bayern ins Rennen, sondern eine Halbmillionenstadt in Franken? Da wird es Zweifler geben, auch und womöglich besonders in Franken, die nicht recht wissen, ob die Stadt für so eine Bewerbung wirklich auch würdig ist. Die SZ hat eine relativ banale Antwort darauf: Ja, ist sie. Was schon eine Bestandsaufnahme der zehn wichtigsten Kulturschätze Nürnbergs dokumentieren dürfte.

Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

So früh wie keine andere große Stadt in Deutschland hat Nürnberg begonnen, seine NS-Vergangenheit systematisch aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Natürlich: Wenig andere Orte hatten so viel Anlass dafür wie eben Nürnberg. Trotzdem gelang den Nürnbergern mit ihrem Doku-Zentrum ein Durchbruch, das Haus setzte Maßstäbe. Eine Stätte der Scham und Schmach als Ort, auf den man in der ganzen Stadt mit Schildern hinweist, auch während des Christkindlesmarktes? Noch vor 20 Jahren konnten sich das viele nur schwer vorstellen. In Nürnberg aber setzten sich diejenigen durch, die für eine offensive Dokumentation des NS-Erbes plädierten. 2001 wurde das Haus von Bundespräsident Johannes Rau eröffnet. Seither steigen die Besucherzahlen stetig.

Das Memorium Nürnberger Prozesse und der Saal 600

Wie der NS-Wahn begann, ist im Süden Nürnbergs dokumentiert, auf dem Reichsparteitagsgelände. Wie er wenige Jahre später endete, sieht man im Westen der Stadt, im Saal 600. Dort mussten sich die NS-Hauptkriegsverbrecher seit November 1945 vor den Augen der Welt verantworten, die Nürnberger Prozesse gelten als die Geburtsstunde des internationalen Völkerrechts. Als Museum und Ort der Dokumentation ist der Ostflügel des Justizpalastes bislang allerdings bedingt geeignet. Kapitalverbrechen werden an Nürnbergs Landgericht zurzeit noch im Saal 600 verhandelt - was mit den Interessen von Besuchern kaum zu vereinbaren ist. Das aber wird sich ändern: Bis 2019 soll der Saal ausschließlich als Museum genutzt werden und so die Räume des Memoriums erweitern. Dieses wurde vor sechs Jahren eröffnet, wie das Doku-Zentrum mit unverhofftem Erfolg: Vor allem bei Touristen aus Japan und Amerika ist das Interesse für den Geburtsort des Völkerrechts ungebrochen.

Die Nürnberger Kaiserburg

Warum die Nazis überhaupt darauf kamen, ihre Parteitage in Franken auszurichten, können Besucher ebenfalls im Süden Nürnbergs lernen. Von der "Großen Straße" aus blickt man vom ehemaligen NS-Gelände direkt auf die Kaiserburg im Kern des alten Nürnbergs, das architektonische Symbol für die Herrschaft mittelalterlicher Imperatoren schlechthin. In Nürnberg versuchte Hitler, seinem Parteivolk zu suggerieren, dass das "Dritte Reich" an das Römische Reich deutscher Nation anknüpfe. Diese für Nürnberg fatale Verquickung mag ein Grund dafür gewesen sein, warum die Kaiserburg als Museumsort lange verstörend stiefmütterlich behandelt wurde. Seit drei Jahren allerdings wird im Burgmuseum ein elementares Stück der Reichsverfassungsgeschichte präsentiert: Wie sich Herrschaft im europäischen Mittelalter konstituierte, können Besucher dort erleben. Trotzdem ist die Festung - eine der prägenden Burgen Europas - immer noch Großbaustelle. Aber auch das dürfte bis 2025 zu ändern sein.

Die Goldene Bulle im Staatsarchiv

Etwa 300 Meter nördlich der Kaiserburg, außerhalb der Stadtmauer gelegen, ist im Staatsarchiv eine Ausfertigung der Goldene Bulle aufbewahrt. Diese könnte man flapsig eine Art Krönungsanleitung nennen, tatsächlich handelt es sich um das Reichsgrundgesetz des Mittelalters, die erste deutsche Verfassung. Sie stammt in großen Teilen aus Nürnberg, als Ergebnis des Hoftages von 1356, und regelte die grundlegenden Dinge des Reiches. In ihren Kernkapiteln ist die herausragende Stellung der Kurfürsten beschrieben und auf Dauer fixiert, wem das Recht zufiel, den König wählen zu dürfen. Dass diese Ehre den sieben dominierenden Reichsfürsten vorbehalten blieb, war zwar längst gängige Praxis. Diese aber auch zu fixieren, gilt als fundamentaler Schritt auf dem Weg zur Verschriftlichung des Rechts. Vor drei Jahren wurde die Goldene Bulle zum Weltdokumentenerbe erklärt, sie steht damit in einer Reihe mit der Gutenberg-Bibel, dem Autograf von Beethovens Neunter und der Nibelungenlied-Handschrift.

