Energiewende in Bayern Warum das modernste Gaskraftwerk im Land keinen Strom produziert

  • Die wirtschaftliche Perspektive des Gaskraftwerk in Irsching ist laut Eon "äußerst kritisch".
  • Das verdeutlicht, wie trügerisch die Hoffnung der CSU ist, lieber auf Gaskraftwerke als Stromtrassen zu setzen.
  • Außerdem dürften neue Gaskraftwerke von der Politik kaum finanziell gefördert werden - auch weil sie teurer sind als Stromtrassen.
Von Christian Sebald

Es ist knapp fünf Wochen her, da hat Wirtschaftsministerin Ilse Aigner zum Abschluss ihres großen Energiedialogs die Formel "Zwei minus x" ausgegeben. Damit meinte sie: Von den beiden höchst umstrittenen Stromautobahnen nach Bayern lässt sich eine oder lassen sich womöglich beide verhindern. Die Voraussetzung: Ministerpräsident Horst Seehofer holt beim Bund genügend Förderung für den Bau neuer Gaskraftwerke in Bayern heraus. Zwar bezweifelten Experten sofort, dass das gelingen wird. Aber in der CSU nahmen sie Aigners Formel begierig auf in der Hoffnung, das Schlupfloch in dem verfahrenen Streit um die Stromautobahnen gefunden zu haben.

Am Freitag ist einmal mehr klar geworden, wie trügerisch diese Hoffnung sein dürfte. Denn da verkündete der Energiekonzern Eon, dass das Gaskraftwerk in Irsching an der Donau nahe Ingolstadt 2014 keine Sekunde lang zur Stromproduktion am Netz war. Die Turbinen wurden nur angeworfen, wenn das Stromnetz stabilisiert werden musste, um die Sicherheit der Stromversorgung zu garantieren.

Wirtschaftliche Perspektive für Irsching ist "äußerst kritisch"

Ausgerechnet Irsching, das genau so ein Gaskraftwerk ist, wie es sich Aigner und Seehofer als Alternative zu den umstrittenen Stromautobahnen vorstellen. "Die wirtschaftliche Perspektive von Irsching ist äußerst kritisch", sagte ein Eon-Sprecher. "So wie die energiepolitischen Rahmenbedingungen derzeit sind, können wir die Kosten des Kraftwerks nicht erwirtschaften." Natürlich dürften bei Eon nun wieder Überlegungen kursieren, die Anlage stillzulegen. So wie es schon im März 2013 der Fall war.

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Auch damals wollte Eon Irsching schon abschalten. Der Grund war der gleiche wie heute: Strom aus Gas ist viel zu teuer, als dass er gewinnbringend vermarktet werden kann. Vor zwei Jahren konnte Irsching nur gerettet werden, weil die Bundesnetzagentur das Kraftwerk für unverzichtbar für die Sicherheit der Stromversorgung erklärte. Seither bekommen Eon und die anderen Eigner Geld dafür, dass sie die Anlagen immer dann hochfahren, wenn es für die Stabilität der Leitungsnetze nötig ist. Der Vertrag geht bis März 2016. Es ist also wenig verwunderlich, dass Eon Alarm schlägt. Zumal der Konzern es ein Jahr im Voraus ankündigen muss, wenn er die Anlage abschalten will.

Für Gaskraftwerke gibt es auf Jahre hinaus keine Perspektive

Natürlich gaben sich Seehofer und Aigner sofort alarmiert. Seehofer nannte es empört einen "Treppenwitz", dass das "modernste Gaskraftwerk Europas" stillgelegt werden solle, uralte, umweltschädliche Kohlekraftwerke hingegen weiterliefen. Und Aigner erklärte, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) müsse "sofort handeln und den wirtschaftlichen Betrieb von modernen und umweltfreundlichen Gaskraftwerken ermöglichen". Dabei müssten sich Seehofer und Aigner für Irsching gar nicht so ins Zeug legen. Experten, aber auch der Grünen-Politiker Martin Stümpfig prophezeien der Anlage schon jetzt eine sichere Zukunft, weil sie so wichtig ist für eine stabile Stromversorgung. Auch Gabriel höchstpersönlich hat das bereits signalisiert.

Etwas ganz anderes ist das mit den neuen Gaskraftwerken, die sich Seehofer und seine CSU wünschen. Für sie gibt es, das zeigen die abermaligen Turbulenzen um Irsching sehr eindringlich, womöglich auf Jahre hinaus keine Perspektive. Denn wenn schon vorhandene Anlagen Millionengräber sind, finden sich gewiss keine Investoren in neue Anlagen. Zumal Bundeswirtschaftsminister Gabriel, aber auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wenig Neigung erkennen lassen, neue Fördertöpfe aufzumachen. Und Stromautobahnen, zumindest nach derzeitigem Stand, deutlich kostengünstiger sind als neue Kraftwerke.

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