Von Olaf Przybilla

Die Türkin Sengül Obinger lebt in Nürnberg, wurde mit 18 zwangsverheiratet, ihr Mann schoss auf sie - und doch hat sie sich hochgekämpft. Nun will sie Jura studieren.

Die Geschichte von Sengül Obinger beginnt in einem Saal des Nürnberger Amtsgerichts, es muss wohl im Jahr 1985 gewesen sein. Ihr Vater war angeklagt, weil er sich mit einem Mann geschlagen hatte. Der jungen Sengül, zwölf Jahre alt war sie damals, kam im Gericht eine wichtige Aufgabe zu: Sie sollte die türkische Verteidigungsrede ihres Vaters übersetzen, was nur halb von Erfolg gekrönt war. Zwar sprach sie perfekt Deutsch, der Vater aber wollte, dass seine Rede mit großer Verve zum Vortrag gebracht werde, und eine Zwölfjährige konnte das kaum bewerkstelligen.

Portrait Sengül Obringer im Rosenaupark in Nürnberg Bild vergrößern

Sengül Obinger wuchs in einer strengen türkischen Familie auf, wurde zwangsverheiratet und bricht nun auf, ihren Traum zu verwirklichen: ein Jura-Studium. (© Peter Roggenthin)

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Die Anwältin der Gegenseite aber, eine Frau im grauen Hosenanzug, konnte so reden, wie es der Vater gerne gehört hätte. Für das Mädchen ist diese Anwältin zu einem Leitmotiv geworden. Zunächst kamen die Bilder von der Frau mit der Aktentasche nur nachts, später verbrachte die junge Sengül halbe Tage damit, sich vorzustellen, wie es wohl wäre, so eine Frau zu sein. Ihr Leben allerdings, das musste sie bald einsehen, verlief nach einem völlig anderen Drehbuch.

Ihre Eltern sperrten sie in die Wohnung am nördlichen Rand von Nürnberg, sie sollte sich dort der Hausarbeit widmen. Ins Zentrum ihrer Stadt durfte sie zweimal im Jahr, um mit der Mutter Kleidung einzukaufen. Sie wurde schwer krank, den Abschluss an der Hauptschule schaffte sie nicht. Noch vor ihrem 18. Lebensjahr suchten ihre Eltern einen Mann für sie in der Türkei. Er kam nach Deutschland, dort schlug er sie so lange, bis sie kaum mehr denken konnte. Mit 23, sagt Sengül Obinger, war ihr Leben schon vorbei. Und eigentlich hatte es da noch gar nicht angefangen.

Einschusslöcher an der Decke

Es gibt ein Foto von Sengül Obinger, das sie erklären muss, weil man es sonst nicht verstehen kann. Eine Frau steht in einer Wohnung, im rechten Arm hält sie ein Kind, mit der linken Hand zeigt sie zur Zimmerdecke. Dort sieht man fünf Löcher in der Wand, es sind offenbar Einschüsse. "Diese Frau da auf dem Foto, das bin ich", sagt Obinger. Das Bild ist entstanden am Tag nach dem 7. August 1997. An diesem Tag hatte Rasit D. - der Mann, mit dem sie verheiratet worden war - sie zu erschießen versucht. Sengül Obinger mag das Wort nicht: Ehrenmord. Aber wenn man so will, sagt sie, dann habe sie an diesem Tag den für sie bestimmten Ehrenmord überlebt.

Sengül Obinger, heute 36, sitzt in einem Büro in der Nähe des Nürnberger Rosenau-Parks. Es ist eine schöne Gegend mit vielen renovierten Altbauten, viele Akademiker wohnen hier. Es gibt Situationen, sagt Obinger, da laufe sie einfach durch die Straßen dieses Stadtteils, und plötzlich überfalle sie ein Gefühl, das sie die ersten 23 Jahren ihres Lebens nur als Wort gekannt hat: Glück. Das Gefühl kommt ganz unvermittelt, ohne Anlass. Es geht wohl einfach darum, sich frei bewegen zu können, "einen Hosenanzug tragen und eine Aktentasche in der Hand halten zu dürfen", sagt Obinger. Und es gehe darum, anderen erzählen zu können, wie es möglich ist, sich aus einem Ghetto zu befreien - dass man das schaffen kann.

Dass sich ihre Geschichte für andere Migranten anhören mag wie ein besonders klebrig geratener Kitschfilm aus der Feder von Rosamunde Pilcher, das weiß sie. Obinger erzählt ihre Geschichte trotzdem. Gerade jetzt in der Sarrazin-Debatte. "Wäre Intelligenz eine Sache der Gene, dann würde ich heute nicht hier sitzen", sagt sie. Demnächst will sie in Erlangen Jura studieren.

Es hat nichts mit den Genen zu tun - es ist nur schwierig, wenn man ohne Bildung aufwächst. Obingers Vater ist einer der Männer, die aus Anatolien nach Nürnberg gekommen sind, weil es dort eine Arbeit für sie gibt. Ihre Mutter ist Analphabetin. Gesprochen wird zu Hause immer Türkisch, aber richtig lernt Sengül diese Sprache nicht. Im Urlaub in der Türkei merkt sie, dass sie die Grammatik nicht beherrscht. Auch deutsche Bücher soll sie zu Hause nicht lesen, ihre Mutter hält das Lesen grundsätzlich für überflüssig. In die Innenstadt gehen soll Sengül auch nicht, wer dorthin gehe, sei eine Schlampe, sagt ihre Mutter. Sengül wird nun Friseurin, so will es der Vater.

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  2. Vor der Kanzlei krankenhausreif geprügelt
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