Eichstätt Verzweifelte Schreie aus dem Abschiebegefängnis

In der einstigen Justizvollzugsanstalt Eichstätt sind Abschiebungsgefangene untergebracht. Die Anwohner leiden unter dem andauernden Lärm, ahnen aber auch, wie schlecht es den Leuten geht.

Von Dietrich Mittler

"Im Sommer dieses Jahres war der Radau unerträglich", sagt Joachim Windau (Name geändert). Der 85-jährige Rentner aus dem oberbayerischen Eichstätt ist direkter Anwohner der einstigen Justizvollzugsanstalt, in der aktuell 89 sogenannte Abschiebungsgefangene unterschiedlicher Nationalität untergebracht sind.

Und die haben insbesondere an warmen Tagen ohrenbetäubend auf sich aufmerksam gemacht: "Die schreien, trommeln und pfeifen", sagt Windau, der von seinem Wohnzimmer aus hinüber auf die vergitterten Fenster schauen kann.

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Zum Teil würden die Gefangenen auch Tierlaute nachahmen. "Affenlaute und so weiter", sagt Windau. Wegen der winterlichen Kälte habe die Belästigung nachgelassen, aber ganz vorbei sei es eben nicht. Mittlerweile haber er bereits mehrmals die Polizei informiert. "Aber die können auch nichts machen", sagt der 85-Jährige.

Im Justizministerium ist man sich des Problems bewusst: "Selbstverständlich nehmen die Anstalt und der bayerische Justizvollzug insgesamt diese Beschwerden sehr ernst", erklärte ein Sprecher am Mittwoch. Es seien bereits Maßnahmen zur Lärmreduzierung getroffen, beziehungsweise in die Wege geleitet worden. Die Gründe für die Lärmbelästigung durch Rufe und Schreie seien vielfältig. Ein Grund könne zum Beispiel sein, dass Abschiebungsgefangene nicht zur Arbeit verpflichtet seien "und somit keinen vorgegebenen geregelten Tagesablauf haben". Hier sollen nun Angebote wie etwa Kunst- und Musikkurse Abhilfe schaffen.

Dieter Müller vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst sagt, er verstehe, dass die Lage für die Anwohner belastend sei. Nicht minder verstehe er die Menschen in Abschiebehaft. Auch im Eichstätter Aktionsbündnis gegen Abschiebehaft machen sich viele Gedanken über die Ursachen des Lärms. Es sei ein "Mix aus Wut und Verzweiflung", glauben sie. Auch gehe es darum, die Aufmerksamkeit auf die eigene Situation zu lenken. "Die haben nichts mehr zu verlieren", hieß es.

Belastung für Anwohner und Gefängnis-Mitarbeiter

So denkt auch Franzi Wegner (Name geändert), die als Anwohnerin extrem unter dem Lärm leidet: "Die Flüchtlinge haben hier ihre Zukunft gesehen. Nun bricht für sie alles zusammen." In dieser Sache sei sie zerrissen zwischen ihrem Ruhebedürfnis und der Ahnung, wie schlimm es den Leuten gegenüber gehe, sagt Wegner. Gespräche im Treppenhaus hätten ergeben, dass Nachbarn ähnlich dächten. Doch da seien eben auch Kinder, die nachts ihre Eltern fragten, was da vor sich gehe.

Die nächtlichen Schreie wirkten tief in ihrem Inneren nach, sagt die 55-Jährige. "Das ist nichts, was man ausschalten kann wie einen Fernseher." Die Situation der Abschiebehaft setzt letztlich aber auch den Beamten zu, die die Gefangenen bewachen müssen. Am runden Tisch mit den Anwohnern klang das Mitte November deutlich durch. Bauliche Maßnahmen sollen nun zumindest die Lärmbelastung der Anwohner eindämmen.

Geplant ist, zunächst bei fünf Hafträumen schalldämmende Fenster einzubauen, die nur von Bediensteten geöffnet werden können. In Franzi Wegner löst diese Botschaft zwiespältige Gefühle aus. Letztlich erhöhe das nur weiter den Druck auf die Gefangenen.

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