Erfolgsautor Herbert Rosendorfer gestorben Späte Rückkehr in die Heimat

"Briefe in die chinesische Vergangenheit" war sein größter Erfolg - der Amtsrichter und Münchner Schriftsteller Herbert Rosendorfer ist in Bozen gestorben. Er setzte München ein literarisches Denkmal.

Von Wolfgang Görl

Um seinen Lebensabend zu verbringen, ist der Schriftsteller Herbert Rosendorfer zurückgekehrt in seine Heimat Südtirol, wo er seit 1997 in Eppan in einem alten herrschaftlichen Gebäude, umgeben von Obstgärten, wohnte. Die längste Zeit seines Lebens aber hatte er in München verbracht, wo er Jura studierte und später als Amtsrichter wirkte. Nach Feierabend aber saß er am Schreibtisch und verfasste Romane und Erzählungen - witzige, feine Stücke Literatur, deren Qualität von der Kritik häufig unterschätzt wurde.

Wie konnte es da anders sein, als dass München eine zentrale Rolle in Rosendorfers umfangreichem Werk spielt. Wer seine Prosa liest, der riecht förmlich den kleinbürgerlichen Mief, der die Treppenhäuser der Münchner Vorstadtquartiere einst erfüllte, der spürt aber auch die Lebensangst ihrer Bewohner, die sich abstrampeln mussten, damit es am Monatsende noch für eine Halbe Bier und einen Leberkäs reichte.

Bös sind Rosendorfers Figuren manchmal, saugrob, aber auch wieder liebenswürdig, wenn sie ihren Träumen nachhängen vom plötzlichen Reichtum, vom Wohlstand. Rosendorfer, der 1939 mit den Eltern in das Münchner Kleine-Leute-Viertel Au gezogen war, beobachtete genau, wie es dort zuging: "Bei den Familien, die in der Ohlmüllerstraße wohnten, zählte die bürgerliche Ordnung in christkatholischem Sinn. Sozialdemokraten lebten hier zwar, ziemlich viele sogar, die Au war ja eher ein proletarisches Viertel, aber Protestanten nicht. Eine geschiedene Frau galt als Schandfleck." Rosendorfer schrieb dies rückblickend in den 1990er Jahren. Da war die Geschichte schon weitergegangen: "Die Zeiten haben sich inzwischen geändert, auch in der Ohlmüllerstraße. Erstens wohnen dort fast nur Türken, und zweitens kümmert sich kein Mensch mehr darum, ob jemand geschieden oder verheiratet ist oder was."

Eine herrlich versponnene Satire über Münchens Eigenarten ist sein wohl populärstes Buch "Briefe in die chinesische Vergangenheit". Der chinesische Justiz-Mandarin Kao-tai gelangt darin mittels Zeitmaschine aus dem 10. Jahrhundert in das München der Gegenwart, in dem er von einer peinlichen Situation in die nächste gerät. Für den Chinesen erscheint die Stadt wie ein wahnwitziger Traum, und die Menschen - ach Gott: "Sie schreiten fort. Wohin schreiten sie? Ich habe den Verdacht, sie wissen es nicht. Jedenfalls, scheint es mir, sie schreiten fort von sich selber."

Salonrevolutionäre und Gschaftlhuber

Es versteht sich fast von selbst, dass Rosendorfer auch seine Justiz-Kollegen durch den Kakao gezogen hat, etwa in dem Roman "Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht." Rosendorfer hat später erzählt, wie man in Münchens Justizkreisen auf die Schmähungen reagiert habe. Natürlich hätten die Kollegen das Buch gekauft, wenn es auch nicht jeder zugab. Und natürlich hätten sie geprüft, ob sie darin vorkommen. Einige haben auch angerufen, weil sie sich porträtiert glaubten. "Ich hab' mir eine Standardantwort zurechtgelegt: ,Herr Kollege, Sie sind er Vierzehnte, der sich in dieser Figur erkennt'."

Immer wieder hat sich Rosendorfer mit alten und neuen Nazis literarisch auseinandergesetzt. "Dass in den KZs die Juden umgebracht wurden, habe ich schon als Kind gewusst", sagte er einmal in einem Interview. "Jeder, der behauptet, er habe nichts gewusst, lügt." Den Hitler-Spezi und nationalsozialistischen Haudrauf Christian Weber hat er in dem genau recherchierten Geschichtsroman "Die Nacht der Amazonen" porträtiert. "Ich habe Weber als Gegenstand genommen, weil man an ihm die schmierige, die pantoffeldämonische Seite des Nationalsozialismus zeigen kann."

Das vielleicht aufregendste und gewiss aberwitzigste Werk Rosendorfers ist der Roman "Deutsche Suite". Er ist eine virtuose Komposition aus realer und erfundener Geschichte, und man wird nicht viele Beispiele in der jüngeren deutschen Literatur finden, deren satirische Qualität an diese Groteske heranreicht. Ausgehend von der Fiktion, der bayerische König sei nach der Novemberrevolution 1918 auf den Thron zurückgekehrt, entwirft Rosendorfer ein verrücktes und doch stimmiges Polit- und Gesellschaftsszenario, bevölkert mit Nazis, degeneriertem Hochadel und erzreaktionären Klerikern, Salonrevolutionären und Gschaftlhubern - die alte bayerische Herrschaftselite, die, koste es, was es wolle, zurück zur Macht strebt.

Und der Gipfel des Irrwitzes: Hitler taucht auf. Er hat den Krieg überlebt und entpuppt sich als Frau. Spätestens bei diesem literarischen Einfall geriete ein mittelmäßiger Erzähler unentrinnbar auf Abwege. Nicht so Rosendorfer. Bei ihm wirkt sogar dies plausibel, ja, mehr noch: Es ist saukomisch. Auch in den Geschichten, die in der Nachkriegszeit spielen, geistern die Nazis durch München. So in der Erzählung "Ewige Wache", in der ein paar alte Kämpfer zusammenhocken, um ihre Erinnerungen und ihr Maulheldentum zu pflegen - verlogen bis ins Lächerliche.

Als Rosendorfer zum 75. Geburtstag im Februar 2009 ein Interview gab, sagte er über seine Rückkehr nach Südtirol: "Ich wollte heim, ich gehöre hierher." Rosendorfer war fünf Jahre alt, als die Familie von Bozen nach München zog. Infolge des Hitler-Mussolini-Pakts hatte sie sich gezwungen gesehen, nach Deutschland auszuwandern. Am Donnerstag ist Herbert Rosendorfer nach längerer Krankheit in Bozen gestorben.