Erlangen Die Kunst des Heilens

Von der Äthernarkose bis zum ersten Retortenbaby Deutschlands: Das Universitätsklinikum Erlangen hat im Laufe seines 200-jährigen Bestehens immer wieder Medizingeschichte geschrieben

Von Anne Kostrzewa, Erlangen

Wer heute ein Medizinstudium beginnt, startet direkt mit dem Anschauungsunterricht: Präparierkurse in der Anatomie und Kurzpraktika sind Pflicht für alle, die es zum Staatsexamen bringen wollen. Die ersten Erlanger Medizinstudenten konnten von solcher Praxisnähe nur träumen. Kaum vorstellbar sind rückblickend die Bedingungen, unter denen sie ihr Fach erlernten, bevor das Klinikum vor 200 Jahren gegründet wurde: Das Studium bestand Mitte des 18. Jahrhunderts aus Frontalunterricht und Büchern. Einzig die Studenten höherer Semester konnten Erfahrung am Krankenbett sammeln - wenn ihr Professor sie zur Visite in seine Privatpraxis mitnahm.

Im Jahr 1779, mehr als dreißig Jahre später, stimmte Markgraf Alexander einem bescheidenen Ambulatorium zu, das zunächst in der Privatwohnung des zuständigen Klinikers Friedrich von Wendt untergebracht war. Die Aussicht auf eine praktische Ausbildung in der Medizin lockte bald mehr Studenten nach Erlangen als in Wendts Wohnung passten, doch die Mühlen der Bürokratie mahlten langsam. Das von Wendt 1781 beim Universitätssenat beantragte akademische Krankenhaus wurde erst im November 1815 eröffnet.

Die Uni-Klinik Erlangen.

(Foto: Peter Roggenthin)

Das kleine Haus in der Wasserturmstraße 14, in dem man heute Papierwaren kaufen kann, beherbergte zu seinen Anfangszeiten acht Patientenbetten. Im "Institutum clinicum chirurgicum" wurde von Beginn an neben der Versorgung der Kranken auch auf die Forschungstätigkeit Wert gelegt, was damals alles andere als selbstverständlich war. 1847 etwa verwendete Erlangen als erste deutsche Klinik die Äthernarkose für chirurgische Eingriffe.

Für Karl-Heinz Leven, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, war das bereits ein Vorzeichen auf Erlangens Weg in die "Spitzenliga der Hightech-Medizin", in der er das Klinikum heute sieht. Noch immer spiele die Forschung an der Uni-Klinik eine entscheidende Rolle. "Gerade die Zusammenarbeit mit der Medizintechnik ist hier etwas ganz Besonderes", sagt Leven. So waren Erlanger Wissenschaftler und Mediziner an vielen wegweisenden Entwicklungen beteiligt, die in der Medizin noch heute Anwendung finden. Besonders die bildgebende Medizintechnik - Röntgen, Computertomogramme (CT), Ultraschall und Magnetresonanztomografie (MRT) - sieht der Medizinhistoriker Leven eng mit der universitären Erlanger Forschung verknüpft.

Dass Siemens seine Werke nach dem Zweiten Weltkrieg vom besetzten Berlin in die Stadt an der Regnitz verlegte, ist für Leven ein weiteres Indiz für den medizintechnischen Ruf Erlangens, weit über Bayern hinaus. Von der Kooperation mit Firmen profitierte die Universität nach dem Krieg umso mehr, da sie als einziger Hochschulstandort Bayerns komplett unversehrt geblieben war und deshalb bei der Verteilung staatlicher Gelder für den Wiederaufbau zurückstecken musste.

Seinen Ursprung hat das Klinikum im Institutum clinicum chirurgicum.

(Foto: Stadtarchiv Erlangen)

Gemeinsam mit zwölf weiteren Kollegen hat Leven nun das 600 Seiten starke Werk "200 Jahre Universitätsklinikum Erlangen" verfasst. Darin sind auch medizintechnische Errungenschaften nachzulesen, die das Klinikum mit Grenzfragen der Medizinethik konfrontierten. Im April 1982 etwa konnte Erlangen die Geburt des ersten deutschen Retortenbabys vermelden. Der durch künstliche Befruchtung gezeugte Bub war für die Reproduktionsmediziner indes nur der Anfang. Vier Jahre später wurde in der Frauenklinik das deutschlandweit erste Baby aus einem tiefgefrorenen Embryo geboren. Ein weiteres Jahr später, 1987, kam hier das erste Kind aus einer tiefgefrorenen Eizelle zur Welt.

Im Jahr 2007 machte Erlangen erneut Schlagzeilen mit einem Baby, viel ungewisser war diesmal jedoch das Überleben des Säuglings. Die Mutter hatte in der 13. Schwangerschaftswoche einen Infarkt erlitten und war ins Wachkoma gefallen. Das Ziel der Ärzte war, die Schwangerschaft weiterzuführen. Das gelang 22 Wochen lang. Ein gesunder Bub konnte per Kaiserschnitt entbunden werden - eine medizinische Sensation, die jedoch bei vielen böse Erinnerungen wachrief an einen Fall, der 1992 unter dem Schlagwort "Erlanger Baby" die Öffentlichkeit in Atem gehalten hatte: Nach einem Unfall war bei einer Schwangeren nach einem Schädel-Hirn-Trauma der Hirntod festgestellt worden. Ihr Körper wurde an lebenserhaltende Maschinen angeschlossen, um das ungeborene Kind zu retten - vergebens.

Nach dem Krieg konnte gleich weitergearbeitet werden, wie bei der Visite in der Kinderklinik 1954.

(Foto: Sammlung Johann Georg Bücking Erlangen)

Jeder Entwicklung, jedem Forschungserfolg brachte dem Erlanger Klinikum mehr Medizinstudenten ein. Im Wintersemester waren es 3700 Studenten in sechs medizinischen Studiengängen. Aus acht Betten wurde im Laufe von 200 Jahren der zweitgrößte Arbeitgeber der Stadt, ein Großklinikum mit mehr als einer halben Million Patienten pro Jahr, das noch weiter wachsen will. Der Grundstein für den nächsten Neubau am Uni-Klinikum Erlangen soll im Herbst dieses Jahres gelegt werden. Das Gebäude wird als neues Herzstück des Chirurgischen Zentrums geplant, mit mehr als 20 Operationssälen, 42 neuen Betten für die Intensivpflege und einem Hubschrauberlandeplatz.