Von Susi Wimmer, Heiner Effern und Christian Sebald

Ein Polizist erschießt sich selbst beim russischen Roulette, jetzt geraten seine Ermittlungsmethoden ins Visier.

Aus den Lautsprechern dröhnt die dunkle Stimme Freddy Quinns über die Grabmäler. Der Sänger singt das Lieblingslied des Polizeibeamten Franz S., 56, von dem am Wochenende auf dem Friedhof im oberbayerischen Huglfing fast 1000 Freunde, Kollegen und wohl auch ein paar seiner "Kunden" Abschied genommen haben. Der Schlagerstar singt in seinem Anti-Kriegslied von den letzten Überlebenden einer Kompanie, die sich mit einer Hand voll Reis an Nahrung und 300 Schuss Munition durchschlagen.

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Grab des Polizisten Franz S. auf dem Friedhof in Hugling. (© Foto: oh)

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Die Urne von Franz S., 55, tragen uniformierte Polizeibeamte, rund um das Grab sieht man hochrangige Beamte, Kollegen in Zivil und auch Männer mit offenen schwarzen Hemden und Herrenhandtasche, die wohl eher von der anderen Seite kommen.

Der Polizist sei schon zu Lebzeiten eine Legende gewesen, heißt es. Wegen seiner Erfolge, seiner Beliebtheit bei Kollegen und seines unorthodoxen Vorgehens. Doch so sehr Franz S. am Grabe gerühmt wurde, seine Ermittlungsmethoden sind nun ins Visier geraten. Die Polizei ermittelt nach Informationen der Süddeutschen Zeitung intern, ob der Tod des Polizisten verhindert hätte werden können.

Der 56 Jahre alte Polizist hatte sich am 29. April beim russischen Roulette in einer Autowerkstatt in Peißenberg (Landkreis Weilheim-Schongau) schwer verletzt und war am 3. Mai gestorben. Nach Erkenntnissen der zuständigen Staatsanwaltschaft München II lud Franz S. seinen Revolver der Marke Smith & Wesson mit einer Patrone, ließ die Trommel rotieren, hielt sich die Waffe an den Kopf und drückte ab. Es habe sich "wohl um einen Trick" gehandelt, der nicht funktioniert habe, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Dort geht man deshalb nicht von einem gewollten Suizid, sondern von einem "tragischen Unglücksfall" aus. "Nun wird geprüft, ob es den Vorgesetzten bekannt war, dass der Kriminalbeamte diesen Trick schon öfter gemacht hat", sagt der Sprecher.

Ein Fall für die Dienstaufsicht

Auch die Staatsanwaltschaft hat Erkenntnisse, dass Franz S. das letztendlich tödliche Spiel nicht zum ersten Mal vorgeführt hat. Man habe das "immer wieder gehört", sagte Oberstaatsanwältin Regina Sieh. Allerdings erst nach dem Tod des Beamten, wie sie betont. Die endgültige Klärung sei nun eine Frage der Dienstaufsicht der Polizei. Da früher offenbar kein Schuss gefallen sei, "fällt mir dazu kein Straftatbestand ein". Eine Mitschuld der anderen Anwesenden, darunter ein Kollege von Franz S., schließt sie aus.

Franz S., bekannt unter seinem Spitznamen "Vamos", ermittelte zuerst in München und vom Jahr 2000 an in Weilheim im Bereich der organisierten Kriminalität, hatte mit Bordellbesitzern, Waffenschiebern und Drogendealern zu tun. Dort musste man sich schon mal Respekt verschaffen, was Franz S. meist durch sein Auftreten gelang, manchmal aber auch mit Methoden, die eher zum ruppigen Fernseh-Kommissar Schimanski gepasst hätten. In Polizeikreisen kursiert die Geschichte, wonach "Vamos" in einem Grill-Restaurant von Szene-Mitgliedern nicht ernst genommen worden sei. Der Polizist habe kurzerhand eine Waffe gezogen und ein paar Schüsse in die Decke gejagt, erzählt man sich.

So anerkannt S. wegen seiner Erfolge unter seinen Kollegen auch war, so umstritten waren sein Auftreten und seine Methoden jedenfalls in den oberen Etagen der Polizei. "Er war ganz gewiss auf der richtigen Seite und hatte Erfolge", sagt einer, der ihn kannte. "Aber ob ein Polizist deshalb aussehen und sich so geben muss wie ein Zuhälter, ist die andere Frage." Gleichwohl, seine Ermittlungserfolge im Drogenmilieu und in der organisierten Kriminalität hätten stets für ihn gesprochen. Andere sind sich sicher, dass "der Typus Polizist, den er verkörpert hat, heute bei jedem Einstellungstest herausfallen würde".

In der Polizei, so heißt es, haben etliche Personen gewusst, dass S. seinen Ruf als harter Hund in der Szene der Bordellbesitzer und Drogendealer immer wieder damit untermauerte, dass er russisches Roulette spielte. "Und natürlich wäre das ein Anlass gewesen, ihm zumindest die Waffe abzunehmen", sagt einer. "In dem Moment, in dem das öffentlich geworden wäre, hätte das seine Degradierung oder seine Entlassung zur Folge haben müssen." Davor sind die Verantwortlichen offenbar zurückgeschreckt. Zwar habe es Untersuchungen gegen Franz S. gegeben, die jedoch nichts ergeben hätten, heißt es in Polizeikreisen.

Dass trotz all dieser dunklen Punkte so viele Kollegen dem toten Kommissar das letzte Geleit gegeben haben, hat für viele mit dessen großer Beliebtheit zu tun. Manche hoffen, hingegendass damit auch allzu kritische Nachfragen nach den Methoden des "Schimanski von Huglfing" gedämpft werden.

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(SZ vom 12.5.09/jab)