Errichtung des KZ Dachau vor 80 Jahren Niemand kann sagen, er habe nichts gewusst

"Wir haben diese Maßnahme ohne jede Rücksicht auf kleinliche Bedenken getroffen": Mit einem zynischen Zeitungstext begleitet Heinrich Himmler die Eröffnung des Konzentrationslagers Dachau. Am Mittag des 22. März 1933 kommen unter den Augen Schaulustiger die ersten Häftlinge an.

Von Walter Gierlich

Niemand kann sagen, er habe nichts davon gewusst, dass die Nationalsozialisten in Dachau ein Konzentrationslager errichten wollten. Nicht nur im NSDAP-Blatt Völkischer Beobachter, sondern auch in den Münchner Neuesten Nachrichten ist am Dienstag, 21. März 1933, eine Pressemitteilung Heinrich Himmlers unter der Überschrift "Ein Konzentrationslager für politische Gefangene" abgedruckt.

Der "Reichsführer SS" ist damals kommissarischer Polizeipräsident von München. In der Meldung ist zu lesen: "Am Mittwoch wird in der Nähe von Dachau das erste Konzentrationslager eröffnet. Es hat ein Fassungsvermögen von 5000 Menschen." Weiter heißt es, dass dort "die gesamten kommunistischen und - soweit notwendig - Reichsbanner- und marxistischen Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen" werden, weil man sie, so der zynische Text weiter, auf Dauer weder in den Gerichtsgefängnissen behalten noch in die Freiheit entlassen könne.

"Wir haben diese Maßnahme ohne jede Rücksicht auf kleinliche Bedenken getroffen in der Überzeugung, damit zur Beruhigung der nationalen Bevölkerung und in ihrem Sinn zu handeln", erklärt Himmler abschließend. Einen Tag später, am Eröffnungstag des Konzentrationslagers ist die Meldung, die selbst von den Kieler Neuesten Nachrichten gedruckt wird, dann auch in den Dachauer Zeitungen zu lesen.

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Begonnen hat der Terror der Verhaftungen ohne jegliche Rechtsgrundlage in Bayern bereits knapp zwei Wochen zuvor. Am 9. März setzen die Nationalsozialisten die bayerische Regierung unter Ministerpräsident Held ab und übertragen die politische Macht im Land an den NSDAP-Mann Franz von Epp. Die Jagd auf politisch missliebige Gegner, allen voran die Kommunisten, beginnt noch am selben Tag. Sie werden verhaftet und großenteils ins Zuchthaus Landsberg am Lech verschleppt.

Mittlerweile laufen auch schon die Vorbereitungen zur Errichtung des Konzentrationslagers im Osten von Dachau an. Bereits in der Nacht vom 13. auf den 14. März werden Licht- und Wasserleitungen auf dem Gelände der ehemaligen Pulverfabrik instand gesetzt, die den Namen Deutsche Werke trägt und seit Jahren leer steht. Im örtlichen Amperboten wird einen Tag danach über die Vorgänge auf dem Fabrikareal spekuliert: "Am gestrigen Sonntag trafen Leute in den Deutschen Werken ein, die anscheinend Vorbereitungen für eine Einrichtung des Freiwilligen Arbeitsdienstes treffen."

Auf einem Areal am Rand des Dachauer Mooses ist im Ersten Weltkrieg eine Pulver- und Munitionsfabrik errichtet worden. Rund 8000 Menschen streben in den Kriegsjahren in den kleinen Marktflecken Dachau (die Stadterhebung war erst 1934), um in dem Rüstungsbetrieb zu arbeiten. Als der Krieg zu Ende ist, stehen Ende 1918 Tausende Arbeitslose auf der Straße. Dachau ist in den Jahren der Weimarer Republik der Ort mit der höchsten Arbeitslosenquote in ganz Deutschland.

Der Publizist Hans-Günter Richardi belegt die dramatische Situation der Erwerbslosen in Dachau in seinem Buch "Schule der Gewalt. Das Konzentrationslager Dachau 1933 -1934" mit Zahlen: "Nach einer Mitteilung des Reichsarbeitsministertums waren am 15. April 1926 in Dachau von tausend Bürgern 65 Menschen als arbeitslos gemeldet - dagegen zum Vergleich im ganzen Reich 28, in Bayern 21, in Preußen 28 und in Hessen 37. Im Jahr darauf sah das Ergebnis noch düsterer aus. Wie die Zahlen vom 15. Februar 1927 zeigten, waren in Dachau nun 70 von tausend Bürgern ohne Arbeit. Im Reich belief sich die statistische Vergleichszahl auf nur 28,2 Erwerbslose."

Dachau war keine Nazi-Hochburg

Dass die Nationalsozialsten ausgerechnet Dachau als Ort für ein Konzentrationslager ausgesucht haben, liegt wohl allein an der leer stehenden Pulverfabrik, deren Gebäude sofort genutzt werden können. Denn selbst bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1933, als Hitler längst Reichskanzler war, landete die NSDAP in Dachau nur auf dem dritten Platz hinter der Bayerischen Volkspartei und der SPD. Der Markt war also vor 1933 alles andere als eine Nazi-Hochburg.

Gegen 10 Uhr am Vormittag des 22. März steigen die ersten 50 Gefangenen im Zuchthaus Landsberg auf Lastwagen, die sie nach Dachau bringen. Gegen Mittag trifft der Transport an der Pulverfabrik ein, vor deren Eingang sich eine Menge Schaulustiger versammelt hat, wie die Münchner Neuesten Nachrichtenberichten. Das Lager wird zu diesem Zeitpunkt von der "2. Polizei-Hundertschaft" der Bayerischen Landespolizei bewacht. Im ersten Transport wird auch der Münchner Rechtsreferendar Claus Bastian nach Dachau gebracht, der die Häftlingsnummer eins erhält. Mehr als 200.000 werden ihm folgen.

Einige Wochen später, am 11. April, übernimmt die SS das Kommando und beginnt sofort mit der Misshandlung der Häftlinge und einen Tag später mit der Ermordung der ersten Gefangenen. 41.500 Menschen sind es insgesamt in den zwölf Jahren der Naziherrschaft, die im KZ Dachau ermordet werden, verhungern oder an Krankheiten sterben.

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