Energiewende Bayerns lange Leitung

Noch steht die Zukunft der großen Hochspannungsleitung, die Strom von Nord nach Süd transportieren soll, in den Sternen.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)
  • Ursprünglich sollte 2016 mit den ersten Bauarbeiten für eine riesige Stromtrasse quer durch Deutschland begonnen werden. Bislang scheitert das Projekt am Widerstand aus Bayern.
  • Ein monatelanger Energiedialog im Freistaat brachte kein Ergebnis.
  • Wenn sechs von neun Atomkraftwerken in Süddeutschland in den kommenden Jahren vom Netz gehen, droht ein Energieengpass.
  • Ende der Woche soll sich eine Delegation aus Bayern mit Bundeswirtschaftsminister Gabriel in Berlin treffen.
Von Markus Balser

Wer den Machtkampf auf dem deutschen Energiemarkt gewonnen hat? Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie auf den Feldern an der Elbmündung im Kreis Dithmarschen an der deutschen Nordseeküste. Am Ufer wartet das stillgelegte Atomkraftwerk Brunsbüttel auf seinen Abriss. Im Hinterland drehen sich die Räder Dutzender Windparks. Dazwischen scheint fast jeder Fußbreit Marschboden mit Solarzellen bestellt zu sein.

Schon 2016 soll es genau hier eigentlich losgehen. Dann, so der Plan, werden Bauarbeiter Äcker umgraben, Waldarbeiter weiter im Süden Bäume absägen, um Schneisen zu schlagen für riesige Strommasten, 70 Meter hoch und damit fast doppelt so groß wie die meisten heutigen. In Wilster bei Brunsbüttel soll die 800 Kilometer lange Trasse nach Bayern ihren Anfang nehmen, die zur Hauptschlagader des deutschen Stromnetzes werden soll. Zu Beginn des nächsten Jahrzehnts sollen die Trasse Südlink und zwei weitere gigantische Gleichstromleitungen von Nord nach Süd führen. Mit bis zu 380 000 Volt würde dann Strom quer durchs Land gejagt.

Bayern droht bald eine große Stromlücke

Doch die Realität sieht bislang ganz anders aus. Seitdem die Energiewende Formen annimmt, wachsen auf lokaler Ebene die Probleme. Wo immer Pläne für neue Leitungen auf dem Tisch liegen, ist der Ärger nicht weit. Am Niederrhein, in Niedersachsen, vor allem aber in Bayern kämpfen immer mehr Bürger gegen Masten und den drohenden Wertverlust ihrer Häuser. Dabei wird sich genau hier entscheiden, ob Berlin das Versprechen halten kann, dass in den nächsten vier Jahrzehnten 80 Prozent des Stroms aus sauberer Wind-, Wasser- oder Solarenergie kommt.

Bayerns Ministerpräsident hat sich zum Vorsprecher von Initiativen gegen Stromtrassen gemacht. Aber kann er sich durchsetzen? Demo in Pegnitz.

(Foto: David Ebener/dpa)

Angesichts neuer Verzögerungen beim Trassenbau warnen die Netzbetreiber immer drängender vor Strom-Engpässen. "Mich erinnern die jüngsten Eskapaden um die Energiewende an ein Flugzeug, das abhebt, ohne zu wissen, ob es am Ziel die Landebahn gibt", klagt etwa Lex Hartman, niederländischer Chef des Netzbetreibers Tennet. Grüne Kraftwerke seien längst gebaut. Nun brauche das Land dringend Leitungen zwischen ihnen und den großen Verbrauchszentren. Sonst würde der Strom vergebens produziert. "Wir brauchen die Landebahn, um einen Absturz zu verhindern", sagt Hartman. Landespolitiker allerdings befürchten angesichts der wachsenden Bürgerproteste einen ganz anderen Absturz.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer zum Beispiel. "Das ist eine Generationenentscheidung", sagt der CSU-Chef. Sechs der sieben Regierungsbezirke Bayerns seien von den neuen Trassen betroffen. Wenn da etwas schieflaufe, sei die Mehrheit weg. Eigentlich sollte ein monatelanger Energiedialog den Streit in Bayern befrieden. Doch das Projekt ging am Montag ohne Ergebnis zu Ende. Die größten Herausforderungen könnten nur auf Bundesebene gelöst werden, sagte Wirtschaftsministerin Ilse Aigner.

Dabei drängt die Zeit. Während neue Windparks vor allem in Nord- und Ostdeutschland entstehen, werden in den nächsten Jahren in Süddeutschland sechs der neun verbliebenen Atomkraftwerke vom Netz gehen. Die Folge: eine große Stromlücke in Süddeutschland. Solarstrom kann diese Lücke mangels Stromspeichern allenfalls tagsüber schließen. Im Norden dagegen herrscht Überfluss. Windparks produzieren mehr Strom als verbraucht werden kann. Die Folge hier: ein Stromsystem, das in Teilen des Landes zu viel und in anderen zu wenig produziert. In Berlin wächst angesichts dieser drohenden Spaltung der Ärger über die Blockadehaltung beim Trassenbau. Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) warnt eindringlich vor weiterem Widerstand.

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Bayern müsse sich "endgültig für die beiden geplanten Stromleitungen nach Süden entscheiden". Andernfalls werde es "bitter für die bayerische Wirtschaft", prophezeit Gabriel. Dann werde Strom in Bayern zunehmend knapp. "Und alles was knapp ist, wird teuer." Irgendwann werde die EU Deutschland in verschiedene Preiszonen aufteilen. Mit der teureren in Seehofers Bundesland. Auch die Opposition übt harte Kritik an Bayern. Der CSU gehe es offenbar gar nicht mehr um die Energiewende, glaubt Oliver Krischer, Vize-Fraktionschef der Grünen. Sie wolle wohl eher Verhandlungsmasse zur Durchsetzung von CSU-Positionen schaffen: "Wer so agiert, stellt nicht nur die Energiewende infrage, sondern die Solidarität zwischen den Bundesländern insgesamt."

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Entnervt schaltet sich inzwischen auch die Energiebranche in den Streit ein. Die Debatte in Ländern wie Bayern beweise, dass sich destruktive Stimmen häuften, so Hildegard Müller, Chefin vom Bundesverband Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), einem Zusammenschluss von 1800 Unternehmen. Der Föderalismus stehe beim Netzausbau für "organisierte Verantwortungslosigkeit". Ohne die Trassen könnten die Nord-Bundesländer ihre Stromproduktion nicht zu den Verbrauchern bringen. Ihre Produktion liege beim Dreifachen des eigenen Bedarfs.

Ein Kompromissvorschlag aus Bayern kann die Wogen wohl kaum glätten. Wirtschaftsministerin Aigner wolle statt zwei Leitungen nach Bayern nur eine bauen, dafür aber Gaskraftwerke in Bayern errichten als Ersatz für die vier bis zum Jahr 2022 abzuschaltenden Atomreaktoren. Gehe man auf einen derartigen Kompromiss ein, kämen auch andere Bundesländer "mit solchen Forderungen", heißt es in Gabriels Ministerium. Gegen Reserve-Gaskraftwerke spreche, dass sie sich derzeit nicht rechneten. Die Kosten dafür müssten von allen deutschen Stromkunden getragen werden. Seit der Eskalation im Streit um Stuttgart 21 galt Bürgerbeteiligung als letzte Chance, große Infrastrukturprojekte im Konsens mit der Bevölkerung umzusetzen. Die Stromtrassen sollten zum Praxistest dafür werden, ob das funktioniert.

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