Die Reichskleinodien im Stadtmuseum

Wer es weniger geschichtstheoretisch mag, kann sich die kulturelle Bedeutung Nürnbergs auch 200 Meter südlich der Burg anschauen. Im Stadtmuseum werden Kopien der Reichskleinodien präsentiert, die Insignien der mittelalterlichen Macht. Vor allem die Kaiserkrone erfreut sich größerer Beliebtheit, dass das Original in Wien aufbewahrt wird, kümmert die wenigsten. Der festgelegte Ort, um Krone und Szepter aufzubewahren, war ursprünglich Nürnberg, die Stadt des ersten Hoftages nach jeder Königswahl. Aus Angst vor den französischen Truppen wurden die Kleinodien aber 1794 aus der Stadt gebracht, 1801 erreichten sie Wien. Dass es Hitler war, der sie von dort aus für kurze Zeit zurück nach Nürnberg bringen ließ, an den Ort der alten Reichsherrlichkeit, peinigte die Stadt Jahrzehnte lang. Erst neuerdings hat man sich entschieden, auch diese quälende Geschichte zu dokumentieren.

Das Dürer-Haus

Die Werkstatt des deutschen Malers schlechthin, Albrecht Dürer, hatte lange einen Makel: Sie zeigt zwar, wie aus einem Nürnberger Renaissance-Intellektuellen ein europäischer Meister der Selbstvermarktung wurde. Originale aber waren dort nicht zu sehen. Erst eine private Schenkung machte das möglich, seit April verfügt das Haus über 143 Originale des Meisters aus Nürnberg: Kupferstiche, Radierungen, Holzschnitte, darunter das "Rhinocerus". Dürer-Experten schwärmen von einer "Qualität zum Niederknien".

Das Neue Museum

Und die Moderne? Schließlich ist der Titel Kulturhauptstadt kein Schönheitswettbewerb für historische Bedeutsamkeit. Die gibt es schon auch in Nürnberg, spätestens seit 2000 das Neue Museum eröffnet wurde. Das Haus tat sich lange schwer, ein bisschen Warhol, etwas Beuys, eine Prise Neo Rauch treiben Besucher nicht eigens in eine mittelalterlich geprägte Stadt. Spätestens seit der großen Gerhard-Richter-Schau vor zwei Jahren aber hat die Kunstwelt das Haus auf dem Schirm. Und als sich kürzlich eine 90 Jahre alte Dame im Museum veranlasst sah, Kreuzworträtsel-Kunst mit einem Stift auszufüllen, machte das Haus regelrecht Furore. Die Geschichte wurde in der ganzen Welt verbreitet.

Das Germanische Nationalmuseum

Das größte kulturhistorische Museum im deutschsprachigen Raum findet sich nicht in Wien, München oder Berlin. Sondern in Nürnberg. Warum ausgerechnet dort? Das folgt eben aus der Geschichte dieser Stadt, die als quasi centrum europae galt, als eine europäische Metropole des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Allerdings ist das Nationalmuseum nicht in allen Bereichen vorzüglich. Manche Abteilung wirkt arg verstaubt, die schiere Größe bringt es mit sich, dass dieses Haus nur sukzessive renoviert werden kann. Mindestens die erneuerte und großartig gelungene Dürer-Abteilung aber sollte man gesehen haben.

Das Staatstheater

Das größte Dreispartenhaus in Bayern findet sich ebenfalls nicht in München. Sondern in Nürnberg. Das Schauspielhaus wurde vor sechs Jahren für 37 Millionen Euro komplett erneuert, dem Opernhaus steht das noch bevor. Die Ballett-Sparte des Hauses ist exzellent, bis 2025 dürften auch die beiden Orchester der Stadt - die Nürnberger Philharmoniker und die Nürnberger Symphoniker - eine attraktive Heimat gefunden haben. Neben der Meistersingerhalle im Süden Nürnbergs plant die Stadt ein Konzerthaus. Es wird wohl, darauf ist man besonders stolz, früher fertig werden als das neue Konzerthaus in München.

Die Straße der Menschenrechte

Und wenn's nichts wird mit dem Titel? Dann bleibt Nürnberg "Stadt des Friedens und der Menschenrechte". Was ja auch ein erstrebenswerter, wenn auch in dem Fall selbst verliehener Titel ist. Das Werk dazu gibt es bereits, die Arbeit des israelischen Künstlers Dani Karavan sollte man gesehen haben. Auf 170 Metern sind an 27 Rundpfeilern alle Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nachzulesen.