Von Wolfgang Roth

Wie hütet man einen neugeborenen Star? Das Publikum darf beim Anblick des Eisbärenbabys Flocke einfach nur dahinschmelzen - der Tiergarten aber muss kühl kalkulieren zwischen Vermarktung und seriöser Zoologie.

Weiß ist die Farbe der Unschuld. Weiß steht für Reinlichkeit, weil auf weiß noch der winzigste Schmutzfleck auffällt. Weiß waren die Felle, auf die Fotografen früher die splitternackten Kleinkinder legten, weiß und weich - Eisbärenfelle eben. Die Erinnerung an den Teddy tragen Erwachsene ein Leben lang in sich.

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Wenn dieser Teddy dann noch lebendig ist, wenn er einen dicken weißen Kopf hat und schwarze Knopfaugen, einen flauschigen Pelz und tapsige Gebärden, dann finden die Menschen das ganz, ganz süß. So einer war Knut, der Berliner. Aber Knut hat nun seine Unschuld verloren, trägt einen schmutziggrauen Pelz und wird immer mehr zum Raubtier. Die Massen drängen sich noch vor seinem Gehege, aber er ist nur mehr attraktiv wegen dem, was er einmal war.

Knut ist jetzt Flocke, und Flocke ist der Star des Nürnberger Tiergartens, irgendwo hinter den Mauern einer Aufzuchtstation verborgen. Der Star wird sorgfältig abgeschirmt vor den Paparazzi, ist aber im Internet und fast täglich im ZDF zu sehen, wenn nachmittags die Sendung "Nürnberger Schnauzen" läuft.

Die Videos sind für andere Sender frei zugänglich, so kanalisieren sie in Nürnberg den Medienrummel. Flocke gedeiht derweil prächtig, grunzt im Schlaf wie ein ausgewachsenes Schwein und lässt sich von den vier Pflegern massieren, die abwechselnd den Bärendienst leisten. Auf der Internet-Gästeliste des Tiergartens wächst die Liste der Kommentare noch schneller als Flockes Körper. Ganz viele, nicht nur Kinder, finden sie ganz, ganz süß, und oft ist das "süß" mit mehr als einem Ü geschrieben.

Mütter auf Abstand

Weniger süßlich ist die Vorgeschichte, die fast jeder in Deutschland kennt. Drei Junge kommen in den Höhlen zur Welt, zwei frisst das Muttertier, sozusagen Entsorgung auf Eisbärenart und bei Erstgeburten auch in freier Natur nicht so selten. Eines überlebt, weil es der anderen, sichtlich aufgeregten Mutter rechtzeitig weggenommen werden kann.

Das bedeutet Handaufzucht, frühe Prägung auf Menschen, das Fehlen jener sozialen Erfahrungen, die ein Bär, auch ein Zoobär, später für den Kontakt mit Artgenossen braucht. Dies ist mittlerweile gesicherte Erkenntnis der Zoologen, aber weil es seit Knut nur noch Eisbären-Experten im Lande gibt, wollten viele die Bärlein möglichst früh als Flaschenkinder sehen. Die Tiergartenleitung hätte Videokameras in den Höhlen installieren sollen, lautete ein anderer Vorwurf. Aber wer von den Kritikern, ob Rittersmann oder Knapp, hätte es gewagt, im Fall des Falles in die Bärenhöhle zu gehen?

Was eine Bärin mit einem Menschlein anstellen kann, erschließt sich im sogenannten Aquapark , wo Vera und Vilma, die letztlich gescheiterten Mütter, derzeit in getrennten Gehegen untergebracht sind. Nur eine Scheibe trennt die beiden, und vor allem Vilma will unbedingt hinüber, schiebt den gewaltigen Körper nach oben, wetzt die nasse Schnauze so fest am Glas auf und ab, dass ein lautes Quietschgeräusch ertönt. Springt wuchtig ins Wasser, kommt wieder zur Scheibe zurück, und da verharren sie nun, die Schädel nur Zentimeter voneinander getrennt.

Die eine hält einen Salatkopf in den Tatzen, die andere einen Fisch, so dass es aussieht, als wollten sie Präsente austauschen. Sie werden aber so schnell nicht zueinanderkommen, weil keiner weiß, wie das ausgehen würde. Auch Flocke wird allein sein, wenn sie im Frühjahr die Aufzuchtstation verlässt und Freigang bekommt. Bärenväter sind der ärgste Feind der Bärenkinder auch in der Natur, deshalb ist Felix ausquartiert worden in den Gelsenkirchener Zoo. Gut möglich aber, dass die Bärinnen der Jungen nach dieser Vorgeschichte dasselbe Schicksal bereiten.

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